S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur Wut, Freunde!

Von Georg Diez

Wut ist die Währung unserer Zeit. Wir müssen die Wut verstehen, wenn wir die Welt verstehen wollen. Wir müssen ins Innere der Wut gelangen. Zu Beginn dieses wütenden Jahres 2011 ist das wieder besonders deutlich geworden.

Wut, Wut, Wut ist der Zeitgeist: Gut, dass es Wutdramatiker wie René Pollesch gibt Zur Großansicht
Corbis

Wut, Wut, Wut ist der Zeitgeist: Gut, dass es Wutdramatiker wie René Pollesch gibt

In Amerika ist es auf der ganz rechten Seite die Polit-Domina Sarah Palin, die mit Worten schießt wie andere mit Waffen. In Frankreich ist es auf der sehr linken Seite der französische Widerstandsgreis Stéphane Hessel, dessen Manifest "Indignez-vous!" ausgerechnet zu Weihnachten ein großer Verkaufserfolg wurde.

"Empört Euch", ruft er seinen Landsleuten zu. 93 Jahre ist Hessel alt, er hat mit de Gaulle gegen Hitler gekämpft, 900.000 Mal wurde sein dünnes Buch nun verkauft. Mit Blick auf die Ungerechtigkeit im Kapitalismus schreibt er: "Man kann die Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, wohl aber verstehen."

Das ist ein Satz wie von René Pollesch, unserem Wutdramatiker. Er kennt das Innere der Wut. Seine Stücke handeln von nichts anderem. Sie sind keine Pamphlete, auch wenn sie manchmal so klingen. Sie sind keine Manifeste, denn Pollesch glaubt nicht, dass er die Wahrheit auf seiner Seite hat. Sie sind aufklärerisch im besten Sinn, weil sie die Wirklichkeit nehmen und in Zweifel ziehen.

"Es muss doch ein Tor geben! Aus der Meinung heraus!" So schreit er uns an, mit seinem Stück "Schmeiß Dein Ego weg!", das am Mittwoch dieser Woche an der Berliner Volksbühne Premiere hatte. "Das Schmiermittel Pluralismus sichert sich immer dadurch ab, dass es Ideen nur zulässt, wenn sie als eine unter vielen kenntlich gemacht werden", schreibt er. Pollesch sucht Wege aus der Meinungsfreiheit, die er nur "Meinungsfactum" nennt.

Hessel ruft auf zu einem "friedlichen Aufstand gegen die Massenmedien, die unserer Jugend keine anderen Ziele anbieten als Massenkonsum, Verachtung für die Schwächeren und für die Kultur, eine allgemeine Amnesie und eine maßlose Konkurrenz aller gegen alle."

Gefangen im Widerstand gegen die Welt

Pollesch ist da gleichzeitig deutlich lauter und ein wenig subtiler. Die Hysterisierung der Welt hat er früh beschrieben, sie ist sein Thema seit Beginn der Nullerjahre. Das lag schon im theatralen Gestus seiner Wutstücke, in denen geschrieben wurde, dass es einem ganz schummrig werden konnte. Ego-Shooter hetzte er da gegeneinander, gefangen im Widerstand gegen die Welt wie im Wahn in ihrem Kopf.

"Ich habe ein Recht auf meine Paranoia", schmettert in "Diktatorinnengattinnen I" eine Frau, die Elena Ceausescu ist oder auch nicht. "Draußen tobt der Konsens", das ist ein anderer Wutsatz aus diesem Stück von 2007.

Pollesch schreibt postmoderne Tragödien, die er als Komödien maskiert. "Ich werde schon erschossen", fragt Elena Ceausescu. "Heute ist doch erst Mittwoch." Mal lässt Pollesch Geschichtszombies auftreten, die von ihren eigenen Ideen aufgefressen werden, mal lässt er Ideen auftreten, die von der Geschichte aufgefressen wurden. Marx zum Beispiel.

Pollesch kennt sich aus in Theorie und Praxis der Popkultur, er ist in jedem seiner Stücke einer Gegenwart auf der Spur, die uns entgleiten will, er lässt einen Chor brüllen: "Sind Sie für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?"

Er ist ein Regisseur, der seine Stücke gern mit Lieblingsschauspielern inszeniert, in Berlin waren das gerade Martin Wuttke und Margit Carstensen. Er ist aber vor allem ein Schreiber und Denker, der in Bruchstücken immer das Ganze sucht.

"Die herrschende Kapitalismuskritik ist vielleicht deshalb so en vogue", schreibt Pollesch in "Ein Chor irrt sich gewaltig", "weil sie sich darauf beschränkt, wieder nur zu sagen, dass wir nur bessere Menschen werden müssten."

René Pollesch ist nicht der richtige Mann, wenn es darum geht die Welt zu retten. Dazu ist er zu skeptisch, zu sehr Theater und zu wenig Widerstand. Er ist aber der richtige Mann um zu verstehen, wie die Wut in die Welt kommt.

René Pollesch ist mehr Analytiker als Agitator. Es brauchte wirklich wütende Zeiten, um das herauszufinden.


In der kommenden Woche sind in der Berliner Volksbühne gleich vier Stücke von René Pollesch zu sehen: "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!", "Diktatorinnengattinnen I", "Ein Chor irrt sich gewaltig" und "Schmeiß Dein Ego weg!".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
FetTerBender 14.01.2011
Zitat von sysopWut ist die Währung unserer Zeit. Wir müssen die Wut verstehen, wenn wir die Welt verstehen wollen. Wir müssen ins Innere der Wut gelangen. Zu Beginn dieses wütenden Jahres 2011 ist das wieder besonders deutlich geworden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,739326,00.html
Lob an den Autor, das ist eine deutlich bessere Kolumne als die der Kollegen Lobo und Augstein! Weiter so, auch wenn es manchen wütend machen sollte ;-)
2. Wer
Ettina 14.01.2011
Zitat von sysopWut ist die Währung unserer Zeit. Wir müssen die Wut verstehen, wenn wir die Welt verstehen wollen. Wir müssen ins Innere der Wut gelangen. Zu Beginn dieses wütenden Jahres 2011 ist das wieder besonders deutlich geworden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,739326,00.html
Wut verstehen will, muss sie und sich fühlen. Daran geht kein Weg vorbei - auch nicht der von "alles richtig machen" und dafür schlucken, kriechen, Krebs kriegen. Also hinein in die humanistische Psychologie, hin zu Carl Rogers und in den Encounter.
3. Unglaublich
A.Salty 14.01.2011
-Mit Blick auf die Ungerechtigkeit im Kapitalismus schreibt er: "Man kann die Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, wohl aber verstehen."- Es fällt mir schwer in den feigen Anschlägen auf Frauen und Kinder eine Kapitalismuskritik herauszulesen...
4. Dann strengen sie sich mal an....
thepunisher75 14.01.2011
Zitat von A.Salty-Mit Blick auf die Ungerechtigkeit im Kapitalismus schreibt er: "Man kann die Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, wohl aber verstehen."- Es fällt mir schwer in den feigen Anschlägen auf Frauen und Kinder eine Kapitalismuskritik herauszulesen...
..jedenfalls ist nicht alles so eintönig und einfach wie es manchen Menschen hier verkauft wird..
5. wer ist denn wirklich wütend?
coitusveritatis 14.01.2011
Erst hießes die ,,alt 68,, seien die Übeltäter weswegen in Deutschland etwas mehr protestiert wird, dann die Jammerossis und die angeblich immer in Selbstmitleid schwimmenden Wessis, letzes Jahr dann die Schwaben und Stuttgarter als neue Ursache; 2011 meinen die Medien den Wutbürger als neue Gattung Mensch entdeckt zu haben. Aber wer ist denn wirklich wütend? Ein abgehobener Theateropa in Berlin ,dessen Bühnenstücke nur dank Subvention aus dem Kulturhaushalt aufgeführt werden können weil der Durchschnitt sich nicht für solche abgedrehten Selbsttherapieversuche von gescheiterten Kunsstudenten interresiert? Am meisten wütend für diese Woche jedenfalls, ganz klar, die CSU und FDP Anhänger, allen voran deren Sarah Pailin in Männergestalt: Alexander Dobrindt, der CSU-Mann mit dem homophoben Dauergrinsen welcher derzeit im Schweinsgalopp gegen Grün Rot und alle möglichen bunten Windmühlen anreitet. Die BÜrger mit ihrer berechtigten Kritik an den Missständen im Land sind nicht mehr wütend, seit Schröder bereits nicht mehr, nach Wut und kalter Wut kommt bekanntlich die Ruhe vor dem Sturm.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema René Pollesch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 29 Kommentare
Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

Facebook