S.P.O.N. - Der Kritiker: Märchenkönig mit großem Messer

Eine Kolumne von Georg Diez

Die ARD zeigte den starken Mann Russlands in einem merkwürdigen Fernsehfilm mal ganz menschlich, Masha Gessen kommt dagegen in ihrer Biografie "Der Mann ohne Gesicht" auf den Punkt: Sie erzählt die Geschichte Wladimir Putins und seines Machtapparats als politischen Thriller, der begeistert.

Wladimir Putin kann schwimmen, das zeigte in dieser Woche ein Fernsehfilm in der ARD. Er kann auch Judo, er hüpft dann erst etwas tapsig durch eine Turnhalle und wirft nachher seinen Gegner auf den Boden. Oder der Gegner wirft ihn auf den Boden. So oder so, er steht auf, streicht sich seine Judo-Kutte glatt und verneigt sich vor dem Gegner.

Eishockey spielen kann Putin übrigens auch, und wenn er das tut, dann schwitzt er schon mal sehr. Wenn er ein Spiel verliert, wie das seines Teams gegen das von Medwedew, dann lädt er danach seine Leibwächter auf ein Bier ein, obwohl die ihn ja auch nicht vor der Niederlage beschützt haben. So ein Mann ist eben der Putin, der auch gern jagt und schweigt und mit seinen Männern draußen in der russischen Wildnis ein Picknick macht. Er fährt dann in einer Art Schneepanzer herum, der aussieht, als ob man damit auch mal schnell die Mongolei erobern könnte, und wenn er sich ein Stück abschneidet vom gegrillten Hirsch oder Mammut oder Grizzlybär, oder was sie dort eben sonst so jagen, dann tut er das mit einem sehr großen, scharfen Messer.

Es war ein merkwürdiger Fernsehfilm, den die ARD da zeigte, "Ich Putin" hieß er, er hätte auch "Der König und ich" heißen können, es war schließlich ein modernes Märchen, was uns da erzählt wurde. "Ganz nah" sei der Journalist Hubert Seipel an den vergangenen und künftigen russischen Präsidenten herangekommen, hatten sie bei der ARD stolz vorher schon gesagt. Ja, genau so nah, dass man sah, wie Putin sich nach dem Schwimmen erst das rechte Ohr und dann das linke und dann wieder das rechte Ohr von seinem Hund ablecken ließ.

Attentatserie als Werk des Geheimdienstes?

Aber schön zu wissen, dass meine Fernsehgebühren sinnvoll angelegt sind. All die Reisen, Putin im Flugzeug und beim Raketenstart, all die guten alten Spezis von Putin, denn Gegner kamen komischerweise nicht zu Wort, die hätten sicher auch gestört. Es hatte fast etwas Gerhard-Schröder-haftes, diese ganze Haltung: Guten Freunden wird man ja auch mal kritische Fragen stellen dürfen. Wie aus schlechtem Gewissen sendete die ARD gleich danach noch einen Film über die russische Opposition.

Ganz anders ist da Masha Gessen an die Sache herangegangen, russische Amerikanerin oder amerikanische Russin, egal wie man will - jedenfalls emigrierte sie wie so viele Juden 1981 mit ihren Eltern in die USA und kam 1991 wieder zurück. "Der Mann ohne Gesicht" heißt ihre Putin-Biografie, die gerade weltweit erschienen ist, auf Deutsch bei Piper: "Eine Enthüllung" heißt das Werk im Untertitel, es ist ein kritisches, begeisterndes Buch, das getragen wird von einem manchmal ins Private kippenden Ton, der den Groll auf diesen ewigen KGB-Mann nicht verbirgt. Gessen schafft es eindrucksvoll, die Welt aufscheinen zu lassen, in der jemand wie Zar Wladimir groß werden konnte.

All die Stellen, die der deutsche Märchenfilm umkurvt, stehen hier im Zentrum: Schaut man Putin ins Gesicht, denkt man doch, der hat womöglich mal jemanden mit bloßen Händen umgebracht - Gessen liefert die Geschichten des jungen Schlägers, der Putin war. Fragt man sich, was Putin eigentlich die achtziger Jahre über in Deutschland gemacht hat - Gessen beschreibt den Frust in der DDR und den späteren dubiosen Devisendeal kurz nach der Wende, in den Putin verwickelt gewesen sein soll, der mit dem KGB und dem kläglichen Putschversuch gegen Boris Jelzin zu tun hatte.

Die lustlose Autokratie

Wundert man sich, wie jemand in den neunziger Jahren angeblich ohne Verbindungen so einen Aufstieg hinlegen konnte - Gessen zeigt, wie Putin Förderer wie den Bürgermeister von St. Petersburg, Anatolij Sobtschak, oder den Oligarchen Boris Beresowski benutzte und erledigte: Und Gessen zeigt auch, dass der KGB, der jetzt FSB heißt, immer in der Nähe war, wenn Putin Hilfe brauchte. Die Attentatserie 1999 und 2000, die den Tschetschenen zugeschrieben wurde und Russland so sehr in Angst versetzte, dass der starke Putin fast automatisch gewählt wurde, sei, behauptet Gessen, ein Werk des Geheimdienstes gewesen.

Es ist ein politischer, ein moralischer Thriller, den Gessen erzählt, sie schreibt Geschichte, als sei es Literatur, und betreibt dabei doch da Aufklärung, wo die ARD Verklärung im Programm hatte. Gessen hat einen Sinn für die Machtarchitektur Putins ebenso wie für die Machtarithmetik, mit der er regiert. Das Russland, das hier aufscheint, ist einerseits ein Land, das immer noch von dunklen Mächten regiert wird - und andererseits ist der Grundoptimismus da, dass sich das nun ändern wird. Nicht bei der sauber gefälschten Wahl, die Putin an diesem Sonntag wieder mal zum Präsidenten machen wird, für vielleicht sechs lange Jahre, falls es sich der FSB nicht anders überlegt. Aber der Weg Russlands, das zeigt das bewegende Buch dieser dünnen, ernsten, kämpferischen Frau, ist der Ausgang einer Gesellschaft aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Gerade, es wäre fast lustig, wenn es nicht fast tragisch wäre, gerade waren wie bei seiner ersten Wahl wieder Tschetschenen hinter Putin her: Im Fernsehen zeigten sie einen arg verbeulten Wicht, der den Anschlag hätte ausführen sollen, genauso wie sie in den Nullerjahren immer schnell ein paar Schergen zur Verfügung hatten, denen man die Schuld zuweisen konnte. Es passte so gut, so kurz vor der Wahl - aber das Ganze wirkte irgendwie lustlos, ohne echten Glauben daran, dass das Spiel noch gelingen könnte. Es ist eine sehr halbherzige Autokratie, die dort in Russland herrscht, hat man den Eindruck - sie basiert vor allem auf dem Willen der Russen, sich zu unterwerfen.

Keine Ahnung, was die ARD mit ihrem Putin-Porträt erzählen wollte. Masha Gessen jedenfalls wird weiterkämpfen, für ein freies, demokratisches Russland.

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1. Putin
juerler 02.03.2012
Zitat von sysopDie ARD zeigte den starken Mann Russlands in einen merkwürdigen Fernsehfilm mal ganz menschlich, Masha Gessen kommt dagegen in ihrer Biografie "Der Mann ohne Gesicht" auf den Punkt: Sie erzählt die Geschichte Wladimir Putins und seines Machtapparats als politischen Thriller, der begeistert. Machtmensch Putin: Märchenkönig mit*großem Messer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818794,00.html)
Macht mal einer einen Film der die wochenlange Hetzerei gegen Putin nicht mit macht, wird er sofort beschimpft. Das ist freier Journalismus. Masha Gessen hätte lieber mal über Bush schreiben oder filmen sollen, aber angst geht vor. Objektivität sind anders aus. Was in den deutschen Medien zur Zeit über Russland abläuft ist ja schlimmer wie RIAS im Kalten Krieg. Wer hat denn da soviel angst? Egal wie die Wahl läuft, die Negativschlagzeilen sind schon fertig.
2. Putin
Spiegelkritikus 02.03.2012
Zitat von sysopDie ARD zeigte den starken Mann Russlands in einen merkwürdigen Fernsehfilm mal ganz menschlich, Masha Gessen kommt dagegen in ihrer Biografie "Der Mann ohne Gesicht" auf den Punkt: Sie erzählt die Geschichte Wladimir Putins und seines Machtapparats als politischen Thriller, der begeistert. Machtmensch Putin: Märchenkönig mit*großem Messer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818794,00.html)
Putin liess sich im Fernsehfilm ein Stück weit aus der Nähe zeigen, wobei er natürlich an einem positiven Bild interessiert war. Darauf würden freilich die meisten Staatsoberhäupter Wert legen und man kann ihm das nicht zum Vorwurf machen. Der Machtmensch Putin hat sicherlich einen egomanischen Zug, vielleicht verbindet ihn gerade das mit Gerd Schröder. Im Film erklärt der eher schmächtige Mann unter anderem, dass er sich schon in seiner Kindheit und Jugend gezwungen sah, sich gegen körperlich stärkere Altersgenossen zu behaupten und durchzusetzen. Da schon blitzte offenbar der besondere Ehrgeiz auf, der für viele eher kleine und von Natur aus weniger kraftvolle Männer charakteristisch ist. Wie lässt sich ein solches vermeintliches Defizit ausgleichen? Mit Sport und Training, vor allem jedoch mit List. Strategie und Intelligenz. So war es wohl kein Zufall, dass Putin für den KGB arbeitete. Aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit in der ehemaligen DDR spricht er auch relativ gut deutsch. Wenn Putin als undurchschaubar und oft unterkühlt erscheint, so ist das für einen gelernten Geheimdienstler nicht aussergewöhnlich. Bei der Verfolgung seiner politischen Ziele und der Sicherung seiner Macht ist er sicherlich nicht gerade zimperlich. Allerdungs sollte man nicht vergessen, dass Russland anders tickt als Westeuropa und Korruption sowie organisierte Kriminalität weit verbreitet sind. Ein Staat, der davor kapituliert, ist dem Untergang geweiht. Das wissen auch viele russischen Bürger und unterstützen eine Führung mit starker Hand. Natürlich fordert eine stärker werdende Opposition echte demokratische Reformen, das ist angesichts der Verhältnisse verständlich und grundsätzlich auch richtig. Gleichzeitig wollen wohl die meisten russischen Bürger keinen Rückfall in die chaotschen 90er Jahre. So wird eine freies, demokratisches Russland noch auf sich warten lassen, aber eines Tages ist die Zeit dazu reif!
3. Putin hat eine Mehrheit
winkdon 02.03.2012
Zitat von sysopDie ARD zeigte den starken Mann Russlands in einen merkwürdigen Fernsehfilm mal ganz menschlich, Masha Gessen kommt dagegen in ihrer Biografie "Der Mann ohne Gesicht" auf den Punkt: Sie erzählt die Geschichte Wladimir Putins und seines Machtapparats als politischen Thriller, der begeistert. Machtmensch Putin: Märchenkönig mit*großem Messer - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,818794,00.html)
Was die linken Spinner in unseren Medien nie verstehen: Putin hat eine verlässliche Mehrheit. Nach dem Untergang der Soviet Union (dass der Kommunismus scheitern musste können unsere linken Schreiberlinge ja bis heute nicht verstehen) und dem Chaos unter Yeltsin hat Putin wieder Stabilität und Ordnung hergestellt. Natürlich will jeder eine Demokratie und zwischen verlässlichen, demokratischen Kandidaten wählen können. Aber es gibt leider niemanden. Alle anderen haben lediglich ein "Putin weg" Programm und das ist eben nicht Programm genug. Putin wird die Wahlk gewinnen, weil er eine Mehrheit hat.
4. Gute Dokumentation
Mr.Boine 02.03.2012
Mir hat die ARD-Doku gefallen. Mal nicht dieses ständige Schauermärchen vom "bösen" Putin. Natürlich hat der Mann Leichen im Keller (das gehört zum Job), genau wie der Westen. Nur unsere Leichen sind angeblich besser, weil nun wirklich lupenrein demokratisch gewählt. Zum Kotzen.
5.
alexbln 02.03.2012
diese schwarz weiß malerei ist eben zu einfach. putin ist weder der lupenreine demokrat noch der finstere bösewicht. er hat russland nach den wirren jelzinjahren stabilisiert und einiges vorangebracht. er ist natürlich ein machtmensch - aber der war notwenig um das riesenreich russland zusammenzuhalten. mittlerweile werden aber mehr und mehr -ganz unterschiedliche- leute unzufrieden, die peinliche wahlfälschung letztes jahr hat das faß zum überlaufen gebracht. das land muß jetzt vorrangig von der korruption befreit werden, damit nachhaltig etwas wachsen und sich die wirtschaft entwickeln kann- dieses land hätte soviel potential
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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