S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Winter des Casting-Terrors

Was passiert, wenn der Winter tatsächlich nicht vorbeigehen will? Wärmen wir uns dann etwa an Castingshows und aseptischen Talkshow-Moderatoren? Eine Horrorvision kurz vor Frühlingsanfang.

Stellen Sie sich vor, es bliebe immer Winter. Oder wie das heißt, was dort draußen gerade stattfindet. Also immer ein schneidender Wind, in der Nacht Minusgrade und am Tag Spitzenwerte von 6 Grad. Die Sonne würde man irgendwann vergessen, nach sechs Monaten wäre sie so aus unserer Erinnerung verschwunden wie der Geruch von Kuchen, den herzensgute Großmütter in unserer Kindheit gebacken haben.

Um die Menschen bei Stimmung zu halten, würden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Beiträge über die Schädlichkeit von Sonnenstrahlen gesendet. Furchtbar war das, als die Menschen unter Sonnenbränden litten, Schweiß die Laken zerknüllte und Menschen sich Botox unter die Achseln spritzen mussten, würden gepflegte aseptische Moderatoren berichten, die alle aussähen wie Markus Lanz. Ohne Körpergeruch, ohne Fleischverfall.

Die gute Laune, diese haltlose gute Laune, die durch Vögel und Gewächse, durch Wärme und Bodengerüche beim Menschen erzeugt worden war, würde verschwinden. Es gäbe Apps stattdessen. Gute Laune würde zunehmend nur noch durch den Konsum erzeugt, in hellerleuchteten Shoppingeinrichtungen mit Bällebädern. Da wäre dann ein Springen mutloser, verzagter, bleicher Leute. Nach zwei Jahren wäre Wärme als ein Gefühl im Körper und auf der Haut völlig vergessen. So wie man sich nicht an den Zustand bei Erkältungen erinnern kann, wenn man gesund ist, würde der Mensch vergessen, wie es sich anfühlte, an einem Strand zu liegen.

Castingshows ohne Ende

Wozu am Strand liegen, wenn man mit großartigen Kopfhörern der eigenen Musik folgend an Schaufenstern vorüberstreichen kann? Nach zwei Jahren also, der Zeit, die normalerweise eine Verliebtheit anhält, hätten sich unserer Zellen erneuert, und die Hoffnung wäre verschwunden. Statt dessen käme die Sehnsucht, ein Superstar zu werden. Jeden Monat gäbe es eine neue Castingshow. Gladiatorenkämpfe, die besten Selbstmorde, der widerwärtigste Chef, der untreueste Ehepartner, die besten Adoptionen, die traurigsten Familienmorde, alles Themen, durchaus denkbar, unbedingt erheiternd in der dauernden Dunkelheit, dem milchigen Niederschlag, den eisigen Schauern.

Auch die leichte Kleidung verschwände in Altkleidercontainern und würde von fleißigen Facharbeitern zu Pfeifenreinigern verarbeitet. Isländern gleich würden die Menschen sich nur noch in Fellen bewegen, der Tierschutz wäre vergessen, Peta würde sich dem Schutz von erfrierenden Waldtieren zuwenden.

Fernreisen in warme Gegenden entfielen, weil die warmen Gegenden mit einer Durchschnittstemperatur von 40 Grad plus auch zu keinem Spaziergang mehr einlüden. Kaminhersteller rieben sich die Hände. Oh, so ein Feuer, das konnten die vor uns gar nicht genießen, so ein unglaublich romantisches Feuer würden die Einwohner der europäischen Städte murmeln.

Saunalandschaften, Center-Parks und Rotlicht. Das könnte unsere Zukunft sein. Aber das ist natürlich eine völlig bescheuerte Idee. Sicher wird schon nächste Woche die Sonne scheinen, und der Frühling wird sich akkurat einstellen. Sicher!

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Eiszeit
frankanord 06.04.2013
Neinnein, nicht sicher! Bei der Entwicklung von Windows 9 ist etwas schiefgelaufen und die Eiszeit hat tatsächlich begonnen. Das musste natürlich -man bedenke die Aktienmärkte- geheimgehalten werden. Jetzt, da so manche Verdacht schöpfen, muss Nordkorea hinhalten! So einem Atomschlag folgt ja bekanntlich jahrelanger Winter. Ein diabolischer Plan. Könnte aber funktionieren. Dieser Kommentar wird natürlich niemals veröffentlicht werden. Logisch.
2. Ja, da sind die Foristen
discprojekt 06.04.2013
platt. Frau Berg hat die Maueler gestopft. ;)))
3. Frau Berg,
wieeinspatz 06.04.2013
Ich möchte Sie trösten, und das ist nicht ironisch gemeint. Ich lebe – was ein reiner Zufall ist – in einem solcher Länder, wo die durchschnittliche Temperatur 35 - beträgt. Außerdem ist mein Land ein Land mit hohen Bergen, unzähligen Hügeln, flaches Land sieht man kaum, Meer – blauklares Meer überall, durchsichtig wie das reinste Glas – und über 2.000 Inseln, eine Augensfreude, in diesem Land zu leben. Jetzt ist hier Frühling, alles ist grün, dieses grünspännige Grün der Oliverbäume, man sieht überall die wunderlichsten Blumen wachsen in allen Herren Farben, die Sonne strahlt, nachts ist es so rührend, auf dem Balkon zu sitzen, einen Trink zu haben und die unzähligen Sterne zu beobachten, man glaubt nichts anders wollen zu haben, um glücklich zu sein. Auch – für die Tapfersten von uns – in das Meer kann man anfingen, zu schwimmen. Es ist noch ziemlich kalt, aber nach zwei Minuten fühlt man sich warm. Doch, doch, Frau Berg, glücklich bin ich nicht. Ich weiß, dass in einem Paradies lebe, paradiesisch ist mein Leben aber nicht. Ich habe Existenzangst, die Firma, bei der ich arbeite, wird schließen, meine zwei Töchter sind arbeitslos und die Zukunft scheint mir mehr als düster. Wenn ich mit meinen Freunden treffe, höre ich immer dasselbe.Wie werden wir leben? Werden wir überhaupt diese Situation überleben? Was mit den Jungen? Was sollen sie tun? Jeder Morgen – ich wache sehr früh auf – habe ich Herzklopfen, später werde ich ruhiger. Manchmal möchte ich einfach aussteigen, aber das Wie weiß ich nicht, ich fühle mich von unsichtbaren Feinden eingekreist, die mir verfolgen werden, wohin ich auch gehe … Welche von uns beiden ist glücklicher?
4. Haltet durch !
privat78 06.04.2013
Wenn dieses Szenario wahr würde, dann müsste ich mir wohl einen Strick anschaffen, oder einen Fahrplan der Bundesbahn beschaffen. Aber irgendwann geht dem Winter die Puste aus. Ich habe Gott sei Dank ergiebige Hobbys, die auch für einen langen Winter ausreichen. Arte und 3 Sat bringen zum Teil sehr anspruchsvolle Filme, die man auch aufzeichnen und sammeln kann. Es lohnt sich also weiterzumachen.
5. mea culpa, mea culpa...
GGArtikel5 06.04.2013
Bei der Beobachtung eines Gartenrotschwänzchens heute auf meiner Fensterbank habe ich mir ein ähnliches Szenario vorgestellt, allerdings mit anderem Ergebnis. Die Aktien der Dämmstoffindustrie würden durch die Decke gehen, von den Energielieferanten ganz zu schweigen. Eiscafés wären da schon schlechter dran. Freibäder würden zu Schlittschuharenen und Schneeschaufeln der neue Freizeittrend. Was immer man sich ausdenken mag, in jedem Fall würde man uns in den Medien einreden, dass die ganze Miesere allein unsere Schuld ist und wir Deutschen sowieso im Alleingang die Welt mal wieder retten müssen. Mein Gartenrotschwänzchen ist just bei diesem Gedanken weggeflogen - Kluges Tierchen.
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