Von Georg Diez
In Amerika ist es auf der ganz rechten Seite die Polit-Domina Sarah Palin, die mit Worten schießt wie andere mit Waffen. In Frankreich ist es auf der sehr linken Seite der französische Widerstandsgreis Stéphane Hessel, dessen Manifest "Indignez-vous!" ausgerechnet zu Weihnachten ein großer Verkaufserfolg wurde.
"Empört Euch", ruft er seinen Landsleuten zu. 93 Jahre ist Hessel alt, er hat mit de Gaulle gegen Hitler gekämpft, 900.000 Mal wurde sein dünnes Buch nun verkauft. Mit Blick auf die Ungerechtigkeit im Kapitalismus schreibt er: "Man kann die Terroristen, die Bomben werfen, nicht entschuldigen, wohl aber verstehen."
Das ist ein Satz wie von René Pollesch, unserem Wutdramatiker. Er kennt das Innere der Wut. Seine Stücke handeln von nichts anderem. Sie sind keine Pamphlete, auch wenn sie manchmal so klingen. Sie sind keine Manifeste, denn Pollesch glaubt nicht, dass er die Wahrheit auf seiner Seite hat. Sie sind aufklärerisch im besten Sinn, weil sie die Wirklichkeit nehmen und in Zweifel ziehen.
"Es muss doch ein Tor geben! Aus der Meinung heraus!" So schreit er uns an, mit seinem Stück "Schmeiß Dein Ego weg!", das am Mittwoch dieser Woche an der Berliner Volksbühne Premiere hatte. "Das Schmiermittel Pluralismus sichert sich immer dadurch ab, dass es Ideen nur zulässt, wenn sie als eine unter vielen kenntlich gemacht werden", schreibt er. Pollesch sucht Wege aus der Meinungsfreiheit, die er nur "Meinungsfactum" nennt.
Hessel ruft auf zu einem "friedlichen Aufstand gegen die Massenmedien, die unserer Jugend keine anderen Ziele anbieten als Massenkonsum, Verachtung für die Schwächeren und für die Kultur, eine allgemeine Amnesie und eine maßlose Konkurrenz aller gegen alle."
Gefangen im Widerstand gegen die Welt
Pollesch ist da gleichzeitig deutlich lauter und ein wenig subtiler. Die Hysterisierung der Welt hat er früh beschrieben, sie ist sein Thema seit Beginn der Nullerjahre. Das lag schon im theatralen Gestus seiner Wutstücke, in denen geschrieben wurde, dass es einem ganz schummrig werden konnte. Ego-Shooter hetzte er da gegeneinander, gefangen im Widerstand gegen die Welt wie im Wahn in ihrem Kopf.
"Ich habe ein Recht auf meine Paranoia", schmettert in "Diktatorinnengattinnen I" eine Frau, die Elena Ceausescu ist oder auch nicht. "Draußen tobt der Konsens", das ist ein anderer Wutsatz aus diesem Stück von 2007.
Pollesch schreibt postmoderne Tragödien, die er als Komödien maskiert. "Ich werde schon erschossen", fragt Elena Ceausescu. "Heute ist doch erst Mittwoch." Mal lässt Pollesch Geschichtszombies auftreten, die von ihren eigenen Ideen aufgefressen werden, mal lässt er Ideen auftreten, die von der Geschichte aufgefressen wurden. Marx zum Beispiel.
Pollesch kennt sich aus in Theorie und Praxis der Popkultur, er ist in jedem seiner Stücke einer Gegenwart auf der Spur, die uns entgleiten will, er lässt einen Chor brüllen: "Sind Sie für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen?"
Er ist ein Regisseur, der seine Stücke gern mit Lieblingsschauspielern inszeniert, in Berlin waren das gerade Martin Wuttke und Margit Carstensen. Er ist aber vor allem ein Schreiber und Denker, der in Bruchstücken immer das Ganze sucht.
"Die herrschende Kapitalismuskritik ist vielleicht deshalb so en vogue", schreibt Pollesch in "Ein Chor irrt sich gewaltig", "weil sie sich darauf beschränkt, wieder nur zu sagen, dass wir nur bessere Menschen werden müssten."
René Pollesch ist nicht der richtige Mann, wenn es darum geht die Welt zu retten. Dazu ist er zu skeptisch, zu sehr Theater und zu wenig Widerstand. Er ist aber der richtige Mann um zu verstehen, wie die Wut in die Welt kommt.
René Pollesch ist mehr Analytiker als Agitator. Es brauchte wirklich wütende Zeiten, um das herauszufinden.
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