S.P.O.N. - Der Kritiker Im Reich der Festgelegten

Eine offene, scharfe Diskussion über die Staatsnähe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wäre gerade jetzt bitter nötig - aber wie soll man sie führen, wenn es neben schwarzen und roten nun auch schon grüne Freundeskreise in den Fernsehräten gibt?

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Wie schlimm es mit dem deutschen Fernsehen wirklich steht, wusste ich nicht, bis Cem Özdemir neulich bei einer Veranstaltung in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung sprach. Ich hatte gedacht, dass er ganz in Ordnung ist und der Kotelettenwuchs sein Hauptproblem. Da saß er nun aber auf dem Podium und war so verloren, dass ich fassungslos war.

Es ging an diesem Abend in Berlin um die problematische, wenn nicht verfassungswidrige Staatsnähe des deutschen Fernsehens - am Beispiel des ZDF. Vom Grünen-Chef Özdemir hätte man nun eine freie, klare, kritische Sicht auf die Verquickung von Politik und Fernsehen erwarten können, schließlich hat seine Partei selbst eine Klage beim Bundesverfassungsgericht vorbereitet: wegen der vielen Politiker im Fernsehrat des ZDF. Aber was tat Özdemir? Er schwafelte, schwieg und schweifte ab.

"Warum macht der das", fragte ich Claudius Seidl, den vom ZDF ignorierten Kandidaten für das Amt des ZDF-Intendanten, der neben mir saß. "Und warum machen all die anderen auf dem Podium das, vollkommen grundlos und ohne Not?"

"Das ist doch nicht grundlos", sagte Seidl. "Die haben alle etwas zu verlieren. Die sind nichts ohne ihre Posten. Das sind Funktionäre, die an der Macht kleben."

Es war tatsächlich eine Runde am Rande der demokratischen Gepflogenheiten. Neben Özdemir saßen drei Leute auf dem Podium, die den Grünen nahe stehen oder sogar Funktionen für die Partei erfüllen: der Moderator selbst, ein Medienprofessor, und die grüne Medienpolitikerin Tabea Rößner. Dazu noch ein Mann von Verdi, der bislang vor allem für die Gewerkschaft gearbeitet hat, und Elmar Theveßen, der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, der so losgelöst vor sich hin redete, als sei er von Radio Eriwan und könnte einfach behaupten, das Gras draußen vor der Tür sei halt blau.

Der Professor hatte ein paar einleitende Worte gesprochen, er hatte beschrieben, dass niemand sonst auf der Welt auf die Idee kommt, das Fernsehen dem Einfluss ausgerechnet der Politiker zu unterstellen, die nicht nur keine Ahnung davon haben, wie man gutes Fernsehen macht, sondern geradezu vom Fernsehen kontrolliert und kritisiert werden sollten. Er hatte damit den, so nannte er das, medialen Sonderweg der Deutschen umrissen, der aus der dauernden Angst um die Demokratie geboren ist - eine Angst, die ja immer noch den Diskurs um das Fernsehen prägt und lähmt, weil die Kritik am Fernsehen gleich als Verrat an der Demokratie gesehen wird.

Da saßen sie also, die ganzen Grünen

Ja, hatte ich gedacht, genau, dieser deutsche Sonderweg ist das Problem. Diese Panik, irgendwas zu verändern, weil dann "Weimarer Verhältnisse" drohen. Diese Selbstgefälligkeit, die in der Erfolgsgeschichte BRD steckt. Diese Fetischisierung des Föderalismus, diese Feigheit, sich mehr als 60 Jahre nach dem Grundgesetz über die Probleme Gedanken zu machen, die diese Verfassung birgt.

Beispiele gibt es genug: In der aktuellen Ehec-Epidemie gefährdete der Föderalismus die Gesundheit, weil er die Arbeit der Behörden behinderte - was im Staatsfernsehen der "Tagesschau" mit allgemeinem Achselzucken registriert wurde. Oder Bildung, wo der Föderalismus entscheidend den Gleichheitsgrundsatz verletzt und das Lernen der Kinder zu einem länderspezifischen Lotteriespiel macht. Oder eben das ZDF.

Da saßen sie also, die ganzen Grünen, und redeten, als seien sie längst Teil des Systems von Posten und Gefälligkeiten, die mit Namen wie dem "roten" und dem "schwarzen" Freundeskreis verbunden sind. Cem Özdemir lächelte etwas, als er davon erzählte. Aber es ist nicht lustig, es ist nicht amüsant, wenn sich jetzt auch noch die angeblich kritischen und systemfernen Politiker auf die Seite der Macht und des Machterhalts schlagen.

Özdemir sprach von Beschwerden, die er natürlich ernst nimmt, und von Transparenz, die er natürlich verbessern will, weil er gelernt hat, dass solche Worte gut ankommen. Er machte eine Politikerperformance, bei der er aber eine Grundregel missachtete: Respektiere dein Publikum.

Dieser Auftritt zeigte auf deprimierende Art, wie bequem es sich viele gemacht haben im Denken über dieses Land. Da werden einem, wie vom ZDF-Mann Theveßen, sehr schnell "Interessen" unterstellt, wenn man das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisiert: Ganz so, als sei das etwas Schlechtes, als sei das etwas, das sie nicht hätten, als sei man damit wahlweise ein Handlanger seiner Chefs (Theveßen) oder jemand, der das Land im "Säurebad des Neoliberalismus" versenken wolle, wie mein S.P.O.N.-Kollege Jakob Augstein vergangene Woche schrieb.

Dieser Abend zeigte aber auch, dass es beim Reden über das Fernsehen längst nicht mehr um so Kleinigkeiten geht wie die Frage, ob man nun den Humor von Oliver Welke mag oder nicht. Es geht nicht mehr nur um das Programm. Es geht vor allem um die Struktur, die dieses Programm möglich macht. Es geht um die Art, wie nicht nur das Fernsehen verwaltet wird, sondern auch das Denken in diesem Land. Es geht um das System, das Menschen hervorbringt, die wie Wachsfiguren in dieser Funktionärsrepublik wirken und kein Außen mehr kennen.

Heute ist Thomas Bellut zum ZDF-Intendanten gewählt worden, von den 77 Mitgliedern des Fernsehrats, zu denen auch Cem Özdemir gehört. Bellut war der einzige Kandidat. Was er denn von Claudius Seidls Kandidatur halte, wurde Özdemir damals bei der Diskussion aus dem Publikum heraus gefragt.

Özdemir schien erst verwirrt und stieß dann hervor: "Ich habe mich schon festgelegt."

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
recardo, 17.06.2011
1. .
Zitat von sysopEine offene, scharfe Diskussion über die Staatsnähe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wäre gerade jetzt bitter nötig - aber wie soll man sie führen, wenn es neben schwarzen und roten nun auch schon grüne Freundeskreise in den Fernsehräten gibt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,768959,00.html
Der Özdemir ist ein Karrierist, dem ist nur wichtig, was ihn machtpolitisch voran bringt und das Politikerfernsehen kann nur das Volk stürzen; etablierte Politiker sind dazu nicht in der Lage.
homeuser 17.06.2011
2. Guter Artikel - bravo Spiegel!
Richtig - die öffentlich-rechtlichen Sender sind genau das Gegenteil von Demokratiefördernd. Es wird Regierungsfreundliche Propaganda gesendet - und das ganze lässt man sich von den Bürgern bezahlen mit dem Argument "Unabhängiges Staatsfernsehen".
Transmitter, 17.06.2011
3. Aufbruch?
Zitat von sysopEine offene, scharfe Diskussion über die Staatsnähe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wäre gerade jetzt bitter nötig - aber wie soll man sie führen, wenn es neben schwarzen und roten nun auch schon grüne Freundeskreise in den Fernsehräten gibt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,768959,00.html
Oha, liebe S.P.O.N.-Redaktion, spüre ich da so etwas wie eine Neuorientierung, einen Aufbruch? Objektiv recherchierte Kritik an den meinungsfaschistisch verkrusteten Strukturen der ör Medien hierzulande? Gerade eben hatte ich noch den Eindruck, ihr gehört selbst zu diesem verschwiemelten Kartell das Volk gezielt verblöden lassender Mainstream Medien . . . :-)) Tja, wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch in Europa und der gesamten westlichen Welt. Bald wird vom Volk ab- und aufgerechnet, wie es so weit kommen konnte, mit der grundgesetzlich geschützten Presse- und Meinungsfreiheit hierzulande. Darf ich bitteschön ein kurzes Gedicht des deutschen Freiheitsdichters Friedrich Rückert in diesem Zusammenhang zitieren? "Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten. Vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott. Doch bald wird wieder Gerechtigkeit walten. Dann urteilt das Volk, und dann Gnade euch Gott!" Bitte zensiert es nicht. Es ist doch nur ein Gedicht aus den deutschen Freiheitskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts.
Lindener2001 17.06.2011
4. Zdf
Politiker haben dort nichts zu suchen... Aber so lange eben diese entscheiden, wird sich auch nichts ändern und die öffentlich-rechtlichen in ihrer Berichterstattung eingeschränkt bzw. gar parteiisch sein..... Ein absolut klasse Bericht, Danke!
hoppla_h 17.06.2011
5. Witz
"ZDF-Fernsehrat wählt Bellut!" - Das zeigt doch die ganze Verlogenheit dieser Schmierenkomödie: "Öffentlich-rechtlicher Rundfunk" - per Grundgesetz vor Parteieneinfluss als 'staatsfern' geschützt und verpflichtet zum GEZ-Zwangsgebühren-finanziertem Programmauftrag 'Grundversorgung'. HOPPLA! - ARD+ZDF=Grundversorgung? - "Pustekuchen!"
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