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S.P.O.N. - Der Kritiker: Wir machen's uns gemütlich im Gestern

Eine Kolumne von

Ob Mode, Design oder Musik - die Stile vergangener Jahrzehnte sind so präsent wie nie zuvor, die Retro-Welle überflutet die Gegenwart. Doch was bedeutet das? Sind damit auch Politik und Gesellschaft gefangen im Gestern? Ein paar Antworten.

Retro kills.

Retro sind Stühle von Eames und Lampen von Jacobsen.

Retro sind Ziegelwände in Coffeeshops.

Retro ist Musik, die nach Milchshake klingt.

Retro ist ein iPhone-Foto, das nach Bikini und Martini aussieht.

Retro ist Mini.

Retro ist Ray-Ban.

Retro regiert.

Retro ist Ratlosigkeit.

Retro ist Mutlosigkeit.

Retro ist die Art, wie wir uns einrichten.

In unseren Wohnungen.

In unserem Leben.

In dieser Gesellschaft.

Retro ist die Flucht in die Vergangenheit.

Retro ist die Abwesenheit von Zukunft.

Retro ist die Abwesenheit von Gegenwart.

Retro ist die Abwesenheit von Politik.

Retro ist Denken ohne Alternative.

Retro ist Denken ohne Perspektive.

Retro ist das Gegenteil von Handeln.

Retro kennt keine Konzepte.

Retro hat keine Prinzipien.

Retro ist Dasein.

Retro ist nicht Sosein.

Retro ist Warten.

Retro ist schön.

Aber die Zukunft ist vielleicht nicht schön.

Die Zukunft ist vielleicht hässlich.

Und eckig.

Retro will davon nichts wissen.

Retro will überhaupt nichts.

Retro will Retro.

Retro ist die Verweigerung von Außen.

Retro ist die Verweigerung von Veränderung.

Retro ist die Verweigerung von Realität.

Retro ist die Verweigerung von Zeit.

Retro beschwört den Tod, weil alles, was Retro will, zu einer verlorenen Welt gehört.

Keine Bikinis.

Keine Martinis.

Keine Unschuld.

Retro ist Transzendenz, die aus der Immanenz kommt.

Retro ist ganz bei sich.

Retro ist in sich gefangen.

Retro ist Vergangenheit ohne Geschichte.

Retro ist Jetzt ohne Jetzt.

Retro ist eine Art, der Zukunft entgegenzuschlittern.

Retro ist eine Entschuldigung dafür, sich nicht festzulegen.

Retro ist ein ständiges Spiel.

Retro ist Narzissmus.

Retro ist das Leihhaus der Lebensentwürfe.

Retro ist Hochzeit in Weiß.

Retro ist Taufe ohne Glauben.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 55 Beiträge
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    Seite 1    
1.
dr. phibes 09.03.2012
Retro ist wenn es funktioniert
2. .
si-ar 09.03.2012
Retro ist, wenn man erkannt hat, dass man den falschen Weg genommen hat. Nur Dumme rennen unbeirrt weiter in die falsche Richtung.
3. Retro ist
pklauss 09.03.2012
das Zurückfordern von verlorenem Enthusiasmus.
4.
oback-barama 09.03.2012
Retro ist einfach,- wenn alles schon ausgeschöpft , alles schon mal dagewesen als man die Grenzen erreicht hat und es gibt einfach keinen kreativen Weg nach vorne...und da muss man anch dem alten zurückgreifen. Machen wir uns nichts vor..Die grosse Zeit der Pop/Rock-Musik ist vorbei. Die heutige Musik kann im Schnitt gesehen, mit der Musik der vergangenen Jahrzehtnen , einfach nicht mithalten. Das meiste davon was heute erscheint, ist die Aufwärmung und Neuverpackung der alten Hits..., der alten Trends... Etwas Ähnliches ist auch beim Film zu beobachten; ein Remake nach dem anderen und dann noch das Remake des Remakes und das Remake des Remake-Remakes..und dann noch das 3D-Remake des Remakes des Remake-Remakes...Und in Paar Jahren gibt es dann noch das 4D-digital-Cyber-Laser-weiss-derGeier-was-Remake des 3D-Remakes des Remakes des Remake-Remakes.
5. Retro-Welt
modernworld 09.03.2012
Zitat von sysopOb Mode, Design oder Musik - die Stile vergangener Jahrzehnte sind so präsent wie nie zuvor, die Retro-Welle überflutet die Gegenwart. Doch was bedeutet das? Sind damit auch Politik und Gesellschaft gefangen im Gestern? Ein paar Antworten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,820268,00.html
Ich liebe die Beiträge von Georg Diez. Die sind so herrlich depressiv. Grauer und hoffnungsloser kann man unsere Welt nicht beschreiben. Wundervoll. Was verlangt ihr denn von den Kreativen? Alle 2 Jahre eine neue Tendenz, eine neue Stilrichtung, eine neue Pop-Kultur und ein neues Lebensgefühl? Und alles, was vorher war, gehört dann in die Mülltonne? Schwachsinn. Retro ist gar kein Retro. Retro ist die Weiterführung einer guten Idee.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981.
Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
Am 24. und 25. März veranstaltet er gemeinsam mit Christopher Roth in den Berliner Kunst-Werken den Kongress "2081 - What Happened".

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