Ab 40 sollte keiner mehr allein wohnen, denn dann wird man wunderlich. Ab 40 sollte man mit einem Mann, einer Frau, einem Kind, einer Oma, mit irgendwem wohnen, der einem klargemacht hat, dass man selber nichts Spezielles ist.
Ein Kind, eine Oma oder eine Freundin, die nicht gerade ein Haus gebaut oder ein Kind bekommen hätte, gab es für sie aber nicht. Also musste ein Mann her. Sie war ein verwöhntes Produkt der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft. Hatte alles gewollt und verloren. Dann hatte sie Bernd kennengelernt.
Der war so wie sein Name. Ein Mann im schlechtesten Alter, der nicht mehr an Wunder glaubte. Sie war nicht verliebt in ihn. Er nicht in sie. Sie nahm sich vor, mit Bernd eine BEZIEHUNG zu führen. Sie ignorierte alles, was sie an ihm nicht mochte. Dass er sie ein wenig langweilte und ihr seine Trikotagen nicht gefielen, dass er sie nicht erregte und nichts von dem mochte, was ihr bis dahin wichtig erschien. Sie kleidete Bernd neu ein, schenkte ihm ein neues Parfum, und weil sie nicht verliebt war, hielt er es auch aus mit ihr.
Je länger sie mit Bernd zusammen war, um so mehr glaubte sie, es herausgefunden zu haben, das Geheimnis der großen Liebe: Es war, nicht verliebt zu sein. Es war, jemanden langsam kennenzulernen, und es war: ES ZU WOLLEN.
Wenn sie Bernd abstoßend fand, hasste, wie er kaute und was er sagte und wie er lief und wie er roch, dann half es, ihn sich als Baby vorzustellen. Bernd war klein gewesen, eine Mutter hatte ihn geliebt und ernährt, Bernd hatte von etwas Großem geträumt, als er älter war, und wurde vom Leben enttäuscht wie alle. Da genügte es meist, dass sie ihn liebevoll am Kopf kraulte. Sie begann, sich einzurichten. Es ist so gut, dass ich über dieses alberne Thema nicht mehr nachdenken muss, sagte sie ungefragt zu Bekannten.
Und dann waren sie auf die Insel gefahren.
In den zwei Jahren mit Bernd hatte sie immer vermieden, mit ihm in Urlaub zu fahren. Wozu sollte ein Urlaub gut sein? Was sollte man wohin fahren, stundenlang fliegen, um sich auf Stränden fremder Leute herumzutreiben, sich von schlechtbezahlten Angestellten hassen zu lassen und in überteuerten Jeeps in zu großer Hitze tröpfelnde Wasserfälle zu besichtigen?
Sie flogen dann stundenlang, kamen auf einer Insel der Dritten Welt an. Ein paar Tage war es sehr nett. Sie machten Ausflüge, den Angestellten merkte man ihren Hass kaum an, das Gelände des Hotels war streng bewacht, mit Terroranschlägen nicht zu rechnen, sie besichtigten Wasserfälle, und wieder einmal fiel ihr auf, wie angenehm sie mit Bernd schweigen konnte. Sie zogen sich abends weiße Sachen an und aßen schweigend in teuren Restaurants mit Meerblick Zeug.
Einmal, nachts, gingen sie in den Whirlpool. Sie stand da, wie sie dachte, dass man in einem Film jetzt stehen würde, auf einer Insel am Whirlpool mit dem Geliebten. Sie stand wie eine Statue, bis sie dachte, sie würde sich nie mehr bewegen können. Sie wollte sich nie wieder bewegen. Noch nicht einmal Tränen hatte sie.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH