S.P.O.N. - Der Kritiker Wir Technokraten mit Goethe unterm Arm

Die EU wird deutsch. Was das allerdings bedeutet, ist nicht so ganz klar - am wenigsten den Bundesbürgern selbst. Vielleicht geben zwei dicke Bücher Antwort. Thea Dorn verirrt sich auf der Suche nach der "Seele", der Brite Peter Watson untersucht den "Genius" des Landes.


In der vergangenen Woche hat Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Ups. Habe ich da was ausgeplaudert? Natürlich nicht mit Waffen und auch nicht die Deutschen von damals. Gewonnen haben wir guten neuen Deutschen mit Milliarden.

Die alte EU gibt es nicht mehr. Die, von der sie uns in der Schule und in den Leitartikeln erzählt haben. Die, die Cappuccino für alle versprach und freie Sicht aufs Mittelmeer für deutsche Rentner. Die, die Deutschland einbinden sollte oder bändigen oder was weiß ich, deswegen jedenfalls hielten Helmut Kohl und François Mitterrand ab und zu Händchen und alle anderen schauten zu.

Was es jetzt gibt, ist der gute Deutsche. Das sagen jedenfalls die Schweizer, mit denen ich gesprochen habe. Sie wollen wissen, wie er sich fühlt, was er denkt, was er will, der gute Deutsche, der den anderen ihr Staatsversagen bezahlt, den Griechen, den Portugiesen, vielleicht bald auch den Italienern. "Und dann Frankreich", titelte "Le Monde". Wer kann da noch von einem Tandem Merkel-Sarkozy sprechen?

Deutschland ist dort angekommen, wo es nie sein sollte - und die Deutschen haben es noch gar nicht gemerkt. Es ist ein wenig wie mit dem Krieg in Afghanistan: Solange man das Wort Krieg nicht verwenden durfte, konnte man den Krieg auch nicht denken. Jetzt reden alle über Zahlen und Rettungsschirme etc., nur um nicht über das zu reden, was passiert ist: Europa ist von Deutschland abhängig, von Deutschland allein.

Finanzminister Wolfgang Schäuble gibt gleich in der englischsprachigen "Financial Times" ein Interview, wenn er seinen Plan präsentiert für eine zentrale Steuerpolitik, natürlich nach deutschem Maßstab.

Überhaupt wird langsam klar, was das bedeutet. "Aber dann müssten ja die Italiener aufhören, Italiener zu sein", sagte die Frau von der BBC zu ihrer Kollegin vor dem Quirinalspalast, in dem gerade Berlusconi seine Nase nochmal nachpuderte, es ging um eines dieser Austeritätspakete, was irgendwie nach Spa und Züchtigung gleichzeitig klingt. "Ja", sagte die Frau in Rom und war selbst überrascht von ihrer Antwort.

Die Griechen müssen aufhören, Griechen zu sein

Die EU wird also deutsch. Oder wenigstens deutscher. Auch die Griechen müssen aufhören, Griechen zu sein, sonst wird das nichts. "Wirtschaftsregierung", so heißt das, was Merkel will, es klingt ein wenig danach, was früher IWF und Weltbank mit Ländern wie Sierra Leone oder Mali machten und heute die EU eben mit Griechenland.

Sogar die "Financial Times" warnt schon vor einem Europa der Technokraten, die "Post-Demokratie" ist keine Erfindung von Jürgen Habermas. "Je dramatischer die Schuldenkrise Europas wird, desto mehr klammern sich die europäischen Politiker an Lösungen, die die Demokratie durch eine technokratische Regierung ersetzen", schreibt Tony Barber etwa. Da gibt es also einen "Haushalts-Zar", in diesem Fall Olli Rehn, da gibt es die demokratisch nicht legitimierten "Experten": Loukas Papademos ist so einer, der Griechenland retten sollte, Mario Monti ist so einer, er soll Italien retten. Er werde "in Stellung gebracht", schreibt die "Financial Times" - das ist es wohl, auf was es hinausläuft, wenn Angela Merkel von der "marktkonformen Demokratie" spricht. Ein "verzweifeltes Würfelspiel", nennt Barber das.

Angela Merkel also allein zu Hause, und eine deutsche EU, von der man nur weiß, dass Italiener nicht mehr Italiener sein sollen. Was das aber genau heißt, das ist nicht so ganz klar - am allerwenigsten den Deutschen selbst, die immer noch keinen Begriff davon haben, wer sie sind oder was ihre Seele ist oder ob sie eine haben oder haben wollen - und deshalb gibt es jetzt, als Sinnstiftung in der Krise, ein dickes Buch, auf dem in Goldschrift genau das steht: "Die deutsche Seele", damit wir hier innen mal verstehen, was zwischen Abendbrot, Abgrund und Arbeitswut einerseits und Winnetou, Wurst und Zerrissenheit andererseits so deutsch an uns ist.

Ohne Gänsehaut

Fast 600 Seiten ist es dick, es ist die Verwandlung von Nachdenken in Coffeetable. Schon die Anmutung ist so angestrengt, so schwer, so pflichtschuldig. Klischees werden mal schlecht gelaunt, mal bildungsbeflissen abgehandelt, die Autoren Thea Dorn und Richard Wagner waten knietief in der Romantik, die Gegenwart streifen sie nur gelegentlich, die deutsche Seele muss irgendwann im 19. Jahrhundert im Wald verloren gegangen sein. Heute aber, schreiben Dorn und Wagner, spüren sie ein "wachsendes Deutschlandsehnen", zwischen Hartz-IV-Bierleichen und 68er-Spießern. Deutschland, sagen sie, hat sich "heruntergewirtschaftet".

Von außen betrachtet, schaut das ganz anders aus. "Der deutsche Genius" heißt das fast 1000-seitige und viel leichtere und ziemlich phantastische Buch des Briten Peter Watson, in dem er seine Verehrung der deutschen Kultur zeigt, ohne immer gleich eine Gänsehaut zu bekommen - er beschreibt klug und cool, wie die Gegenwart sich nach deutschem Bilde formte. Bumm. Revolution, Entzauberung, das All, die Seele, die nackte Gegenwart: Die Welt, in der wir leben, ist, ganz kurz gefasst, eine deutsche.

Sind das also die Bücher, die wir brauchen, um unseren EU-Triumph kulturell abzufedern? Innen unheimliche Seele, außen umfassendes Genie? Es hilft natürlich, wenn wir nicht mehr die Furchtdeutschen sind, die Dummdeutschen, die Tumbdeutschen. Andererseits, wer sind wir schon? Wir sind die Technokraten mit Goethe unterm Arm.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 11.11.2011
1. Technokraten....
...mit Goethe unterm Arm." Ich glaube es gibt nun wahrlich schlimmeres !
unterländer 11.11.2011
2. !
Zitat von sysopDie EU wird deutsch. Was das allerdings bedeutet, ist nicht so ganz klar - am wenigsten den Bundesbürgern selbst. Vielleicht geben zwei dicke Bücher Antwort. Thea Dorn verirrt sich auf der Suche nach der "Seele", der Brite Peter Watson untersucht den "Genius" des Landes. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,797175,00.html
Woher eigentlich rührt der Wahn von einerseits manchen Deutschen und andererseits noch viel mehr Nichtdeutschen den Völkern in diesem Land eine einheitliche Seele oder Verfasstheit zuzuschreiben? Schwaben bzw. Alemannen z.B. haben mit Schweizern wahrscheinlich mehr gemein als mit Friesen.
Spiegelkritikus 11.11.2011
3. Technokratie
Zitat von sysopDie EU wird deutsch. Was das allerdings bedeutet, ist nicht so ganz klar - am wenigsten den Bundesbürgern selbst. Vielleicht geben zwei dicke Bücher Antwort. Thea Dorn verirrt sich auf der Suche nach der "Seele", der Brite Peter Watson untersucht den "Genius" des Landes. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,797175,00.html
Nicht unbedingt die ganze EU, aber doch Euroland wird nun etwas deutscher, klar: Wer zahlt, gibt den Ton an, das ist ganz normal. Die korrupten Pleitestaaten Griechenland und Italien werden sich etwas zieren, dann aber spuren, man braucht die Milliarden. Das ist in etwa so wie bei einer Auseinandersetzung zwischen Arbeitgeber und -nehmer, wenn letzterer noch in der Probezeit ist. Alle wollen ein geeintes gemeinsames Europa, ausgenommen nur die Bürger. Aber die hatten in EU-Fragen zurecht noch nie etws zu melden, blicken nicht durch und stellen insofern kein Problem für Europa dar. Aus der erfolgreichen Währungsunion muss jetzt, wie Schröder richtig sagt, die Wirtschafts-, Sozial- und Fiskalunion folgen. Auch Merkel sieht die Zukunft in einer harmonischen solidarischen Union, wo die Starken die Schwachen stützen und tragen. Alle Parteien ausser den Linken setzen sich für dieses grandiose Ziel ein. Die deutschen Politiker haben ein gutes Herz und eine vornehme Seele - die linken natürlich ausgenommen. Im Ausland wird das gespürt, nicht nur in der Schweiz! Um die Transferunion kommen wir nicht herum, wenn wir das grosse wirtschaftliche Projekt Europa nicht gefährden wollen, das zudem Wohlstand und Frieden für alle garantieren soll. Deutschland hat vom Euro unglaublich profitiert, die Exporte sind exorbitant und den Unternehmen geht es seit Jahren prächtig! Was will man mehr? Für die Ökonomie ist ein straffer europäischer Zentralstaat am besten - wie sollen wir mit China mithalten können, wenn wir nicht ähnliche politische uns soziale Strukturen schaffen? Das ist schlicht Pragmatismus, alternativlos! Technokratie ist nicht nur in Deutschland das Gebot der Stunde, sondern in der gesamten Euro-Zone. Merkel bringt es auf den Punkt, wenn sie von marktkonformer Demokratie spricht. Die maroden Verwaltungen in den Pleite-Staaten müssen durch solche ersetzt werden, die sich am Vorbild deutscher Effizienz, Sparsamkeit und Gründlichkeit orientieren. Korruption und Vetternwirtschaft müssen konsequent beseitigt werden. Die straffe effiziente Verwaltung muss von Brüssel bis in die letzten Winkel der Euro-Zone ausstrahlen, nur so lässt sich der chaotische Club Med auf Vordermann bringen! Die betreffenden Nationen werden uns dankbar sein und endlich unseren wahren Charakter erkennen. Und wenn die Linken, die ewig Gestrigen, von mehr Demokratie oder gar Volksentscheiden faseln, so sei ihnen gesagt, das die Ökonomie ihre eigenen Gesetze hat, die es bestmöglich zu beachten und zu fördern gilt, Technokratie ist eine gute und notwendige Sache. Mit weltfremdem nostalgischem Schnickschnack kann und darf sich die grosse Wirtschaftsnation Deutschland nicht aufhalten!
Mathesar 11.11.2011
4. ...
Zitat von sysopDie EU wird deutsch. Was das allerdings bedeutet, ist nicht so ganz klar - am wenigsten den Bundesbürgern selbst. Vielleicht geben zwei dicke Bücher Antwort. Thea Dorn verirrt sich auf der Suche nach der "Seele", der Brite Peter Watson untersucht den "Genius" des Landes. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,797175,00.html
Ja, sorry...um was ging es denn in den letzten Jahren in der EU und im Euro-Raum: Alle sollten gleich sein! Gleiches Stimmrecht, gleiches Rating, gleiche Zinsen, gleiche EU-Gesetze... Jetzt merkt man, das gleicher Wohlstand aber ungleiches Verhalten iregndwie nicht zusammenpasst...was für eine Erkentniss. Will man den Wohlstand erhalten, so ist es logisch zu schauen, wo es unter diesen Bedingungen funktioniert...und hier ist dummerweise Deutschland im Rampenlicht. Wenn man das nicht will, wenn man Ungleichheit will, im Wohlstand, im arbeiten, im Konsumieren...dann muß man auch ungleiche Grundlagen haben. Dort höhere, hier niedrigere Zinzen, doer höheren hier niedrigeren Konsom...und auch dort harte Währung hier weiche... Das jetzt Deutschland vorgeführt werden soll...weil es bei uns funktioniert und das mit einem Unterton des Abscheus...wie können die nur...gehört dazu, wenn Ideologie durch Realität eingeholt wird...
brux 11.11.2011
5. Die Kirche im Dorf lassen
Der Artikel uebertreibt masslos. Wer sich an die vereinbarten EU-Regeln haelt, muss gar nichts aendern. Wer aber wie die Griechen glaubt, die Regeln ungestraft ignoriern zu koennen, zahlt nun endlich einen Preis. Ausfuehrendes Straforgan ist aber immer noch, trotz ihrer latenten Fuehrungsschwaeche, die Europaeische Kommission. Deutschland kann gar nichts alleine entscheiden, auch nicht mit Frankreich. So ist die klare Rechtslage. Jahrelang haben die deutschen Journalisten sich mit der EU gar nicht beschaeftigt. Nun tun sie es, aber immer noch in voelliger Unkenntnis der Sachlage. Diese guten Deutschen haben leider immer noch die alte Untugenden der Selbstgerechtigkeit und der geistigen Provinzialitaet.
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