Eine Kolumne von Georg Diez
Philip Roth hat also gesagt, dass er keine Romane mehr schreiben wird, er hat das noch vor dem ganzen Petraeus-Broadwell-Kelley-Allen-FBI-Mann-mit-blankem-Oberkörper-Irrsinn gesagt, das wäre ja immerhin ein Grund gewesen, als Schriftsteller vor den wild gewordenen Fiktionen zu kapitulieren, die wir unsere Wirklichkeit nennen.
Philip Roth ist es aber egal, dass sich die Welt langsam in eine Serie von HBO verwandelt - in dem Interview mit der französischen Zeitschrift "Les Inrocktibles", in dem er erklärte: "To tell you the truth, I am done", nannte der 78-jährige Roth ein paar ganz pragmatische Gründe für seinen Rückzug: Zum Beispiel versteht er sein Amerika nicht mehr. Zum Beispiel hat er seine Helden Dostojewski, Conrad, Turgenjew und Hemingway mal wieder gelesen und auch seine eigenen Romane hat er nochmal gelesen, von "Nemesis" zurück bis zu "Goodbye, Columbus", und hat, ganz biblisch, gesehen, dass es gut war.
Roth hat gesehen, dass er sein Leben nicht verschwendet hat; Roth hat aber auch gesagt, dass er eigentlich nie wusste, wie das geht, das Leben. David Remnick vom "New Yorker" hat er vor ein paar Jahren mal erzählt, wie er eine "alternative Lebensweise" versuchte, andere nennen das Alltag. Er ging also ins Metropolitan Museum in New York, dort gab es eine große Ausstellung, "wunderbare Gemälde", sagte Roth. Am nächsten Tag ging er gleich nochmal hin. "Aber was sollte ich denn am dritten Tag machen", sagte er. "Zum dritten Mal ins Museum gehen? Also fing ich wieder an zu schreiben."
Lange Tage verbrachte er so, in "mönchischer Abgeschiedenheit", so heißt es dann oft - und womöglich stimmte diese Mythologisierung sogar, die aber natürlich auch die bildungsbürgerliche Angst vor Lärm und Ablenkung bediente. Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang auch die Anekdote mit der Katze: Ein Freund hatte Roth gebeten, sie für eine Weile zu nehmen. Er hatte sie bei sich in der Wohnung, er spielte mit ihr, wie man das so macht - und fand es unerträglich, wie dadurch seine Konzentration gestört wurde. Nach zwei Tagen holte der Freund seine Katze wieder ab. Das war der Preis, den Roth bezahlte für sein Werk: "It's not magic, boys", sagte Roth einmal, "and it is no picnic either".
Was ja nicht nur fürs Romanschreiben gilt, sondern fürs Leben allgemein. Die eigentliche Nachricht bei der ganzen Sache ist aber doch eh eine andere. Die eigentliche Nachricht ist, wer alles nicht den Roth'schen Ernst aufbringt. Die eigentliche Nachricht ist, wer alles nicht aufhört. Obwohl es besser wäre.
Die Liste, Sie merken es, wird lang.
Peter Nadás immerhin hat gesagt, dass er wohl aufhören wird, ich habe "Parallelgeschichten" noch nicht gelesen, aber die Leute sagen, es sei das Beste, was er je geschrieben hat.
Allgemein kann man aber sagen: Immer weniger Künstler hören auf. Der Trend geht zum Weitermachen.
Philip Roth wird übrigens jetzt, da er aufgehört hat zu schreiben, endlich den Nobelpreis bekommen.
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