S.P.O.N. - Der Kritiker: Lars, das geniale Depressionsmonster

Von Georg Diez

Wer ist eigentlich Lars von Trier? Manche halten ihn für einen Nazi, andere für einen Frauenhasser. Fast alle glauben, er sei verrückt. In seinem neuen Film "Melancholia" lässt er gar die Welt untergehen, nur um eine Seele zu retten. Höchste Zeit für ein paar Wahrheiten über einen großen Spieler.

Lars von Trier ist nicht verrückt, das ist die schlechte Nachricht. Wir anderen sind allerdings alle verrückt, das ist die andere schlechte Nachricht. Was soll man aber auch erwarten, bei diesem Depressionsmonster, als schlechte Nachrichten?

Andererseits: Was sagt das nun über Lars von Triers Filme? "Melancholia" zum Beispiel, der nächste Woche in den deutschen Kinos anläuft, ein Film, in dem Trier die Welt untergehen lässt, um eine Seele zu retten? Alles nur Kitsch? Und der Nazi-Unsinn in Cannes? Höchste Zeit für fünf bis sieben Wahrheiten über Lars von Trier.

Erstens. Lars von Trier ist ein phantastischer Regisseur. "Melancholia" ist der Film des Jahres, weil er von nichts anderem erzählt als von den Ängsten einer jungen, schönen Frau. Er handelt nicht von Politik oder Wirtschaft, es gibt keine bösen Kapitalisten, keine blutrünstigen Terroristen, keine Außerirdischen (glaube ich jedenfalls). Er handelt von einer Hochzeit, die schiefläuft, von einem Planeten, der unsere Bahn kreuzt, von einer Badewanne, von einem Golfplatz, von Astronomie, von zwei Schwestern, von Bildern, Bildern, Bildern, die Trier mit dem Wahn eines Opernregisseurs, mit der Maßlosigkeit eines Malers, mit der Freude des Exhibitionisten auftürmt, bis sie unter ihrem Gewicht zusammenbrechen und gen Himmel schweben.

Der Film ist spirituell in einem erträglichen Umfang, er nimmt den Zustand unserer Zeit ernst und verrät die Depression nicht an die Sozialkritik, wie das etwa der französische Soziologe Alain Ehrenberg dauernd versucht, wofür er natürlich von Leuten, die ihr Weltbild als Laubsägearbeit betrachten, ordentlich abgefeiert wird. Lars von Trier ist in seinen gelungenen Filmen und vielleicht noch mehr in seinen missglückten, auf grandiose Weise gescheiterten Filmen ganz auf der Höhe der Ambivalenz unseres Daseins.

Lars von Trier mag keine Männer

Zweitens. Lars von Trier ist ein Frauenregisseur. Woher kommt eigentlich der Eindruck, dass Trier keine Frauen mag? Auf jeden Fall mag er Schauspielerinnen und ermöglicht ihnen verblüffende Auftritte. Björk und Catherine Deneuve in "Dancer in the Dark"? Bezaubern vernichtend. Nicole Kidman in "Dogville"? Selten so schön mit der Frage gespielt, ob die Frau die Gefahr ist oder die Frau in Gefahr ist. Es ist schon richtig, Lars von Trier zeigt vor allem gequälte und unterdrückte Frauen. Aber heißt das automatisch, dass er ihm gefällt, Frauen zu quälen und zu unterdrücken? Oder ist die Sache nicht doch etwas komplizierter?

Und auch diese Wagner-hafte Opferphantasie: Dass die Frau erst im Tod die Erlösung für den Mann bedeutet, diese Art von pervertierter Weiblichkeit, wie sie etwa "Antichrist" offenbart - Lars von Triers Job ist es doch nicht, seine Zeit mit solchen Bildern zu verschonen, sondern solche Bilder hervorzubringen, die der Zeit etwas entgegensetzen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das eben nun in "Melancholia", wo er die Dünnlippigkeit von Charlotte Gainsbourgs Figur auf eine fast zärtliche Art zelebriert, wo Charlotte Rampling voller Freude eine Monstermutter sein darf, wo vor allem Kirsten Dunst alle Schwere dieser Welt hinter ihren Augen verbirgt. Lars von Trier mag keine Frauen? Im Gegenteil, Lars von Trier mag keine Männer. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

Ihm wird schnell langweilig

Drittens. Lars von Trier ist ein Spieler. Er probiert einfach immer Sachen aus. Ihm wird schnell langweilig, mit anderen, aber vielleicht auch mit sich selbst. Deshalb: immer nach vorne. In Berlin wurde das neulich mal wieder deutlich, als er in einem von seinen jungen Fans vollkommen überrannten Kino von drei stammelnden Interviewern befragt wurde. Da erzählte er erst einmal davon, dass er das letzte Mal im "Adlon" auf den Teppich gekotzt habe, nannte seine Mutter doof und führte dann aus, dass er als junger Mann gern schwul gewesen wäre. "Aber es hat einfach nicht funktioniert", sagte er. "Ich glaube, es hatte mit dem Schwanz zu tun. Ich bin in Schwulenbars gegangen, aber mein Schwanz hat nicht reagiert. Der Schwanz hat seinen eigenen Willen." Was soll man mit solchen Sätzen anfangen, außer zu lachen? Ist also Lars von Trier tatsächlich ein Humorist? Er jedenfalls sagte in Berlin dazu den schönen Satz: "Ich will mich nur irgendwie selbst wachrütteln".

Viertens. Lars von Trier ist kein Nazi. Das ist einfach so. Alles andere ist Unsinn. (Siehe trotzdem das Interview im aktuellen SPIEGEL, siehe aber auch Punkt drei, der Humorist.)

Fünftens. Lars von Trier ist ein Künstler. Das kann anstrengend sein und verwirrend, aber es ist doch das, wofür er bezahlt wird. Er ist anders als wir (das ist ein wenig das alte Künstlerklischee und stimmt in seinem Fall eben doch, siehe auch dazu das Interview im SPIEGEL vom 26. September 2011), er irrlichtert, er sieht andere Welten und findet andere Bilder, Worte, Menschen. Ob sie hässlich sind oder schön, ob sie gut sind oder böse, das vermag er wohl auch nicht zu entscheiden. Das überlässt er dann uns.

Sechstens. Kirsten Dunst.

Siebtens. Kirsten Dunst.

Achtens. Charlotte Gainsbourg.

Neuntens. Charlotte Rampling.

Zehntens. Lianen.

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1. .
frubi 30.09.2011
Zitat von sysopWer ist eigentlich Lars von Trier? Manche halten ihn für einen Nazi, andere für einen Frauenhasser. Fast alle glauben, er sei verrückt. In seinem neuen Film "Melancholia" lässt er gar die Welt untergehen, nur um eine Seele zu retten. Höchste Zeit für ein paar Wahrheiten über einen großen Spieler. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789155,00.html
Schöner Artikel. Habe mich übrigens köstlich über das Interview mit Herrn von Trier im Spiegel amüsiert. Selten so viel gelacht. Einfach köstlich wie er mit dem Interviewer gespielt hat. Ich habe noch nicht viele LvT Filme gesehen (Antichrist und Dogville) aber seine Werke haben mir bisher immer sehr gut gefallen und ich kann diese Hysterie um seine Nazi-Äußerungen absolut nicht nachvollziehen. Besonders gestört hat mich der Einwand des Interviewers, dass man gewisse Dinge nicht an- und aussprechen sollte. Wo leben wir denn? LvT hat doch nicht gesagt, er kann verstehen, wieso Hitler alle Juden töten wollte. Hitler war halt nicht nur ein Massenmörder und wenn man diese (natürlich auch nicht positive) Vielfallt ignoriert, tut man sich selber keinen Gefallen.
2. Wahrheiten?
1maike 30.09.2011
Mir gefällt der Text - bei diesen Wahrheiten bin ich dabei - nur - ob´s wahr ist - weiss ich nicht!
3. Danke!
Peter_Stillman 30.09.2011
Zitat von sysopWer ist eigentlich Lars von Trier? Manche halten ihn für einen Nazi, andere für einen Frauenhasser. Fast alle glauben, er sei verrückt. In seinem neuen Film "Melancholia" lässt er gar die Welt untergehen, nur um eine Seele zu retten. Höchste Zeit für ein paar Wahrheiten über einen großen Spieler. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789155,00.html
Kenntnisreicher und kluger Aufsatz von Herrn Diez. Aus der Reihe der SPON-Kolumnisten ragt er leuchtturmartig heraus........
4. Schwachsinn!
grafkoks2002 30.09.2011
Zitat von sysopWer ist eigentlich Lars von Trier? Manche halten ihn für einen Nazi, andere für einen Frauenhasser. Fast alle glauben, er sei verrückt. In seinem neuen Film "Melancholia" lässt er gar die Welt untergehen, nur um eine Seele zu retten. Höchste Zeit für ein paar Wahrheiten über einen großen Spieler. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789155,00.html
Lieber Kritiker, 1.) manchmal können wir uns einfach nicht vorstellen, dass Leute, die wir mögen, vielleicht nicht das sind, was wir in ihnen sehen wollen. Ist der Mann ein Nazi? Nein. Aber schaut man sich seine Filme an, entwirft sich ein zutiefst menschenverachtendes Gesamtbild, das sich am Unglück anderer aufgeilt. Ein Humanist ist von Trier nicht, aber eben auch kein Komiker. Höchstens einer von der Sorte, die ihren Humor nur in der Erniedrigung anderer finden. 2.) Björk? Hat eigentlich irgend jemand Mitleid mit Island gehabt, nachdem dort die Banken kollabiert sind oder Vulkane ausbrachen? Nein. Warum? Eben: Björk. Klar, der urbane Kulturversteher glaubt, sie sei nonkonformistisch, eine große Künstlerin jenseits des Mainstreams. Nein, sie ist eine schlechte Sängerin, die einfach weiß, wie man das Zielpublikum melkt. 3.) http://feuerbringer.com/2010/03/28/lars-von-trier-macht-werbung-fur-tourismus-in-danemark/
5. Lars grübelt zu viel
caecilia_metella 30.09.2011
Denn am Ende der Welt steht dieser Computer, der alles für die gesamte Menschheit entscheiden wird. Schon 288.008 Klicks. http://www.youtube.com/watch?v=CFCL_yHmSjk
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).