S.P.O.N. - Der Kritiker: Schulmeister der Nationen

Von Georg Diez

Wir erleben die Re-Nationalisierung der Politik: Statt ihre Führungsrolle zum Wohl Europas zu nutzen, spielen sich die Deutschen als Oberlehrer auf. Sie verteilen Zensuren an andere Länder und ignorieren, dass es die EU morgen vielleicht gar nicht mehr gibt.

Deutschland wird kleiner, je größer es gerade wird. Deutschland wird vorsichtiger, je wichtiger es wird. Deutschland wird nationaler in einem Moment, wo nationales Denken alles in den Abgrund zu reißen droht.

"Angela Merkel steht mitten in einem riesigen Waldbrand und stellt weiter ihre Schilder auf, dass es verboten ist, mit Streichhölzern zu spielen", sagte ein amerikanischer Freund diese Woche. "Wissen die Deutschen überhaupt, wie sehr die Welt den Kopf schüttelt über das, was sie gerade tun?"

Nein, die Deutschen wissen es nicht, und es kümmert sie auch nicht. Sie wissen ja sonst alles, und zwar besser. Sie wissen, dass die Griechen und die Spanier "ihre Hausaufgaben" nicht gemacht haben, obwohl die einen Sparkurs hinlegen, gegen den die Hartz-IV-Reformen wie ein Spa-Urlaub in Sri Lanka wirken. Sie wissen, dass Euro-Bonds nur dazu führen, dass die Südländer wieder so faul sein dürfen, wie sie es eh sind. Sie wissen, dass alle anderen Politiker "verantwortungslos" sind und "bekümmerliche" Vorschläge machen, so hauten die Weltökonomen Philipp Rösler und Angela Merkel gerade auf EU-Kommissionspräsident Barroso herum, aber der ist ja auch Portugiese und damit faul.

"Deutschland schneidet sich gerade selbst die Nase ab"

Deutschland ist mal wieder der Schulmeister der Nationen und rennt herum und verteilt Zensuren. Deutschland verwechselt Macht und Moral. Deutschland macht alles richtig, Deutschland erstellt die Stundenpläne für alle anderen, Deutschland schreibt vor, was gerade zu tun ist: Besser werden in Stunde eins, ehrlicher werden in Stunde zwei, effektiver werden in Stunde drei, kurze Pause und danach weiter bis zum späten Nachmittag. Was den Deutschen vollkommen egal zu sein scheint, ist, dass es die Schule, in der sie Direktor sind, morgen vielleicht nicht mehr gibt.

"Deutschland schneidet sich gerade selbst die Nase ab", schrieb der Wirtschaftskolumnist Joe Nocera diese Woche in der "New York Times", die am gleichen Tag ein Editorial druckte, das "Germany's Denial, Europe's Desaster" hieß und ziemlich genau durchbuchstabierte, warum "Mrs. Merkel and her team" auf Prinzipien beharren (Schilder aufstellen im Wald), gegen die nichts zu sagen wäre, wenn wir in einer idealen Welt leben würden oder wenigstens zwei Jahre Zeit hätten, eine missratene EU-Konstruktion einigermaßen demokratisch oder sogar effektiv zu machen. In dieser Krise aber, findet Nocera, ist es "verrückt", wie Deutschland agiert, das ewige Mantra "Inflation, Inflation" würde nur zu einer "wirtschaftlichen Kernschmelze" Europas führen.

Die Partner haben gar keine andere Wahl als Ja zu sagen

Was Nocera besonders erstaunt, ist die enge Sicht der Deutschen auf sich selbst, auf ihre Rolle in dieser Krise, auf das, was passiert, wenn sie noch länger so weitermachen und sich weigern, ihre Führungsrolle zum Wohl Europas zu nutzen, was ja ökonomisch vor allem das Wohl der Deutschen ist, die am meisten darunter leiden würden, wenn der Euro scheitern würde. Es hat aber einen einfachen Grund, warum das Land in dieser Krise, die ja auch eine Medienkrise ist, so eng wirkt: Fernsehen und viele Zeitungen sind wie gebannt von der Logik der Herrschenden, von der Rationalität der Macht.

In der "Tagesschau" etwa, diesem Nachrichtenritual von steinzeithafter Schwerfälligkeit, präsentieren sie seit Monaten jedes Statement von Angela Merkel wie ein Wunderwort und übernehmen dabei die Sprache der Macht, all diese Schirme und Hebel, Begriffe, die das Denken vernebeln, weil kein Mensch um diese scheinbar harmlosen Begriffe herumkommt und sieht, was eigentlich dahinter steht. Und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" drechseln sie lange Sätze, um ihre eigene Positionslosigkeit zu verstecken: Deutschland müsse den "Laden" zusammenhalten, aber "seine Partner müssen akzeptieren, dass Deutschland an seinen insgesamt erfolgreichen wirtschaftspolitischen Überzeugungen festhält".

Klar müssen das die Partner akzeptieren. Sie haben ja gar keine andere Wahl. Genau deshalb klingen solche Sätze auch so schneidend. Was wir erleben, ist die Renationalisierung der Politik, ist die Entblätterung Europas.

Europa, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk, ist ein Verbund gescheiterter, gedemütigter Weltreiche, von Portugal bis England, von Griechenland bis Österreich, und Deutschland immer in der Mitte. Eine Weile herrschte dieser verrückte Glaube, dass alles anders werden würde. Dann setzte sich die Geschichte wieder durch.

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insgesamt 203 Beiträge
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1. Betrug an der Jugend !
mauskeu 02.12.2011
Zitat von sysopWir erleben die Re-Nationalisierung der Politik: Statt*ihre Führungsrolle*zum Wohl Europas zu nutzen, spielen sich die Deutschen als*Oberlehrer auf. Sie verteilen Zensuren an andere Länder und ignorieren, dass es die EU morgen*vielleicht gar nicht mehr gibt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,801284,00.html
Hier geht es nicht um schulmeistern, sondern darum, dass man nicht weiterhin die Jugend betrügen darf. Nur weil andere Unsinn machen darf man es auch. Mit dieser Meinungsmache will man Deutschland auf den Kurs von QE oder Geld drucken zwingen. Dahinter steht ein Kalkül.
2. Der Schulmeister
riccardo 02.12.2011
Ich liebe diese "Deutschland ist an allem schuld" Artikel. Sie sind immer so differenziert verfaßt.
3. nebenbei
Calimero67 02.12.2011
Zitat von sysopWir erleben die Re-Nationalisierung der Politik: Statt*ihre Führungsrolle*zum Wohl Europas zu nutzen, spielen sich die Deutschen als*Oberlehrer auf. Sie verteilen Zensuren an andere Länder und ignorieren, dass es die EU morgen*vielleicht gar nicht mehr gibt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,801284,00.html
schöner Artikel. Vor allem gut formuliert, wie die Medien die Sprache der Politik übernehmen und mit abstrakten Begriffen, die sie wahrscheinlich selbst nicht verstehen, versuchen die Lage zu erklären. Nur was mir nicht gefällt: "...was ja ökonomisch vor allem das Wohl der Deutschen ist, die am meisten darunter leiden würden, wenn der Euro scheitern würde." Dies ist lediglich eine Behauptung und ist nicht bewiesen. Wer ist denn überhaupt mit den Deutschen gemeint? "Leiden", wenn überhaupt würden vielleicht ein paar Unternehmen. Wie ich keine Angst vor dem EURO hatte, hätte ich keine vor einer neuen D-Mark.
4. Nocera...
Dani 02.12.2011
...was Nocera (und viele andere die in der NYT schreiben) will ist das Deutschland einen Blankoscheck unterschreibt mit dem jedes europäische Land einkaufen gehen kann wann, so oft und was es will...Deutschland bezahlt ja! Reformen? Warum denn? Sparen? Nachhaltig wirtschaften? Wieso denn, wir haben doch jetzt das Geld, Deutschland bezahlt ja! Nocera und seinesgleichen fürchten um ihre linke idea von einem sozialistischen, Wohlfahrtsstaat Europa da sie sich dasselbe für die USA wünschen. Sie sind nicht interessiert an Reformen und Ökonomien die langfristig auf gesunde Füße gestellt werden. Ich hoffe inständig das die Vernunft einer Frau Merkel die Oberhand behält oder wir werden alles verlieren! Ich bin froh das Leute wie Nocera und Herr Diez nichts zu entscheiden haben, GOTT SEI DANK!
5. schulmeister
calablu 02.12.2011
Der Verfasser des Artikels sollte lieber bei Kunstkritiken bleiben.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).