S.P.O.N. - Der Kritiker: Wenn die Zeiten sich ändern, bleib einfach stehen

Das waren noch Zeiten, damals, vor 25 Jahren, als Amerika noch strahlte und die Beastie Boys dazu aufriefen, für das Recht auf Party zu kämpfen. Amerikas Jahrhundert ist vorbei, aber das Trio aus Brooklyn zeigt mit einem selbstironischen Film und einem neuen Album, wie man trotzdem entspannt bleibt.

Tief im amerikanischen Jahrhundert standen die Bäume und die Mädchen in voller Pracht. Die Bäume waren grüner und satter als in Deutschland, so wie 1986 alles in Amerika grüner und satter war. Die Mädchen waren fremd und vertraut, so wie alles hier fremd und vertraut war. Es war schließlich Amerika, ewiges, strahlendes Amerika, das immer hier sein würde und immer herrschen würde, über die Herzen der Jugend, über die Menschen der Welt.

Und dann brach es plötzlich los, aus den offenen Türen eines Mustangs, der schräg vor der Highschool geparkt war und in dem ein paar der Typen saßen, die am Samstag im Footballteam gespielt hatten, angefeuert von diesen faszinierenden, roboterhaften Cheerleadern, die ihren Spaß mit so grimmigem Ernst betrieben. "You gotta fight", so krachte es aus dem Auto, "for your right", Atemholen, "to paaaaaaarty". Und der Austauschschüler, der ich war, erschrak und wusste nicht warum.

25 Jahre später ist die Sache etwas klarer. Was damals so stolz und strahlend und unverletzlich erschien, Amerika, das lebte schon längst im Abendlicht seiner Geschichte. 25 Jahre später ahnen wir den chinesischen Morgen. 25 Jahre später kommen die Beastie Boys mit einem neuen Album zurück, das "Hot Sauce Committee Part Two" heißt, und mit einem grandiosen Video namens "Fight For Your Right - Revisited" - und gleich mit dem ersten Fiepen und Zirpen und dem ersten Bäng des Songs "Make Some Noise", ist der Spaß wieder da, die Härte und auch das Erschrecken: vor der Zeit, die vergeht, vor der Zeit, die wir hatten, vor dem Alter, das auf uns wartet.

Mehr als drei weiße jüdische Jungs

Es war schon immer das Besondere der Beastie Boys, dass sie mehr waren als drei weiße jüdische Jungs, die wohl wirklich so unerzogen waren, wie sie schienen, und dabei mit ihrem Rap, mit ihren Samples und Loops Musik machten, die klug genug war, um darüber zu reden, und krachig genug, um dazu zu tanzen. Sie waren immer beides. Das Phänomen und die Erklärung. Die Party und die Botschaft. Das Erdbeben und der Seismograf.

Sie tauchten auf, als die Popkultur, wie wir sie kennen, im Grunde schon an ihr Ende gekommen war. Nur merkte das damals kaum einer, nach Punk und New Pop, dass das Versprechen des Westens schal geworden war. Es roch ja nach Triumph. Es roch nach Reichtum. Es roch nach Weltherrschaft. Die Beastie Boys rannten da in gewisser Weise offene Türen ein, und sie wussten es. Sie konnten laut sein, sexistisch, lustig, es machte keinen Unterschied. Sie machten das Beste daraus. Sie machten sich erst einen Spaß. Dann machten sie Ernst.

Sie waren weißer als Prince und schwärzer als Madonna, sie waren jüdisch genug, ihre Neurosen zu verklären, und amerikanisch genug, ihren Ruhm zu leben. Sie zelebrierten erst ihr Hinterzimmer-Hipstertum, dann ihren Kinderzimmer-Futurismus mit vier phantastischen Platten, die heute immer noch nicht alt wirken, obwohl sie schon damals nicht neu schienen. Dann kamen sie an eine Kreuzung, auf der stand 9/11. Und sie wussten, was sie tun mussten. Sie feierten ihre stolze, verletzte Heimatstadt New York mit der Hommage "To the 5 Boroughs" und kritisierten gleichzeitig die Bush Boys für ihren verrückten Krieg.

Zugleich engagiert und entspannt

Sie zeigten, mit anderen Worten, wie das geht, zugleich engagiert und entspannt zu sein. Und dann, in den letzten Jahren, durchlebten sie wie im Zeitraffer die Hoffnungen und Ängste der Leute, die mit ihnen langsam alt wurden. Adam Yauch fuhr zum Snowboarden nach Nepal und kam als Buddhist zurück, die Beastie Boys schienen spirituell zu werden und setzten sich für den Dalai Lama ein, lange bevor noch der letzte rückenkranke Angestellte sich zum Yoga schleppte. Dann erkrankte Adam Yauch, Krebs hieß es, und die Jugend war endgültig vorbei.

Jetzt sind sie wieder da, und die Euphorie, mit der sie begrüßt werden, hängt auch mit der Hoffnung zusammen, dass doch alles anders war. Dass der Krieg ein Irrtum war, dass der Krebs besiegt ist, dass sich das Alter umdrehen lässt. Die Bierdosen sind wieder da, in dem 30-Minuten-Film, den sie mit Stars wie Elijah Wood, Susan Sarandon, Ted Danson und Steve Buscemi gedreht haben - aber eben auch die Bierbäuche. Das Video ist eine Feier der Selbstironie, die Musik folgt der Devise: Wenn die Zeiten sich ändern, bleib einfach stehen, die Gegenwart kommt schon wieder vorbei.

Und so klingt das dann heute: Grüner, satter, fremder und vertrauter, als ich es in Erinnerung hatte.

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1. ...
Eva B 29.04.2011
Zitat von sysopDas waren noch Zeiten, damals, vor 25 Jahren,*als Amerika noch strahlte und die Beastie Boys dazu aufriefen, für das Recht auf Party zu kämpfen. Amerikas Jahrhundert ist vorbei, aber das Trio aus Brooklyn zeigt mit*einem selbstironischen Film und neuem Album, wie man trotzdem entspannt bleibt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759582,00.html
Wie immer lese ich die Kolumne von Herrn Diez schon deshalb gern, weil er die Worte so schön aneinanderreiht. Beastie Boys waren damals großes Kino und sie haben es geschafft, nicht peinlich zu werden. Also danke für den Tipp und die Kolumne.
2. Daumen hoch
Schnarchhahn 29.04.2011
"We're on the same team here - the 'no pies and no sledgehammer' team". Köstlich. Das Youtube-Video ist einfach der Hammer. Danke dafür!
3. Prophezeiungen
Photogregor 29.04.2011
Zitat von sysopDas waren noch Zeiten, damals, vor 25 Jahren,*als Amerika noch strahlte und die Beastie Boys dazu aufriefen, für das Recht auf Party zu kämpfen. Amerikas Jahrhundert ist vorbei, aber das Trio aus Brooklyn zeigt mit*einem selbstironischen Film und neuem Album, wie man trotzdem entspannt bleibt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759582,00.html
Diese von sich selbst überzeugten Prophetien liest man ja immer mal wieder, nur widerspricht man sich dabei meistens nicht so fröhlich. Denn wenn das "Jahrhundert" der USA vorbei sein soll - warum geben sie dann immer noch den Ton in der Kultur vor? Und diesen Ton werden sie mutmaßlich noch lange vorgeben, in der Kultur genauso wie in Wissenschaft, Wirtschaft und Technik. Und das liegt daran, dass die USA immer noch das gelobte Land für alle leistungs- und aufstiegshungrigen Menschen sind, niemand geht nach Russland, Indien, China oder Deutschland. Oder glauben Sie, dass uns beispielsweise China mal im gleichen Maße dominieren wird wir die USA? Vielleicht glauben Sie das ja, aber wollen werden Sie das vermutlich nicht.
4. Danke
Kuschelhummer 29.04.2011
Vielen Dank für den Beitrag und den Link zum Video. Älter werden ohne alt zu werden. Das meistern die Jungs gar trefflich.
5. cool
Rupert Neve 29.04.2011
danke für den artikel und die links. grandios!
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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