S.P.O.N. - Der Kritiker: Was uns FriedrichZwo über Europa 2.0 sagt

Deutschland ist besoffen vor Glück über den alten Fritz. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen tut nichts anderes, als von dessen Tugenden zu schwärmen. Ergiebiger ist es allerdings, das Expansionsstreben des Preußen mit Merkels Machtpolitik in Europa zu vergleichen.

Friedrich II., der vor 300 Jahren geboren wurde und uns in diesem Jahr noch lange beschäftigen wird, weil man um all die Bücherstapel und die Flöten-CDs und die Ausstellungsplakate nur schwer herumkommt und das Fernsehen immer mal wieder einen Grund finden wird, darüber zu diskutieren, ob wir mehr FriedrichZwo in der Politik, im Alltag, in der Musik, in der Erziehung oder im Fußball brauchen. Dieser Friedrich also, der auf einmal aus der Mottenkammer der Geschichte gezerrt wird, weil die Erinnerung auch nur ein Exerzierplatz der Nation ist, dieser Friedrich, den manche ernsthaft immer noch als Alten Fritz ankumpeln, könnte an sich ganz nützlich sein, um sich ein paar Gedanken über die Gegenwart zu machen.

Aber nicht über Christian Wulff und die Frage, ob der "erste Diener im Staat", noch so eine Phrase, ein Upgrade in die Business Class von Air Berlin annehmen sollte. Sondern über Angela Merkel und die Frage, ob Deutschland gerade dabei ist, Europa zu spalten oder zu einigen, und ob das am Ende gleich ist, weil das Ergebnis eine Hegemonie ist, von der Friedrich nur träumen konnte.

Dass Angela Merkel die Nerven des restlichen Europas und weiter Teile der Weltwirtschaft inzwischen reichlich strapaziert, konnte man bei ihrem Auftritt in Davos diese Woche beobachten. Dass ihr das egal ist, ist bekannt. Dass sie im Interesse Europas handelt, muss sie gar nicht erst behaupten, weil es eh keiner glauben würde. Und das ist ja auch vollkommen in Ordnung. Alle anderen machen es auch so. Alles andere - das idealistische Gefasel vom gemeinsamen europäischen Erbe etc. - wurde erst in den Zeiten der Krise ausgepackt.

Der Adel muss dem Volk die Demokratie erklären

Am Anfang dieses Europas, das jetzt zu zerfallen droht, stand immer etwas anderes: "Die Industrie ist die eigentliche Herrin Europas. Die wichtigsten Fragen sind nicht mehr Dynastien und Eroberungen, sondern Zölle und Staatsschulden." Diese Sätze stammen aus dem Jahr 1852, sie sind von Jacob Burckhardt, ein kluger Schweizer Historiker, dessen Buch "Das Zeitalter Friedrichs des Großen" das nebensächlichste und gleichzeitig interessanteste Buch von all den gerade erschienen Büchern ist, die den "Preußenkönig", noch so ein Wort, in den Staub der Mark Brandenburg setzen.

Erst waren es die Manieren, die uns Postdemokraten etwas lehren sollten, jetzt sind es die Tugenden, eine etwas martialische Variante des Wissens darum, welche Gabel man zum Fisch verwendet. Wie grotesk das dann manchmal wird, das war in dieser Woche auch zu beobachten, als Anne Will in ihrer Sendung Richard von Weizsäcker so lange wegen der "preußischen Tugenden" löcherte, bis der ihr erklärte, dass wir doch eine "Demokratie" sind, die keine Tugenden kennt oder braucht.

Was natürlich mal ein erhebender Moment der Aufklärung war. Dafür haben wir heute Adelige, dass sie uns erklären, in welchem politischen System wir leben. Die Medien sind mit anderen Sachen beschäftigt. Also fragt Anne Will ohne ihr übliches ironisches Lächeln, ob Friedrich ein "Vorbild für das Amtsverständnis" heutiger Politiker ist, was ungefähr so sinnvoll und schlüssig ist, als wenn sie vorschlagen würde, alle Hartz-IV-Empfänger Berlins sollten nach Sanssouci ziehen.

Wie kommt es dazu, dass eigentlich sympathische Menschen auf einmal wie ferngesteuert dieses Wort ausspucken, Preußen, Preußen, Preußen, was einen immer noch mit blauer Kälte anweht? Warum werden Schauspieler wie Ulrich Matthes im Fernsehen dazu gebracht, den "Preußen" in sich zu entdecken und zu offenbaren? Was würde es an der kaputten deutschen Geschichte zwischen 1740 und 1945 ändern, wenn Friedrich nun "aufgeklärt" war, in jedem Fall war er doch ein Aufklärer ohne Volk und ohne Folgen? Und was sind die tieferen Gründe dieses historischen Täuschungsmanövers?

Und da kommt man eben doch wieder zurück zu Wulffs Klinkertum und Merkels Machtpolitik und zu Jacob Burckhardt. "In den Gemütern herrscht schrankenlose Beliebigkeit", "alles scheint allen möglich", die "geschichtlichen Konsequenzen", schreibt Burckhardt, "sind allein unabsehbar und jeder Prophezeiung unzugänglich": So skizziert er einen Kontinent, der nur darauf zu warten schien, von Friedrich zerteilt und neu "arrondiert" zu werden. Das lächerliche Schauspiel um den "Bundespräsidenten" Christian Wulff nun ist vor allem deswegen langsam so schädlich, weil die Aufmerksamkeit einfach abgelenkt wird von den entscheidenden Dingen: Wichtig in diesen Wochen ist ja nicht, ob Wulff nun in seinem überflüssigen Amt bleibt oder nicht, wichtig ist, welche Folgen, Veränderungen und Verletzungen Merkels Politik in der Euro-Krise hat.

Geschichte dient nicht für Vergleiche, Geschichte kann aber den Blick schärfen. Friedrich hat den Krieg genutzt, seine politischen Ziele durchzusetzen. Merkel betreibt eine Politik, die dazu zu führen scheint, dass in Ländern, die dem Sparzwang unterworfen sind, soziale Unruhen drohen. In der "FAZ" war Anfang der Woche ein eindrucksvoller Bericht über die Gewalt gegen Parlamentarier zu lesen, die bislang noch im Werfen von Eiern und Joghurt besteht. Und die im Internet veröffentlichte Liste der griechischen Steuersünder ist ja auch eine Vorstufe zu wenigstens symbolischer Lynchjustiz. Das sind keine demokratisch legitimierte Maßnahmen mehr, sondern Zeichen für ein Land im Ausnahmezustand.

Wenn das das Ergebnis dieser "Rettungsschirme" ist, die mit "großer Feuerkraft" ausgestattet sind, dann läuft irgendwas schief. Krieg hat heute ein anderes Gesicht. Gewalt aber steckt nicht nur in Worten, Gewalt prägt heute wieder das Verhältnis zwischen den Staaten Europas.

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insgesamt 58 Beiträge
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1.
mixolydisch, 27.01.2012
Zitat von sysopDeutschland ist besoffen vor Glück über den alten Fritz. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen tut nichts anderes, als von dessen Tugenden zu schwärmen. Ergiebiger ist es allerdings, das Expansionsstreben des Preußen mit Merkels Machtpolitik in Europa zu vergleichen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,811767,00.html
Sie müssten eigentlich wissen, dass es in Deutschland keinen Adel mehr gibt. Der wurde 1919 abgeschafft. Es gibt nicht mal mehr einen ehemaligen Adel, denn diese Adeligen müssten vor 1919 geboren sein. Es gibt nur noch einen Pseudo-Adel - installiert von Bild und der Regenbogenpresse.
2. ups
friedrichii 27.01.2012
Selten so unsinnige Vergleiche gelesen.
3. Merkel und Europa
WILHHERDE 27.01.2012
kaputten deutschen Geschichte zwischen 1740 und 1945,< Zuerst zur kaputten deutschen Geschichte zwischen 1740 und 1945. Man schaue sich die Geschichten anderer Staaten in genanntem Zeitraum an. Z.B. die USA, als die Bauern in Preußen aus der Leibeigenschaft um 1815 befreit wurden, mussten Amerikas Schwarze noch 50 Jahre warten, bis sie aus der Sklaverei befreit wurden, die Indianer Nordamerikas westlich der Appalachen mussten noch darauf warten, von ihrem angestammten Boden in die Reservate geführt oder vernichtet zu werden. Zu Frankreich, in dem geannten Zeitraum erlitt Frankreich eine mörderische Revolution, überrrannte Napoleon I ganz Europa. Napoleon III erklärte Preußen dann 1870 den Krieg, der zur Vereinigung der deutschen Staaten im Sinne der kleindeutschen Lösung führte. Zwischendurch führte Frankreich den Krimkrieg, Krieg in Italien und anderswo. Das soll mir erst mal reichen zum Vergleich von Geschichten. Zu Frau Merkel, sie bemüht sich, die Kosten Europas und des Euros für deutsche Bürger gering zu halten. Und das ist gut so. Schließlich wurde uns der Euro aufgedrängt (R. von Weizsäcker: Der Euro ist der Preis der Einheit). Die Deutschen haben sich nicht nach dem Euro gesehnt, sondern er war eine französische Idee zur Eindämmung des Einflusses der Deutschen in Europa und der Welt. Wir verlangen von Frankreich ja auch nichts dafür, dass es nicht in drei Teile geteilt ist wie unter Cäsar (Gallia divisa est in tres partes) lassen uns keinen Preis dafür zahlen, dass es nicht so ist. Wenn Schüsse nach hinten losgehen, ist auch immer noch der verantwortlich, der den Schuss ausgelöst hat. Frankreich wollte mit dem Euro Deutschland entmachten und muss nun bei Frau Merkel betteln gehen. Das ist ist Ironie der Geschichte. Meine persönliche Schadenfreude ist gar nicht zu beschreiben.
4.
sfb 27.01.2012
Zitat von sysopDeutschland ist besoffen vor Glück über den alten Fritz. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen tut nichts anderes, als von dessen Tugenden zu schwärmen. Ergiebiger ist es allerdings, das Expansionsstreben des Preußen mit Merkels Machtpolitik in Europa zu vergleichen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,811767,00.html
WIE BITTE?!? Erstens wird nirgends von den Tugenden geschwärmt, sondern es werden ausführlich alle Fehler ausgebreitet, die dieser Staatsmann hatte und machte. Und Zweitens: Die EU ist Werk der Alliierten, und der Euro war der Preis für die Einheit (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73989788.html). Was Merkel versucht, ist eher, sich gegen die Zahlung von Schutzgeld zu wehren. Leider funktioniert dies meist nicht. "Die Behandlung, die Sie durch die EU erfahren, ist vielleicht eine spezifisch deutsche Form von Reparationszahlungen für den 2. Weltkrieg. Denn Sie leisten die ungeheuerlichsten Zahlungen zur Unterstützung dieser Europäischen Union. Ihre Zahlungen waren bereits in guten Zeiten enorm, und nun, da die Zeiten schlechter werden, sind Sie mit ungeheuerlichen Forderungen konfrontiert. ... Die Deutschen sind zum Trottel Europas gemacht worden. ...Ihre Politiker sind ohne jeden Zweifel bereit, jeden Preis zu zahlen, um ihren europäischen Traum und ihr europäisches Projekt am Leben zu erhalten. Zur Hölle mit dem Volk! ... *Es wird Zeit, dass die Deutschen endlich aufstehen und sagen: Es reicht, wir werden in dieses System kein Geld mehr stecken!*" Rede vom 25.9.2010 Nigel Farage - Europas Neue Weltordnung (http://www.youtube.com/watch?v=weqAwZuHbB4)
5. ein wenig leuchtmittel für die leuchte bitte
fallobst24 27.01.2012
Zitat von sysopDeutschland ist besoffen vor Glück über den alten Fritz. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen tut nichts anderes, als von dessen Tugenden zu schwärmen. Ergiebiger ist es allerdings, das Expansionsstreben des Preußen mit Merkels Machtpolitik in Europa zu vergleichen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,811767,00.html
Es ist also böse Machtpolitik von der Merkel kurzfristig NEIN zu sagen zu all den gierigen Schreien nach dem deutschen Steuergeld für die eigenen, jahrezehntelang selbstverschuldeten Staaten wie Italien, Griechenland und andere Osterhausen??? Hab ich mit meinen jungen Jahren schon einen Schlaganfall, sodass ich hier was lese, was da gar nicht steht, oder hat der Autor komplett jeden Realitätsbezug und jeden Hauch von Vernunft verloren? Na dann los, wenn der nächste "Penner" sie um Geld bittet, dann sollten sie sofort ihr Bankkonto plündern und es diesem Mann geben. Für mehr Solidarität und bloß keine böse merkel' sche Machtpolitik betreiben. Es ist unglaublich und traurig zugleich, dass die Merkel scheinbar die einzige bekannte Politikerin ist, die den von aller Welt, den europäischen "Freunden" und der halben, das eigene Land scheinbar hassenden Medienland geforderten Ausverkauf Deutschlands (zumindest noch) verhindert... Wenns nicht so ernst wäre, müsste man bei dieser bizarren Situation doch glatt lauthals lachen.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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