S.P.O.N. - Der Kritiker Blödes Volk, blick auf diese Stadt!

Die Baustellen nerven, das Stadtschloss nervt, die Wichtigtuerei nervt und die Winseligkeit - Berlin nervt, klar. Noch mehr nervt aber die andauernde Kritik an Berlin von Nicht-Berlinern. In ihr offenbart sich die erschreckende Angst vor Veränderung in Deutschland.

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Berlin nervt, schon klar. Da stellen sie am einen Ende ihres von Baustellen zerfressenen Prachtboulevards ein unfassbar hässliches Baumarktzelt hinters Brandenburger Tor und schreiben Mercedes-Benz und Fashion Week darauf und glauben, das reicht schon, damit Marc Jacobs und Dries van Noten auf Knien angekrochen kommen. Da beschließen sie, dass sie ans andere Ende ihr Scheiß-drauf-egal-wie-teures-aber-mindestens-590-Millionen-Euro-Stadtschloss bauen, und die Box, in die Touristen jetzt schon mal klettern dürfen, um die schizoide Leere zu bestaunen, die sich dort gerade in Form eines für diese Stadt ungewöhnlich grünen Rasens auftut, wirkt wie eine riesige Sparbüchse für unsere abgehalfterte, abgemagerte Hauptstadt.

Berlin nervt, und zwar vor allem die Leute, die hier leben. Die Stimmung in der Stadt schwankt zwischen präpotenter Wichtigtuerei und pubertärer Winseligkeit. Das Mittelmaß der Menschen, die hier vor allem in der Politik in führende Positionen kommen, ist atemberaubend. Die Verwaltung ist ein Verwirrspiel, die Straßen sind Sudoku für Fortgeschrittene, Baustellen entstehen und verschwinden ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen oder gar Fortschritt, es ist ein wenig, als ob Beckett ganz Berlin in absurdes Theater verwandelt hätte.

Berlin nervt aber vor allem die Leute, die hier nicht leben, und das nervt am meisten. Da nehmen sie die Klischees unserer Gegenwart, also den Latte Macchiato und die Apple-Besitzer und die Yoga-Mamis, und machen den Prenzlauer Berg dafür verantwortlich. Da grummeln sie den kulturellen Exodus weg, der ihre Städte von Schriftstellern und Künstlern entleert, statt einfach selbst mal was mit der Wucht und dem Selbstbewusstsein zum Beispiel des "Blauen Reiters" zu starten. Da schreiben sie über die sogenannten "Mitte-Journalisten", als ob man im Münchner Gärtnerplatzviertel oder in Hamburg-Eppendorf nicht genauso verblöden könnte.

Da merken sie gar nicht, dass ihre Kritik an Berlin verschwendet ist: Wie toll Berlin gerade ist, das werden uns in zehn oder 15 Jahren amerikanische und französische und spanische Schriftsteller erklären, die heute hier von fast nichts leben und morgen von fast allem erzählen, von Neuköllner Atelierpartys, vom türkischen Theater in Kreuzberg und der Potsdamer Straße, wo sich Modeleute, Prostituierte, Künstler und Kuratoren an der Falafel-Bude treffen.

Es geht um Veränderung

Verschwendet ist die Kritik an Berlin also, weil sie oberflächlich ist und einen sehr deutschen Blick auf diese Stadt und dieses Land offenbart. Und weil sie mehr über die Städte aussagt, aus denen diese Kritik kommt, als über Berlin. Mehr über die Milieus, die Ängste und die Machenschaften dort, als über die luftarme Technokratie hier. Nicht ohne Grund war die Stimmung so mau vor ein paar Wochen, als eigentlich der 20. Jahrestag des Hauptstadtbeschlusses gefeiert werden sollte und vor allem von Bonn geredet wurde. Nicht ohne Grund war die "neue Mitte", von der Gerhard Schröder sprach, als er nach Berlin umzog, soziologisch gemeint und keinesfalls politisch im größeren, geografischen oder gar verfassungspolitischen Sinn.

Dieses Land hat eben gelernt, dass es am besten fährt, wenn es die Angst vor sich selbst zu seiner größten Stärke deklariert. Die alte BRD erfand deshalb Selbstschutzmechanismen, um die Deutschen vor sich selbst zu bewahren. Der Föderalismus ist so ein Selbstschutzmechanismus. Er wird verteidigt mit historischen Argumenten, die aber im Grunde Zirkelschlüsse sind, denn die Geschichte ist nicht dazu da, jede Veränderung zu verhindern. Er wird beschworen mit einer manchmal absurden Inbrunst und Selbstverleugnung. Er ist das, was an der oft so larmoyanten Berlin-Kritik interessant ist.

Denn es geht in Wirklichkeit doch nicht um Spielplatzscharmützel, das "Grill Royal" oder digitale Selbstausbeutung. Es geht, wie beim von heute aus betrachtet aberwitzig knappen Hauptstadtbeschluss, um die Frage, ob sich dieses Land verändern kann. Die Vereinigung von BRD und DDR hätte diese Möglichkeit geboten, sie wurde verschenkt. Heute wäre mal wieder Zeit, darüber nachzudenken. Schon damit diese nervige Berlin-Kritik aufhört und sich vielleicht mal jemand mit Verstand um den Straßenbau kümmert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 521 Beiträge
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Seite 1
blurps11 08.07.2011
1. Nervig...
...sind vor allem die zugezogenen Schwaben, Bayern und Dortmunder, die meinen, den Berlinern die Welt erklären zu müssen.
nataliadirks@gmail.com, 08.07.2011
2. Ich lebe seit
14 Jahren in Berlin. Ich muß hier leben weil ich beruflich gebunden bin. In keiner anderen Stadt Deutschlands, und ich mache überwiegend Urlaub in der BRD, fühle ich mich so unwohl wie in Berlin. Diese Stadt ist für mich der reinste Horror. Keine Werte, kein Benehmen, Asoziale im ÖPV, im Supermarkt, auf öffentlichen Plätzen, wohin man nur schaut. Leider leider kann ich dem nicht entfliehen. Mein persönlicher Traum: Ein Leben weit weit weg von der Primitivhauptstadt Berlin.
ian mcgregor 08.07.2011
3. Ich fühl' mich gut...
Zitat von sysopDie Baustellen nerven, das Stadtschloss nervt, die Wichtigtuerei nervt und die Winseligkeit - Berlin nervt, klar. Noch mehr nervt aber die andauernde Kritik an Berlin von Nicht-Berlinern. In ihr offenbart sich die erschreckende Angst vor Veränderung in Deutschland. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,773066,00.html
...ich steh' auf Berlin! (Wessi)
wowo1963, 08.07.2011
4. Berlin nervt...
Berlin nervt.... Soweit vollkommen richtig..... Aber nochmehr nerven die Berliner oder zugezogene Berliner, die meinen dem Rest der Republik mit ätzender und arroganter Schönfärberei Ihrer Stadt auf den Keks gehen.
Monark™ 08.07.2011
5. Also ...
Zitat von blurps11...sind vor allem die zugezogenen Schwaben, Bayern und Dortmunder, die meinen, den Berlinern die Welt erklären zu müssen.
Den Kölnern zum Beispiel tut es ab und zu ganz gut, wenn mal ein Schwabe, Bayer oder Dortmunder vorbeikommt und ihnen erklärt, dass es auch noch eine Welt außerhalb ihres eigenen Tellerrandes gibt. Vielleicht ist das in Berlin ähnlich?
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