Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Kritiker: Sieben Wahrheiten über die Hochkultur

Die "Süddeutsche Zeitung" macht lustvoll die gesamte Gegenwartskunst nieder, die "Zeit" hebt das Hohelied auf die Hochkultur auf die Titelseite. Woher kommt dieser plötzliche Kreuzzug der Gralshüter subventionierten Kulturschaffens? Und was genau wollen sie eigentlich schützen?

Wie bitte? Ja, wo kommen die jetzt wieder her? Wer hätte gedacht, dass sie noch mal so laut durch die Gegend tanzen würden, ihre Hochkulturkeule schwingend, als sei es das Jahr 1993 oder 1978 oder 1833. Sind denn alle nur noch in überflüssige Abwehrschlachten verstrickt? Aber es ist eben die Zeit von Hartz IV, Euro-Krise und des Abstiegs des Westens, es ist die Zeit von Salzburg und Bayreuth. Es ist höchste Zeit für die sieben relativen Wahrheiten über die Hochkultur.

1. Hochkultur ist ein Kampfbegriff

Das Wort ist nicht neutral, es beschreibt keinen Zustand und keine Realität der Theater, Opern und Museen zwischen Oberammergau und Wismar, das Wort imaginiert ein Ideal im Verschwinden, es wendet sich gegen einen Verfall, den die, die diesen Begriff benutzen, erst einmal selbst konstatieren, um ihn dann dramatisch zu bekämpfen. Einfacher gesagt: Es ist wie bei Martin Walser, der so lange herumheulte, dass er nichts über den Holocaust sagen dürfe, bis ihm die meisten Deutschen glaubten. Walser veränderte das Land, und auch das Reden von der Hochkultur ist mit Umbrüchen verbunden, die weniger ästhetisch sind, als gesellschaftlich. In diesem Fall: Die Angst der Mittelschicht vor dem Abrutschen und die große Nivellierungsmaschine Internet. Gesellschaftliche Verteidigungskämpfe werden damit ästhetisch überhöht. Auch wenn die Hochkulturkrieger das nie zugeben würden. Aber für sie ist ja die Verbindung von Kunst und Leben an sich schmutzig. Daraus folgt:

2. Hochkultur feiert die Kunstreligion

Es sind dubiose, verschwommene, extrem schwankende Kriterien, die herangezogen werden, um die Hochkultur gegen den barbarischen Rest abzugrenzen, Kriterien, die so sehr dem Geschmack und der jeweiligen Gegenwart geschuldet sind, dass es fast schon obszön ist, aus diesen relativen Wahrheiten einen objektiven Anspruch oder sogar einen "verbindlichen" Kanon zu fabrizieren: "Komplexität" etwa, was auch für eine Staubsaugeranleitung gelten kann. Oder eben eine ontologische Fehlleistung wie der "Geschmack", ein Argument, das sich selbst zum Maßstab seiner Gültigkeit macht. Es ist aber leider so, dass alles, was wir Kunst nennen oder Schönheit, gesellschaftlich vermittelt ist. I hate to break the news: Wir sind alle soziale Tiere.

3. Hochkultur ist Kapitalismuskritik

Das ist sehr 1993, dieses Gerede von der "Eventkultur", die ja alles kaputtmache, diese Arroganz den "Superreichen" gegenüber, die "in ihrer Unbildung mit den Ärmsten auf einer Stufe stehen" ( Jens Jessen in der Zeit), dieser immer wieder bis zur Gedankenlosigkeit hervorgezerrte und so papierene Popanz des "Marktes", der das Wahre, Gute und Schöne zerstört - womit mal eben wesentliche Teile der Kultur des 20. Jahrhunderts auf den Müll geworfen werden, weil Hollywood und die Beatles ja zum Beispiel keine Subventionen erhalten haben. Es ist dann auch ein irrsinniger und lustiger und unauflöslicher Widerspruch, an dem sich Jens Jessen in der "Zeit" abarbeitet, die aus dem Thema vergangene Woche eine Titelgeschichte machte: Wie kann ich aus einem Argument, das per se das Publikum in oben und unten teilt, eine sozialemanzipatorische Logik stricken, die mir erlaubt, die Notwendigkeit von Subventionen zu zeigen?

4. Hochkultur ist ein Karrieremotor

Ressentiment, Einschüchterung, Misstrauen gegen alles Neue funktionieren nirgends so gut wie im Kulturbetrieb. Das geht sogar so weit, dass im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" der reaktionäre italienische Pavillon der Venedig-Biennale auf zynische Art und Weise abgefeiert wird - nur um damit die gesamte "Kunst der Gegenwart" in den Mülleimer zu treten. Der Hass und die Häme sind dabei so ätzend, als sei das Jahr nicht 2011, sondern 1922. Die Ausstellung, schreibt der Autor Thomas Steinfeld, "ist eine Offenbarung: an Bosheit und Rohheit, an Intriganz und an politischer Ranküne. Wer durch sie gegangen ist, hat das Ende der zeitgenössischen Kunst gesehen, buchstäblich." Selbst für den halbgebildeten Kunstfeind sind solche Worte ungewöhnlich. Wie sauer muss da jemand sein auf seine Zeit, wie sicher muss er sich fühlen, dass es ein Publikum gibt, das den Ekel vor jedem Intellektualismus in der Kunst teilt. Es ist im übrigen genau jene "Komplexität", die sonst als Argument für die Hochkultur verwendet wird, die hier gegen eine Kunst angewandt wird, die sich den schlichten Deutungsmustern entzieht.

5. Hochkultur ist korrupt

Vielleicht nicht, was das Geld angeht, auf jeden Fall aber, wenn es um das Gedächtnis geht: Da wird verklärt, was das Zeug hält. Gerade war das zu bestaunen, als Theaterkritiker, die seit Jahren kein gutes Wort mehr über den scheidenden Münchner Intendanten Dieter Dorn verloren hatten, ganze Zeitungsseiten damit vollschrieben, was für ein heller Aufklärer, was für ein genaues Deutungsgenie, was für ein zarter Menschenspieler da von der Bühne gehe. Es ging gar nicht um den Dornenkranz an sich; es ging darum, Dorn zu verklären, um ihn als Heiligen der Hochkultur gegen den Verfall überall in Stellung zu bringen. Und weil es nicht reicht, die Vergangenheit zu verdrehen, wurde gleich noch der zukünftige Intendant Martin Kusej prophylaktisch abgewatscht, bevor er überhaupt eine einzige Inszenierung in München gezeigt hat.

6. Hochkultur ist konservativ

Gehen Sie nur mal nach Salzburg und nach Bayreuth. Was da geredet wird...

7. Hochkultur ist ein Konstrukt

Sie existiert nicht. Also kann sie nicht verschwinden. Also kann man sie nicht schützen.

Newsletter
Kolumne - Der Kritiker
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Um was ging es in dem Bericht eigentlich?
Haller 22.07.2011
Kann man das auch in Deutsch schreiben; verständlich? Irgendwie ging es um Hochkultur und Martin Walser. Mehr bleibt beim Lesen nicht. Schade.
2. Inflationierung
sfb 22.07.2011
Zitat von sysopDie "Süddeutsche Zeitung"*macht lustvoll die gesamte Gegenwartskunst nieder, die "Zeit" hebt das Hohelied auf die Hochkultur auf die Titelseite. Woher kommt dieser plötzliche Kreuzzug der Gralshüter subventionierten Kulturschaffens? Und was genau*wollen*sie eigentlich schützen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,775812,00.html
Klasse! Zum Verhältnis von "Kunst" und "Leben" lese man Thomas Manns "Tonio Kröger". Und schon für die alten Kasachen waren Kunst und Leben Gegensätze: Vita brevis, ars longa. Und schon für Hegel war "die Kunst nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung für uns ein Vergangenes." Es gehört zu den dummen Irrtümern der Moderne, das Wort "Kunst" durch eine Art Inflationierung so weit auszudehnen, bis es bedeutungslos wurde. Die Kunstwerke der Gegenwart sind die großen HBO-Serien wie "Sopranos" oder "The Wire".
3. So geht's natürlich auch...
Peter Jakobeit 22.07.2011
Da ist der Herr Autor mit beiden Füßen in seine eigene Falle getreten. Was er anderen Publizisten vorwirft, betreibt er selbst: Er postuliert, dass seine private, durch die Realität leider gar nicht gedeckte Idee vom Begriff "Hochkultur" Allgemeingut ist, um dann dessen Absurdität zu beweisen. Vorschlag zur Güte: Lasst uns über Kriterien reden und nicht über verletzte Seh- und Hörgewohnheiten. Lasst uns vor allem das Ganze nicht mit irgendeinem fadenscheinigen Pseudodemokratiebegriff bemänteln. Was immer hilft ist Hingehen. Kucken, hören was da passiert. Da wird man sehr bald feststellen, dass die alten "Feindbilder" nur noch in manchen Feuilletons kolportiert werden, mit dem tatsächlichen Geschehen nicht viel zu tun haben. Wenn ich Bayreuth mit dem nebulösen Begriff Hochkultur gleichsetze, ist das so sinnvoll wie den englischen Zeitunsskandal zu einer allumfassenden Zeitungsschelte zu benutzen. Etwas komplizierter ist das schon. Und, mit Verlaub, wem dies zu kompliziert ist, wer sich der Mühe eine gründlichen Recherche nicht unterziehen möchte, der soll sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Ohne ständiges Ringen um Qualität geht es eben nicht. Noch etwas: Mit dem Begriff Wahrheit sollten alle extrem vorsichtig umgehen. Im Bereich der Kunst im Besonderen. Oder sollte ich was missverstanden haben? War das als Polemik gemeint? An der Schreibe jedenfalls war's nicht auszumachen ...
4. Das Maßvolle
mcfly71 22.07.2011
Ich glaube, der gute Mann wollte mit seinen Zeilen besagen, dass weder die Proselyten des heutige "Kulturbetriebes" als auch die ewiggestrigen Kulturpessimisten das Recht haben, uns ihren Kunstgeschmack als maßgebend aufzuzwingen. Eine Regel, wonach denn Kultur bemessen sei, außer einem Zeitgeist anzugehören, hat er uns aber auch nicht liefern können, womit wir so schlau sind wie zuvor...Ich habe mir desübrigen in den letzten Tagen einige spätlaufende Werke deutscher Filmschaffender angetan: Mein Tipp wäre folgender: Komplexität, Verwirrung, Undurchschaubarkeit, sinnfreie Dialoge/ Monologe ersetzen keine Substanz. Wenn der moderne Künstler heute meint, mit Zusammenhangslosigkeit, Sinnfreiheit, Tiefsinn und Substanz zu erheischen, dann ist er einem Bären aufgesessen.
5. Da kunnste mal sehen...
Portugiese 22.07.2011
Zitat von sysopDie "Süddeutsche Zeitung"*macht lustvoll die gesamte Gegenwartskunst nieder, die "Zeit" hebt das Hohelied auf die Hochkultur auf die Titelseite. Woher kommt dieser plötzliche Kreuzzug der Gralshüter subventionierten Kulturschaffens? Und was genau*wollen*sie eigentlich schützen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,775812,00.html
Das die Ästethisierung des Alltags durch irgendwelche Kultur nicht klappt, sollte jedem Ästheten beim Besuch der Toilette endgültig klarwerden (ein Spiegel ab Alter 45 hilft natürlich auch). Wird es aber nicht und es kommt zur Quasi-Religion Kunst, da ja Gott tot ist und der göttlich Konsum oft aus monetären Schwächen nicht gepflegt werden kann. So gesehen sollte man hinzufügen, das arme Hochkultur-Anbeter die militantesten sind, oft im akademisch-arbeitslosen Mileu anzutreffen sind und real doch nur arme Willis abgeben. Schöner Artikel, vielen Dank!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.
Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: