S.P.O.N. - Der Kritiker: Eine bessere Welt ist googlebar!

Von Georg Diez

Das Internet verändert unser Gehirn. Ob zum Guten? Ob zum Schlechten? Erst wenn wir aufhören, auf so fürchterlich deutsche Weise das gesamte Medium charakterisieren zu wollen, wird der Blick frei auf die Chancen und Risiken, die die Technologie bietet.

Eine neue amerikanische Studie belegt, dass das Internet impotent macht. Ach, wirklich? Nein, natürlich nicht.

Warum soll das Internet dann dumm machen? Eine Grund könnte sein: weil wir anfangen, unser Gedächtnis an Google auszulagern. Das belegt "eine neue amerikanische Studie". Wir sind uns so sicher, sagt die Studie, dass Google die Antwort auf jede unserer Fragen kennt, dass wir uns selbst die Antwort nicht mehr merken. Wir können ja jederzeit nachschauen, nur ein Klick trennt uns vom kollektiven Gedächtnis, von unserer eigenen Erinnerung. Unser Gehirn verändert sich.

Aber nochmals: Macht uns deshalb das Internet dumm? Der Artikel aus "Science" beschreibt die Veränderung, die eine neue Technologie mit sich bringt. Diese Aussage ist erst einmal wertfrei. Es liegt an uns, was wir daraus machen, es liegt an uns, was wir darin sehen.

Sehen wir darin Verlust? Gefahr? Das Ende - wahlweise: der Aufmerksamkeit, der Anwesenheit, des Abendlandes? Oder sehen wir darin eine Chance: weil wir mehr Zeit und mehr Raum im Kopf haben, über anderes nachzudenken? Ein Geschenk: weil das kollektive Gedächtnis so viel reicher, verzweigter, komplizierter ist als unser eigenes? Sehen wir darin Freiheit: weil auch der Junge in Pakistan oder die Frau in Saudi-Arabien Teil dieses weltweiten Wissens werden kann?

In den deutschen Medien, vor allem in den großen Printmedien, ist die Antwort relativ klar: nein! Was war die Frage? Nein! Ach so.


Mit ungewohnt kämpferischer Entschiedenheit wird da ein Pessimismus praktiziert, der einen misstrauisch werden lässt: Spielen da nicht doch eher eigene publizistische oder wirtschaftliche Interessen eine Rolle, also der Schutz der eigenen Zeitung oder der eigenen Autorenposition? Denn die Argumente und Beispiele, was die Auswirkungen des Internets betrifft, kann man meistens so oder so sehen - es ist aber, als gebe es einen Schalter im Kopf, den die meisten Autoren einfach umstellen, und alles, was andere mit Optimismus betrachten, ziehen sie erst mal in Zweifel. Dadurch steht man natürlich schnell als schlauer Skeptiker da.

Besonders deutlich wurde diese räsonierende Wichtigtuerei bei der Frage darüber, welche Rolle die sozialen Netzwerke bei den arabischen Revolutionen gespielt haben. Natürlich kann man mit Facebook nicht auf syrische Polizisten schießen, aber es hilft doch schon zu wissen, dass man nicht alleine ist mit seiner Wut, dass es ein paar Tapfere gibt in Tunesien und auch in Ägypten einigen Ärger. Es hilft übrigens auch den saudi-arabischen Frauen, denen es mehr oder weniger verboten ist, Auto zu fahren, wenn sie auf YouTube Videos sehen von anderen autofahrenden Saudi-Frauen.

Ist das Internet also ein Freiheitsmedium? Auch bei dieser Frage kommt ganz schnell das dauernde: Ja, ABER! Aber: Apple. Aber: Zensur. Aber: von A bis Z.

Es ist vollkommen richtig, das Google-Monopol zu diskutieren oder die Frage, ob Apple ein Internet jenseits des Internets konstruiert, ob also durch Apps ein netzfreier Raum entsteht, in dem sich der Nutzer nur durch Apples Gnaden bewegen darf. Das wird ja auch überall dort getan, wo man mit Optimismus auf das Internet schaut.

In Aspen etwa, beim Ideas Festival, wo die Twitter-Gründer zu Gast waren und die Zuhörer in eine Art ehrfürchtige Gemeinde verwandelten, weil es wirkte, als seien die beiden Slacker da auf der Bühne Wiedergänger von Johannes Gutenberg. Dort war viel die Rede von den guten Dingen, die man mit den sozialen Netzwerken anstellen kann, "micro loans" etwa, also Kleinstkredite unter Umgehung der Banken, direkt zwischen zwei Personen. Oder der Austausch von Krankengeschichten, was den Patienten die Angst nimmt, etwas, das die meisten Ärzte nicht schaffen.

Oder, oder, oder. Das durchgehende Thema war: Emanzipiert euch von der Autorität, die bislang über euch geherrscht hat. Es wurde trotzdem höchst kritisch über das Internet geredet. Der Unterschied war, dass es nicht diesen europäischen oder eher speziell deutschen Hang zum Manichäischen gab - dass also etwas entweder total gut oder total böse ist. Diese ideologische Dimension durchzieht ja in deutschen Feuilletons immer noch das Reden über das Internet. In den USA sehen sie das angenehm pragmatisch.

Ein wenig belebt das Internet also, vor allem in den letzten Jahren, als sich die alles umstürzende Dimension dieser Technologie zeigte, die alten Klischees: dort eine Kultur, die im Neuen das sucht, was das Leben besser macht, hier eine Kultur, die vor allem das sieht, was das Bestehende gefährdet - wodurch der Status Quo auf einmal einen Wert an sich bekommt und Zeitungen, das Buch oder Autorität an sich fast als unveränderlich, als Maß aller Dinge gesetzt werden.

Es ist eine verblüffend naive Weltsicht. Sehr charmant hat das vor kurzem Steven Johnson vorgeführt, in seinem Buch "Where Good Ideas Come From", eine Art "amerikanische Studie" in Langform. Er beschreibt, wie das Buch zu einem Fetisch und das Durchstreifen einer Bibliothek idealisiert wurde. Die Bibliothek sei der perfekte Ort, Wissen zu vermitteln, so das Argument, weil man physisch durch die Buchreihen gehen könne und wahlweise, frei und zufällig mal dieses, mal jenes Buch herausgreifen könne. Das Internet dagegen und speziell Google gebe vor, dass man nur das finde, was man suche, dass also Zufälligkeit und Freiheit und letztlich Bildung verlorengingen.

Unsinn. Was schon intuitiv einleuchtet, wird letztlich auch durch, ja, eine amerikanische Studie belegt. Trotz Apple, trotz Google: Das Internet fördert geradezu exponentiell den Zugang zu Wissen, das einem auf traditionellem, analogem Weg verschlossen bliebe.

Also, ihr Tempelwächter, ihr Angstopportunisten und Dunkelkarrieristen: Entspannt euch, nervt uns nicht und denkt mit uns nach, wie wir das Netz nutzen können, um, ja, tatatataaa, eine bessere Welt zu bauen.

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1. Ungewohnt?
shockwave_rider 29.07.2011
"Mit ungewohnt kämpferischer Entschiedenheit wird da ein Pessimismus praktiziert" Was bitte ist denn an dieser Haltung ungewohnt? Man muss dazu sagen, ich lebe in Berlin und hier mache ich mich tagtäglich verdächtig, weil ich ab und zu Dinge gut finde, die man auch schlecht finden könnte. Das darf man hier nur bei den eigenen Sprösslingen und deren Produkten (sei es ein Sonett oder eine volle Windel), dort dann aber uneingeschränkt und rückhaltlos. Aber immerhin gibt das dem postmodern Gebildeten ja die Möglichkeit, sich über diese unsägliche deutsche Meckerei zu beschweren! :-) Vgl. http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1926/Berliner+auf+Reisen.
2. Gemecker über Gemecker
AZ1 29.07.2011
Zitat von sysopDas Internet verändert unser Gehirn. Ob zum Guten? Ob zum Schlechten? Erst wenn wir aufhören, auf so fürchterlich deutsche Weise das gesamte Medium charakterisieren zu wollen, wird der Blick frei auf die Chancen und Risiken, die die*Technologie bietet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,777162,00.html
Stimmt schon, man sollte nicht nur Risiken sehen -- wie bei allem auch beim Internet. Was das Nutzen der Vorteile angeht, sind viele Deutsche (sowohl Privatpersonen als auch Firmen) gut dabei. Warum also das Gemecker über deutschen Manichäismus? Und was das Visionäre angeht, woraus in den USA immer wieder neue Weltkonzerne entstehen: nun, das mag in Deutschland tatsächlich zu kurz kommen. Wie auch in diesem Artikel.
3. Ich finde Google gut
caecilia_metella 29.07.2011
Denn es wird noch eine ganze Weile dauern, bis ich alles weiss, was andere wissen. "Das Internet dagegen und speziell Google gebe vor, dass man nur das finde, was man suche..." Mt 7,7 u.ö. s.a.: http://www.joerg-sieger.de/einleit/allgem/01spra/all07.htm#e 5. Das Kreisdenken Der Grieche denkt abstrakt, linear, in logischen Entwicklungszusammenhängen. Der Hebräer liebt es, einen Gegenstand mit den Gedanken zu umkreisen und ihm dabei immer wieder neue Aspekte abzugewinnen (Kreisdenken). Vgl. hierzu die Reden Jesu bei Johannes oder den 1. Johannesbrief. Das verleiht in unseren Ohren einem Text vielleicht den Charakter der Ungeordnetheit und des Durcheinanders. Man hat das Gefühl, dass immer wieder das gleiche gesagt wird. ...
4. Die Nutzung macht den Wert aus
tokugawa98 29.07.2011
Sehr plausibler Beitrag. Technik gibt nie eine unumkehrbare Richtung vor und neue Techniken bedeuten halt immer in erster Linie neues Potential. Ich find's witzig, dass das Ganze unter "wir müssen uns weniger merken, deswegen werden wir dümmer" summiert wird, denn das ist natürlich genau der Effekt von z.B. Nummernspeichern in Mobiltelefonen ohne dass jemand das Ende der Zivilisation beschreit. Oder von GPS-Empfängern gegenüber Landkarten, von Video- und Tonaufzeichnungen, oder um's mal extrem anzugehen, von schriftlich festgehaltenem Wissen gegenüber mündlicher Überlieferung. Trotzdem will irgendwie niemand zurück zu der Zeit vor dem Buchdruck. :)
5. "volles Gehirn"
Ishibashi 29.07.2011
Zitat von sysopDas Internet verändert unser Gehirn. Ob zum Guten? Ob zum Schlechten? Erst wenn wir aufhören, auf so fürchterlich deutsche Weise das gesamte Medium charakterisieren zu wollen, wird der Blick frei auf die Chancen und Risiken, die die*Technologie bietet. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,777162,00.html
die Vorstellung von Herrn Diez, dass man sein Gehirn besser nicht benutzt, weil man dann "mehr Zeit und Raum im Kopf" hat passt vielleicht zu Ihm. Bei den meisten anderen Menschen verhält es sich umgekehrt, je mehr man sein Gehirn benutzt umso mehr Kapazität entwickelt es.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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