S.P.O.N. - Der Kritiker Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen

Das langjährige Miteinander von Demokratie und Kapitalismus hat sich als Trugbild offenbart. Die EU mit ihren demokratischen Defiziten ist vor allem eine technokratische Utopie. Und die Tragödie an der gegenwärtigen Krise ist, dass sie nichts an dieser Fehlkonstruktion ändern wird.


Heute Nacht habe ich vom Krieg geträumt. Ich habe Geschützdonner gehört, ich habe Rauchwolken gesehen, ich habe gedacht, das kenne ich doch alles aus Filmen. Dann bin ich aufgewacht, habe auf den Wecker geschaut, und da, genau um 7.13 Uhr, ist mir wieder eingefallen, ach ja, 2011, 1911, 1811, wir leben in Vorkriegszeiten. Dann habe ich mir einen grünen Tee gemacht.

Das machen die Nachrichten mit mir. Vielleicht bin ich auch einfach ein wenig empfindlich.

Um mich zu beruhigen, war ich einen Tag vorher im Theater. "Die Sonne" hieß das Stück, das Premiere hatte, der Autor Olivier Py hatte es an der Berliner Volksbühne selbst inszeniert, schon der Titel erinnerte an den russischen Revolutionsschriftsteller Gorki, es sollte um utopisches Pathos gehen und die Frage nach der Möglichkeit von Freiheit, alles Dinge, die in der gegenwärtigen Situation zwischen Guy Fawkes und der Attacke auf Facebook ganz relevant schienen. Aber was macht das Theater? Während draußen die Welt zusammenkracht, während es endlich mal wieder eine echte, campierende Jugendrebellion im Westen gibt, während die Griechen beschließen, die Demokratie einzuführen - langweilt uns das Theater mit eitlem, schwulen Schwadronieren von den dionysischen und apollinischen Sphären in der Kunst, im Leben und, ach, auch in der Liebe.

Schmarrn. Es reicht einfach nicht mehr, ein paar schöne Worte zu reden und ein paar schöne Schwänze zu zeigen.

Ich hatte ja gehofft, dass mir vielleicht an diesem Abend irgendetwas klar werden würde. Mein Ressortleiter hatte mich zwar ausgelacht und gesagt: "Du gehst ins Theater? Schlaf gut!" Ein paar Freunde hatten mich eingeladen, mit ihnen das Bayern-Spiel zu schauen. Aber ich hatte eine widersinnige, fast störrische Hoffnung, dass sich mir das Schauspiel, das sich um uns herum abspielt, ausgerechnet im Theater offenbaren würde: Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen.

Sprung im Gefäß unserer Demokratie

War es das, was Frank Schirrmacher am gleichen Tag in seinem Aufmacher im Feuilleton der "FAZ" gemeint hatte? "Demokratie ist Ramsch" , sagte er, wir müssten uns endlich gegen die Übermacht der Märkte wehren. Schirrmacher witterte etwas, er sah den Sprung in dem Gefäß, das einmal unsere Demokratie war. Er war auf jeden Fall der gleichen Meinung wie die "taz", wie die Occupy-Everything-Kohorten, wie all die anderen, die auf der Suche sind nach einem linken Gefühl, nach einem Ausweg, nach irgendwas. Das bürgerliche Lager ist in Bewegung.

Die historische Zäsur dieser Woche war ja, dass die langjährige Ehe zwischen Demokratie und Kapitalismus sich mit einem Mal als Schimäre offenbarte. Da hatten wir immer nach China gestarrt und über den Shanghai-Kapitalismus diskutiert, wie es also sein könne, dass die Annahme dort nicht aufgehe, dass mit wirtschaftlichem Erfolg auch politische Gerechtigkeit ins Land käme, das hatten wir doch so vorausgesehen - und in der Zwischenzeit hatten wir völlig verpasst, dass wir unsere eigene Form des Shanghai-Kapitalismus längst hatten.

Die EU mit ihren demokratischen Defiziten ist ja tatsächlich vor allem eine technokratische Utopie. Eine Konstruktion, die aber nach 1989 auf dem Willen beruhte, volkswirtschaftliche und auch politische Grundannahmen beiseite zu lassen, weil der Weltgeist eh irgendwie auf unserer Seite war. Das war der Wirbel nach dem Ende des Kommunismus, in dieser Heilslogik wurde die Idee geboren, dass selbst abgeschlagene Länder wie Griechenland dabei sein sollten, Hegel hätte es so gewollt.

"Druck der Verhältnisse"

Es war eine kolossale Autosuggestion, und rückblickend wird es interessant sein zu sehen, wie es dazu kommen konnte. Warum hören wir uns überhaupt hermetisches Zeug wie Merkels ewiges "Fällt der Euro, fällt Europa" an? Das ist der Zirkelschluss als Handlungsanweisung und die Überführung von Politik in Dadaismus.

Die Tragödie der gegenwärtigen Krise ist dabei, dass sie nichts an dieser falschen Konstruktion ändern wird. Im Gegenteil. Unter dem "Druck der Verhältnisse" wird aus der falschen Utopie "die einzige Möglichkeit". Jedenfalls war das das Denken bis zu dem Stunt Papandreous, der wie ein absurder Deux ex machina über Europa kam. Aber immer, wenn man gerade denkt, wow, das kann ja alles gar nicht sein, legt sich die Geschichte nochmal in die Kurve und schüttelt einen durch - in bester Shanghai-Manier haben Merkel und Sarkozy den Aufstand gleich wieder niedergeputscht.

Es gibt in dem Stück "Die Sonne" übrigens doch noch eine lustige Szene: Immer, wenn der dionysische Schönling, der sich selbst zum Gott erklärt, das Wort Demokratie hört, kann er nicht anders, er muss dem anderen das Ohr abbeißen.

Das ist am Donnerstag passiert. Es war der 3. November 2011.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
Dartaen, 04.11.2011
1. Unverständlich
"Die historische Zäsur dieser Woche war ja, dass die langjährige Ehe zwischen Demokratie und Kapitalismus sich mit einem Mal als Schimäre offenbarte." Was haben denn die Ereignisse dieser Woche mit dem "Kapitalismus" zu tun? Dieses Wort scheint ein Sammelbegriff für alles zu sein, was schiefläuft. Selbst dann, wenn es sich eher in der politischen Sphäre abspielt.
Pethab 04.11.2011
2. Holla
Zitat von sysopDas langjährige Miteinander von Demokratie und Kapitalismus hat sich als Trugbild offenbart. Die EU mit ihren demokratischen Defiziten ist vor allem eine technokratische Utopie. Und die Tragödie an der gegenwärtigen Krise ist, dass sie nichts an dieser Fehlkonstruktion ändern wird. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,795735,00.html
Ist das jetzt ein vorsichtiger Versuch vom Spiegel sich der Realität anzunähern. Passt blos auf das ihr da nicht einige Werbeanzeigenkunden verliert.
thomas bode 04.11.2011
3. Technokratisches Konstrukt, Kopfgeburt
Die Eu wandelt sich nun vermutlich allgemein in der Wahrnehmung, weg von einem verheissungsvollen Zukunftsprojekt, hin zu einem knarrenden Konstrukt, das alle Aufmerksamkeit verlangt, und alles bedroht. Das liegt an der mangelnden Weisheit derjenigen die sich mit ihr vermutlich ein Denkmal setzen wollten, mit den besten Absichten, natürlich. Die Welt ist sehr komplex, aber unsere größten Staatenlenker aller Zeiten, von Schmidt bis Merkel, reden sie sich simpel, mit Schlagworten wie "Fällt der Euro..". Und sie glauben dass einfache Rezepte funktionieren, die sie ersonnen haben. Das ist Hybris. Und es ist übrigens Schwachsinn Europa zu einem Block schmieden zu wollen um in einem phantasierten Kampf der Giganten mit China und USA zu ringen. Aufgrund der irrigen Meinung, "wir" müssten "groß" sein. Neuseeland, Kanada, Australien sind nicht groß, juckt das irgendjemanden? Geht es den Leuten schlechter als in den großen USA? Ein Europa der Nationen und Regionen, dezentral und friedlich, soldiarisch natürlich in erfassbaren Bezugsgrößen, Familie, Gemeinde, Nation...das funktioniert. Zuerst hätte jedenfalls viel mehr politische Angleichung der Nationen wachsen müssen, DANN hätte man langsam die Eurozone erweitern können. Die Realität wurde teilweise ausgeblendet, die Finanzwelt, die kulturellen Unterschiede. Jetzt, Augen zu und durch, ein vereinigtes Europa durchzupeitschen, nur als verzweifelter Versuch Finanzprobleme zu lösen, ist abenteuerlich. Die Menschen werden da nicht mitspielen.
habnixsagnix 04.11.2011
4. 42
Dieser wunderbare aber in seiner schrecklichen Wahrheit beängstigende Artikel gibt mir ein winziges bisschen Hoffnung. Hoffnung darauf das mehr Menschen den drastischen Verfall demokratischer Werte erkennen, mehr Menschen sehen das unsere, aber auch in den anderen EU-Staaten, Politiker nur noch Marionetten sind. Und eben Hoffnung das der Spiegel nicht endgültig auf "BLÖD Zeitung" Niveau herabsinkt. Danke, Herr Diez
schamanka 04.11.2011
5. Gefällt mir.
Zitat von Dartaen"Die historische Zäsur dieser Woche war ja, dass die langjährige Ehe zwischen Demokratie und Kapitalismus sich mit einem Mal als Schimäre offenbarte." Was haben denn die Ereignisse dieser Woche mit dem "Kapitalismus" zu tun? Dieses Wort scheint ein Sammelbegriff für alles zu sein, was schiefläuft. Selbst dann, wenn es sich eher in der politischen Sphäre abspielt.
Ich finde die Idee echt gut, dass Finanzmärkte nichts mit Kapital zu tun hätten. Gefällt mir wirklich. Daran, dass nicht mehr "Kommunismus" der Sammelbegriff sein soll für alles, was vor 1989 schieflief, bei den andern selbstredend, wird man sich aber sicher nicht gewöhnen können.
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