S.P.O.N. - Der Kritiker Stärke und Ordnung, egal wie

Sicherheit statt Freiheit, Ordnung statt Offenheit: Der Erfolg von Donald Trump in den USA oder der AfD in Deutschland ist das Symptom einer tief verwurzelten Sehnsucht nach Autorität.

Eine Kolumne von

Trump-Unterstützer in Ohio
REUTERS

Trump-Unterstützer in Ohio


Was, wenn das Chaos die neue Ordnung wäre?

Nicht in dem Sinn, dass wir uns an das Chaos gewöhnen müssen. Sondern in dem Sinn, dass das, was wir für das Chaos halten, nur die Kontur einer neuen Ordnung ist, die wir mit alten Begriffen beschreiben und mit alten Maßstäben messen und die deshalb fremd und verstörend wirkt.

Der Clown zum Beispiel, der mit Wasserflaschen herumspritzt und Präsident werden will, Drumpf?

Oder dieser Flohsack an Vorbestraften, mit Haftbefehl Verfolgten, Gescheiterten, Karrieristen, schräg Begabten und puren Rassisten, die ein anderes, autoritäreres Land wollen, die AfD, die sich nun "Partei des sozialen Friedens" nennt?

Sie haben, so scheint es, das Parteiensystem gesprengt.

Die SPD, geschrumpft und verloren im demoskopischen Niemandsland: Wir sind die Partei, die seit 150 Jahren dies oder das sagt, Sigmar Gabriel, der längst keinen Platz mehr hat in der deutschen Politik.

Die CDU, gebeutelt und verwirrt im sozialdemokratischen Neuland. Und sie glauben immer noch, es sei Angela Merkel gewesen, die ihnen zu viel SPD in ihren dünnen konservativen Kaffee geschüttet hätte.

Was aber bedeutet das alles?

Hier gewinnt die SPD, dort zerbröselt sie, überall verliert die CDU, und der Grund sind die Flüchtlinge. Heißt es. Aber reicht das wirklich als Erklärung?

"Ernst nehmen", sagen die einen. "Entspannt euch", sagt Heiner Geißler, aber der ist auch schon sehr, sehr alt.

Und für alle, die auf keinen Fall die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen sehen wollen, die Leser der "Welt" also, gibt es noch die Gute-Nacht-Geschichte von den "Gesättigten" und den "Saturierten", die für den Erfolg der AfD verantwortlich seien.

Es hilft, ein wenig amerikanische Presse zu lesen

Unklar bleibt, auf welcher Grundlage diese Erkenntnis zustande gekommen ist. Unklar bleibt auch, was damit gesagt werden soll, das sei "das Mütchen derer, die gerne einmal auf die Sahne hauen möchten".

Wenn das die analytische Tiefe ist, mit der über die neuen Realitäten der Demokratie am Beginn des 21. Jahrhunderts gesprochen werden soll, dann hilft es vielleicht doch, mal wieder ein wenig amerikanischen Journalismus zu lesen.

Vox Media zum Beispiel, wo vor Kurzem in einem sehr langen Text das Phänomen des "Aufstiegs des amerikanischen Autoritarismus" erklärt wurde - die Frage also, wie jemand wie Trump so erfolgreich sein kann. Die Frage also auch, wie die AfD so breit abräumen kann.

Die erste Beobachtung: Das verbindende Element bei den Wählergruppen, die Trump im Vorwahlkampf unterstützen, ist ihre autoritäre Grundhaltung - eine Kategorie, die auf Überlegungen über die totalitäre Persönlichkeitsstruktur zurückgeht.

Autoritarismus zeichnet sich aus durch Furcht vor Minderheiten, Hass auf das Fremde, Fixierung auf eine starke Führerpersönlichkeit und die Angst um die eigenen Lebensumstände - was zum Beispiel auf die weiße Arbeiterschicht in den USA zutrifft.

Sie spürt immer noch den Druck der Finanzkrise, als die Banken gerettet wurden, aber nicht ihre Jobs. Sie fühlt sich kulturell und demografisch unterlegen, weil die Welt bunter wird. Sie will Grenzen, sie will die alte Ordnung wieder, sie will einen Nationalismus, der sie wirtschaftlich und militärisch beschützt. Sie will Stärke, egal wie.

"Bestrafe die, die moralisch von der Norm abweichen"

Die These der Vox-Autoren ist aber: Diese Schicht gab und gibt es immer, sie existierte vor dem Kandidaten Trump, sie existierte vor der AfD, sie teilte sich auf verschiedene Parteien auf und fand sich in den USA nicht nur bei den Republikanern, sie fand sich in Deutschland nicht nur in der CDU. Aber in Krisenmomenten bündelt sich diese autoritäre Kraft, entfaltet sich diese autoritäre Sehnsucht und sucht sich ihren politischen Ort.

Die Kategorien, die wir also benutzen, um das politische Spektrum zu beschreiben, sind möglicherweise falsch, zumindest sind sie unpräzise, weil sie über tieferliegende Einstellungen hinwegsehen. Oder, wie es der NYU-Professor Jonathan Haidt formuliert: "Die Antwort auf eine moralische Bedrohung ist - schließ die Grenzen, wirf alle raus, die anders sind, und bestrafe die, die moralisch von der Norm abweichen."

Das Neue an der Herangehensweise der amerikanischen Politikwissenschaftler: Sie konzentrieren sich bei ihrem Umfragen zur autoritären Persönlichkeit auf Fragen, die mit der Kindheit zu tun haben, um zu sehen, wie wichtig Hierarchie, Ordnung, Konformismus sind: "Was, finden Sie, ist wichtiger für Kinder: Unabhängigkeit oder Respekt vor Älteren?" "Was ist wichtiger: Gehorsam oder Eigenständigkeit?" "Neugier oder gute Manieren?" "Rücksichtsvoll oder folgsam?"

Es muss ein Gefühl der Bedrohung geben

Diese Prägungen sind latent, das ist der Punkt. Wichtig ist die Einsicht, wann und wie sie sich zu politischen Haltungen formen und verdichten.

Es muss ein Gefühl der Bedrohung geben, so das Fazit, eine empfundene Bedrohung von außen, von innen, durch Terror, Wandel, Verlust von Sicherheiten - dann wendet sich die autoritäre Person gegen das Fremde. Und es ist meistens nicht eine spezielle Gruppe, es sind gleich alle: Muslime, gleichgeschlechtliche Paare, Flüchtlinge.

Das erklärt auch die breite Front des Hasses und der Ablehnung - von Akademikern und Feuilletonisten, die sich ihren Westentaschenrassismus und das Wort "Neger" nicht nehmen lassen wollen, über die Albernheit, sich von der sexuellen Selbstbestimmung anderer Menschen bedroht zu fühlen, bis zu der irrationalen Verkoppelung von Islamfeindlichkeit und Flüchtlingshetze.

Das alles bedeutet eine grundlegende Revision des politischen Spektrums. Es gibt tiefere, existenziellere und auch gefährlichere Prägungen, das legen die amerikanischen Untersuchungen nahe, als politische Präferenzen und Parteizugehörigkeit, die demnach eher oberflächlich und teilweise sogar zufällig geschehen.

Die Einteilung in links und rechts ist damit nicht hinfällig, aber sie ist in vielem willkürlich und ungenau - vor allem findet sie sich ja bei keiner einzigen Partei auf eine Art und Weise, die links und rechts zu entscheidenden Parametern des politischen Nachdenkens machen würde.

Viel effektiver und aussagekräftiger ist da die Beschreibung der "autoritären Dynamik", wie sie Karen Stenner in ihrem gleichnamigen Buch nannte, auf das sich viele der Schlussfolgerungen der Studien beziehen.

Es geht um mehr als um Wahlen

Sie beschreibt einen Prozess, der unabhängig von einem Kandidaten oder einem möglichen Präsidenten Trump geschieht. Trump verschärft und benutzt diese Stimmungen. Aber auch, wenn er verliert, die Radikalisierung der Gesellschaft bleibt.

Folgt man dieser Argumentation, ist es so auch mit der AfD. Es ist falsch und fahrlässig, wenn man davon ausgeht, dass etwa Koalitionen, wie jetzt schon sehr rasch etwa von der "Frankfurter Allgemeinen" gefordert, die AfD irgendwie einbinden oder demaskieren könnten.

So funktioniert diese Bewegung nicht, denn um eine Bewegung geht es hier. Es ist auch falsch zu denken, dass sich nur etwas verschoben hat, dass die CDU sozialdemokratisch geworden ist und dass deshalb am rechten Rand, was immer das ist, jetzt eben eine neue Partei entstanden ist.

Es ist anders: Die autoritäre Persönlichkeit hat andere Werte, sie will Sicherheit statt Freiheit, sie will Ordnung statt Offenheit, sie will Hierarchie und kein Netzwerk, ihre Ängste sind groß und zugleich und abstrakt, die Angst vor dem IS ist größer als die Angst vor einem Verkehrsunfall.

Es geht also um mehr als um Wahlen. Viele haben sich angewöhnt, Politik auf das zu reduzieren, was die Parteien als Politik präsentieren. Wenn man es aber mit einem Politiker wie Trump oder mit einer Partei wie der AfD zu tun hat, die sich letztlich weigert, eine Partei zu sein und nach anderen Spielregeln spielt, dann kann das nicht nur falsch sein, sondern fatal.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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proratio 20.03.2016
1. Stimme zu
Genau so ist es. Und jeder, der die AfD wählt, sollte sich fragen, ob es ihm wirklich besser ginge, wenn es in diesem Land wieder mehr Autorität und Intoleranz gäbe, wenn Minderheiten ausgegrenzt werden, wenn nicht mehr alle selbstbestimmt leben können. Wenn eine staatliche Norm formuliert würde, nach der alle leben sollen, statt weltoffen, frei und tolerant zu sein. Aber genau damit gibt es offenbar eine große Überforderung. Dietz' Ansatz erklärt auch, warum gerade im Osten und bei Männern eine solche Partei Zustimmung findet. Es schaudert einen.
Ge-spiegelt 20.03.2016
2. Ein US Kollege aus Texas wählt Trump
Republikaner, weiss, Mitte 50, 4m langer Waffen Schrank, spanischer Abstammung. Argumentation wenig sachlich. Furcht, dass der Staat immer mehr verbietet und in sein Privatleben eingreift. Wenn Hillary Präsident wird, wandert er in die EU aus.
MurkselsOpfer 20.03.2016
3. Sicherheit statt Freiheit, Ordnung statt Offenheit
Das ist eigentlich mehr die Besreibung Grüner und Linker Politik. Hier wird bis auf den Teller, bzw. in die Kaffeetasse reiregiert, hier wird jegliche Freiheit der politisch linken ideologischen Gleichschaltung untergeordnet. Die Rechten in der Welt haben die Aufgabe, das wieder aufzubrehcen und die von Blockparteien gleichgeschaltete "Demokratie" wieder als Freiheits- und Wohlstandsgearant einzuführen.
holmgerlach 20.03.2016
4. Vergleiche sind unsinnig..
Ihre wiederholten Versuche Trump und unsere AfD zu vergleichen sind für mich völlig unsinnig -und unseriös! Für mich ist die AfD die einzige Partei der Mitte die Bürgerarbeit macht und die Menschen in Deutschland endlich wieder verbindet statt zu spalten. Lassen Sie die demokratisch gewählten Abgeordneten ganz normal anfangen zu arbeiten bevor Sie aburteilen!
Hank Hill 20.03.2016
5. Jetzt
müssen schon amerikanische Medien für die Erklärung des AfD Erfolges bemüht werden. Herr Diez hat immer noch nicht verstanden. Bei vielen Menschen, die AfD gewählt haben war Protest die Ursache. Und es ist viel zu kurz gesprungen wenn Herr Diez das mit Angst erklären will. Er stellt seit Wochen eine Behauptung auf, die in der Regel falsch ist. Und arbeitet sich daran ab. Ich habe weder Angst vor Fremden noch vor Homos. Ich will nur keine massenhafte Einwanderung. Was ist falsch daran zu versuchen sein Umfeld zu bewahren ? Was ist falsch daran die Kosten ins Kalkül zu ziehen ? Warum soll ich mich schuld am Syrien Krieg fühlen ? Was ist falsch wenn ich Frau Merkel's Aussage "Deutschland wird sich verändern" nicht akzeptiere ? Der Vergleich Trump und AfD ist unsinnig weil die Parameter nicht stimmen. Man kann auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Dazu sind die Gesellschaften in den USA und Deutschland zu unterschiedlich. Aber es ist halt einfach. Alles in einen Sack stecken, ein Label drauf und in eine Schublade gesteckt.
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