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S.P.O.N. - Der Kritiker: Startet die Fernseh-Revolution!

Es reicht: Das Staunen, das Kopfschütteln, das Abnicken über die Zustände im öffentlich-rechtlichen Fernsehen muss ein Ende haben, fordert Georg Diez - und ruft die Revolution des televisionären Frühlings aus.

Es wirkt wie die Sowjetunion 1981. Es wirkt wie Ägypten 2011. Das alte Regime wackelt. Es bunkert sich ein. Es wird alles tun, um zu überleben. Das eigene Existenz wird zum Selbstzweck. Das ist die Logik der Diktatur.

Zu hart? Nur weil sich ARD und ProSieben beim europäischen Sängerkrieg zur Einheitsfront zusammenschließen, für die einzige Kandidatin einen Akklamationsparteitag abhalten und uns jetzt die ganze Woche über gleichgeschaltet beschallen, damit Lenas nationaler Auftrag erledigt werden kann? Nur weil sich das ZDF aufführt wie ein Einparteienstaat und eine Intendantenstelle ausschreibt, für die sie schon vorab wieder nur einen einzigen Kandidaten bestimmen, der dann im Juni mit sozialistischem Ernst und 99 Prozent Zustimmung gewählt werden wird?

Es tut mir leid. Aber es reicht. Es reicht endgültig. Das Abnicken. Das Kopfschütteln. Das Staunen darüber, warum dieses Land es einfach hinnimmt, dass ausgerechnet Organisationen wie ARD und ZDF, die ihre eigene Existenz immer dadurch legitimieren, dass ohne sie mindestens die Demokratie in Gefahr ist, sich so undemokratisch wie möglich verhalten.

ARD und ZDF schaden der Freiheit, weil sie Entscheidungen im Gremiengeschachere verschleiern, weil sie das Prinzip der Wahl lächerlich machen, weil sie ein Regime der Angst und der Abhängigkeit hervorgebracht haben, so machtvoll, dass selbst erfolgreiche Schauspieler und Regisseure sich weigern, das Schweigegelübde zu brechen, sich kritisch übers Programm, über die Strukturen, über die Redakteure zu äußern.

ARD und ZDF schaffen selbst die Zwänge, die sie dann durch Zwang wieder durchsetzen müssen: Um den gierigen Apparat am Laufen zu halten und um auf die neuen medialen Bedingungen zu reagieren, wurde die GEZ im Handstreich umgebaut und vergrößert zu einer Behörde, die auf eine Art und Weise ins Privatleben der Bürger eingreifen darf, wie es sonst höchstens der Papst und Facebook tun.

Das Programm frisst sich von innen auf

ARD und ZDF sind bundesrepublikanische Moloche, fett geworden in den Wohlstandsjahren, von der eigenen Bedeutung fest überzeugt, Anstalten, deren Selbsterhaltungstrieb, deren Anspruchsdenken, deren Sicherheitsstreben dazu führen, dass ein nicht unwesentlicher Teil der 7,5 Milliarden Euro GEZ-Einnahmen in die Rückstellungen der Mitarbeiter-Renten gehen, in die Verwaltung, nicht in die Inhalte - das Programm frisst sich von innen auf.

Jahrelang nun war das Leiden am Fernsehen, jedenfalls wenn man nicht komplett humorlos oder kulturpessimistisch da stehen wollte, dadurch gebunden, dass man sich in Ironie flüchten konnte: Es gab ja Harald Schmidt, es konnte also alles gar nicht so schlecht sein. Es gab "Big Brother" und "DSDS", wo man mehr über unsere migrantische Gesellschaft lernen konnte als im Buch des unseligen Sarrazin. Es waren die Nullerjahre, als alle noch medial so verwirrt waren, weil sie noch nicht mal ahnten, wie das Internet die Welt und ihre Medien auf den Kopf stellen sollte.

Das ist der Hintergrund, vor dem der Streit über das deutsche Fernsehen ausgetragen werden muss. Es geht nicht mehr um einzelne Sendungen, es geht nicht um Geschmacksfragen. Es geht um eine Zäsur. Es geht um die grundsätzliche Ordnung unserer Medien - eine Ordnung, die sich in ihren Widersprüche am besten erkennen lässt. Da ist zum Beispiel die schleichende Umwandlung der öffentlich-rechtlichen Sender in Internetportale - die staatlich finanziert sind und in direkte Konkurrenz treten zu privatfinanzierten wie etwa SPIEGEL ONLINE oder "Sueddeutsche.de". Der Anspruch, eine demokratische Schutzfunktion und einen Bildungsauftrag zu haben, wird so ins Gegenteil verkehrt, weil die freie Presse mehr oder weniger indirekt gefährdet wird.

Aber mit solchen Argumenten muss man den Politbüromitgliedern von ARD und ZDF gar nicht kommen. Man muss sich schon andere Strategien ausdenken, so scheint es. Dass es heute weniger "um Rezeption als um Ansteckung" geht, postuliert das französische Subversionskollektiv Tiqqun. Ein Virus also, das sich rasch und unkontrolliert ausbreitet. Wir kennen das zum Beispiel von Tunesien, Ägypten, Syrien.

Vorigen Sonntag nun hat der "FAZ"-Journalist Claudius Seidl, ein ehemaliger Kollege von mir, in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen interessanten Kommentar geschrieben. Die Stelle, die Thomas Bellut besetzen soll, sei doch öffentlich ausgeschrieben, es sei also unklar, warum es keinen anderen Kandidaten gebe: Er, Claudius Seidl, wolle sich nun bewerben als ZDF-Intendant. Und ob das nun ernst gemeint war oder nicht, spielt in diesen viralen Zeiten keine Rolle mehr. Seit kurzem gibt es eine Unterstützerseite auf dem bewährten Revolutionsmedium Facebook.

Ich bin jedenfalls dafür. Ich bin dafür, dass sich etwas ändert an diesen jammervollen Zuständen. Ich bin für den arabischen Frühling im deutschen Fernsehen. Das ist unser Land. Inschallah.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 175 Beiträge
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1. Danke
giovanni47 13.05.2011
Danke für diesen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Bravo! Ich hätte es nicht besser formulieren können! :-)
2. Zahlungsverweigerung - massenhaft
oannes 13.05.2011
Guter Artikel! Was wäre denn, wenn wir den Fernsehfrühling zustandekriegen und mindestens 1 Million Menschen aufbringen, die schlicht die geplante Zwangszahlung der Gebühren geschlossen verweigern, weil kein Fernseh- oder Rundfunkgerät vorhanden. Ich persönlich bin nicht bereit mich monatlich abzocken zu lassen, damit diese verkrusteten, überkommenen Strukturen, dieser ganze Selbstbedienungsladen weiter läuft wie bisher. Gibt es keine Partei, die sich ein paar Wählerstimmen verdienen will?
3. Evolution...
tipota, 13.05.2011
Zitat von sysopEs reicht: Das Staunen, das Kopfschütteln, das Abnicken über die Zustände im öffentlich-rechtlichen Fernsehen muss ein Ende haben, fordert Georg Diez - und ruft die Revolution des televisionären Frühlings aus. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762189,00.html
Eine Evolution würde ja schon genügen. Aber die ist schwer zu bewerkstelligen im Spannungsfeld zwischen den Anti-ÖRR Hysterikern und den Pro-ÖRR Bunkerbewohnern. Jeder bietet der jeweilig anderen Seite genug argumentative Munition, um den Konflikt gleichzeitig zu befeuern und ihn dabei ins Leere laufen zu lassen. So haben alle was davon. Claudius Seidl ist natürlich der Kandidat der Kandidaten....! Sofort wählen.
4. Ihr Zorn Muss Ihnen Nicht Leid Tun . . .
seppiverseckelt 13.05.2011
...Herr Diez- d e n teile ich schon lange... Wobei Sie in d i e s e m Artikel noch nicht einmal die Allergrösste Quelle unseres Zornes streiften- das immer Debiler werdende "Programmbouquet"...! (das sprachen sie neulich an...) Nur eines für die Zukunft-weniger Verquast schreiben kommt einfach besser rüber-ehrlich !
5. guter Artikel
mentawai 13.05.2011
Weiter so, das geht in die richtige Richtung. Das zwangsfinanzierte Schlaraffenbiotop der ÖR-Dinosaurier hat einen arabischen Frühling bitter nötig. Parteienhörige Realitätsverfälschung / Manipulationen und Verkrustungserscheinungen wie man sie sie von gewissen überwundenen Systemen kennt.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.
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