S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Damals, in meinem Leben vor dem Tod

Was passiert mit uns, wenn wir uns alte Fotos von uns selbst anschauen? Was macht uns in so einem Moment traurig? Begreifen wir unsere eigene Vergänglichkeit? Oder wird uns plötzlich klar, dass wir schon längst gestorben sind?

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Wie könnte uns das nahende Ende traurig machen, da wir doch jeden Tag an unseren Tod denken und uns genauso verhalten, immer bewusst, dass wir nur eine lächerliche Zeit auf der Welt sind, und uns angehäufte Besitztümer nichts nützen werden?

Es geht nicht um die eigene Vergänglichkeit beim Betrachten vergilbter Bilder, die in Kästen lagern, die man aus irgendeiner Ecke zerrt, an verregneten Sonntagen, wenn man sich zu Tode langweilt, weil im Fernsehen Schuldnerberater reden, oder Köche oder merkwürdige Stars gezeigt werden, die mit farbigen Menschen tanzen. Dieser unselige Hang des Weißen zum Tanz in Afrika, da bricht das Temperament mit ihm durch, erfüllt von der eigenen Güte, der irren Lebenslust, vielleicht sollte man ein afrikanisches Kind adoptieren, man könnte Fotos davon machen, und sie dem Kind immer wieder vorhalten, damit es weiß, wie dankbar es zu sein hat.

Also nichts los auf der Welt an diesem Sonntag, zum Lesen fehlt das Buch und dann zerrt man den Kasten unter dem Bett hervor, neben den toten Hamstern steht das Ding. Wir sehen Fotos an, die Finger werden trocken, es riecht nach Staub, wir erkennen uns nicht. Alte Mode ist nur für Idioten lustig, alte Haarschnitte auch, wir fühlen nichts, wir erkennen uns nicht, unsere Eltern nicht, die Situation ruft nichts hervor, kein Gefühl. Gelangweilt blicken wir das an, was wir sein sollen.

Doch dann kommt dieses eine Bild, der eine Blick, direkt in die Kamera, in dem wir uns erkennen. Und auf einmal starrt man mit Tränen in den Augen das Bild an, erinnert sich an die eigene Niedlichkeit. Das waren wir. Damals, als wir noch nicht in der Erfüllung von Erwartungen funktionierten, als wir noch eigene Sätze sprachen, und nicht angelernte Erwachsenengedanken verwendeten. Als wir noch nicht anzogen, was man halt so trägt, wenn man nicht auffallen will. Das waren wir, als wir noch glaubten, dass wir allein alles anders machen würden, und nie so ein furchtbares Leben führen würden wie die Menschen um uns.

Der Glaube an die eigene Größe verliert sich, irgendwann, wenn wir zu müde sind, von all dem Hass, in dem wir schwimmen, jeden Tag, und wir nicht mehr nachdenken, wir automatisch aufstehen, Kaffee, loshetzen, in ein Gebäude gehen, Pflicht erfüllen, müde sein, zu Bett gehen, keine Hoffnung mehr haben, irgendwann dann diese Endlichkeit, die uns klar wird. Die Beschränkung, die uns klar wird. Das Versagen, das uns klar wird. Wir sind nicht die Ausnahme geworden, wir haben die Welt nicht verändert und nichts wird bleiben von uns.

Das macht doch verdammt noch mal traurig, und die verdammten Fotos sind bald nur noch in Computern gespeichert, ich habe wenigstens noch eine Kiste unter dem Bett, also habe ich eine Vergangenheit, mir geht es gut, bis auf diese Tage, wenn eine graue Wand in der Wohnung steht und man alte Bilder von sich ansieht, und sich daran erinnert, dass man sich irgendwann unendlich gefühlt hat.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Scheidungskind 16.04.2011
1. ...
Ohne unsere Kinder bleibt halt für manche nicht viel Greifbares. Der Tod gehört zum Leben. Er war vorher, er wird nachher sein und wer kann sich schon an sein Leben vor dem 3. Lebensjahr erinnern? Ist der Knirps von damals deswegen ausgelöscht - Staub? Also bitte keine Neurosen deswegen.
esopherah 16.04.2011
2. ups
Was passiert mit uns, wenn wir uns alte Fotos von uns selbst anschauen? Was macht uns in so einem Moment traurig... Also wenn ich mir alte fotos anschaue, dann bin ich vor allem glücklich, lächele die fotos an oder fange sogar an lauthals zu lachen über das dokumentierte.... Sie tun mir leid, wenn das bei ihnen nicht der fall ist. Vergessen sie die gedanken an den tot und leben sie.
Lady Wanda, 16.04.2011
3. panta rhei....
...alles fließt... und nichts ist beständiger als der Wandel. Das ist mir irgendwann während meiner Studentenzeit deutlich geworden, als ich im historischen Museum am Hohen Ufer in Hannover im Archiv gejobbt habe. Ich katalogisierte damals historische Fotografien aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Eines Tages fand ich ein Bild mit spielenden Kindern auf einer großen Wiese - im Hintergrund die Stadtsilhouette. Und erst als mir mein Chef sagte, was die große Wiese HEUTE ist, fiel bei mir der Groschen: es handelte sich um den Maschsee. Was das mit dem Thema zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel - auf den zweiten Blick eine ganze Menge. Eben weil alles fließt und man nicht zweimal in den selben Fluss steigt. Und Tod ist nichts anderes als der Wechsel des Transportmittels. Wir steigen aus einem Auto aus weil es altersschwach geworden ist und suchen uns ein neues... "ICH" ist letzten Endes eine Illusion - was ist im Innern einer Zwiebel? *lächel*. Schade dass das nicht Allgemeingut ist - viele Querelen würden bedeutungslos...
Idahoe 16.04.2011
4. Konsequenzen
Was geschieht mit uns Menschen, wenn uns in jungen Jahren eingetrichtert wird, daß das Wichtigste sei: *Wettbewerbsfähigkeit* Lassen wir uns darauf ein, dann leben wir ein fremdbestimmtes Leben: ---Zitat--- Die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, und die Zeit dazwischen verbringen sie mit dem Tragen der Digitaluhren. Douglas Adams ---Zitatende--- Je mehr wir uns davon antreiben lassen, desto weniger bleibt von der "eigenen" Persönlichkeit übrig. Das ist der Grund, weshalb sich Menschen an das eigene Ich zurücksehnen. Es gibt auch eine Lösung: ---Zitat--- Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein. Christian Morgenstern ---Zitatende--- Doch, wer will schon die Wahrheit wissen, liebe Sibylle ?
jujo 16.04.2011
5. positives Denken
Es wusste schon der alte Luther: "Aus einem verzagtem Arsch entweicht kein fröhlicher Furz!" Oder anders gesagt: Ich bin 66 Jahre alt, gerade Großvater geworden.Für mich ist das Glas immer noch halb voll!
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