S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Es atmet, aber es ist kein Hund

Sie sind allein, erwachsen, reden von Auflösung, Begehren und nie endendem Rausch, wenn Sie über eine Beziehung nachdenken? Und dann fragen Sie mich, warum Sie so schrecklich einsam sind? Ich kann nur sagen: Sadomasochisten ermüden ungemein.

Heute kommen wir zu einem neuen Abschnitt meines beliebten, konservativen Liebesratgebers. Zu den leisen Freuden der späten Jahre, des Lebens goldenem Hochsommer sozusagen, gehört, dass die Bekannten weitgehend vernünftiger werden. Oder sich selber entsorgen durch vollends verblödete Lebensentwürfe. Die, die bleiben, fallen dadurch angenehm auf, dass sie nicht mehr ungefragt von ihren Partnerschaften erzählen, nicht mehr darüber nachdenken, warum sich wer nicht mehr meldet, sondern wissen, dass Interesse sich nicht durch Worte zeigt.

Irgendwann im Leben sollte man ein klein wenig Contenance entwickelt haben, denn dem Verfall des Leibes kann man nur mit Charme, Haltung und Intelligenz begegnen. Irgendwann sollte jeder normal Begabte begriffen haben, dass das, was wir uns meist unter der großen Liebe vorstellen, nichts weiter als eine biologische Laune der Natur ist, um die Art am Leben zu halten. Selbst wenn wir wüssten, wozu es gut sein sollte, die Rasse Mensch überdauern zu lassen, wären wir doch biologisch ab Ende 30 nicht mehr in passabler körperlicher Verfassung für solcherlei biologisch verzwickte Risiken.

Worum kann es uns dann also gehen? Um Schlaflosigkeit und Magenschmerzen? Um Projektionen? Wer sich unglücklich machen will, kann weiter von romantischer Liebe träumen und alleine bleiben. Die anderen jedoch, die sich darüber klar sind, dass sie gerne in Kleinrudeln leben, mit etwas Atmendem neben sich, das im besten Fall kein Hund sein sollte, haben sich meist in etwas eingefunden, das als Zweckgemeinschaft verspottet wird. Von wem? Vom gesunden Menschenverstand.

Ein bisschen Biologie für den Rest des Lebens

Das ist ja nur eine Zweckgemeinschaft, heißt es verächtlich, wenn Menschen aus logischen Überlegungen zu einem Paar werden. Oder ein Paar bleiben, auch wenn sie sich schon lange mehr als Geschwister fühlen denn als verruchte Sexualpartner. Erstaunlich, dass wir einen Zweck gerade da, wo er wirklich angebracht wäre, so vehement ablehnen. Lieber vertrauen die meisten Europäer flüchtigen Hormonen, als den Verstand zu bemühen und einen Partner zu wählen, der vielleicht wirklich zu ihnen passen könnte.

Obgleich die romantische Liebe in den wenigsten Fällen ein Erfolgsmodell ist, halten viele daran fest, und sind schon wieder mehrfach geschieden, während die Menschen in Zweckgemeinschaften sich aneinander erfreuen. Freunde werden meist erst nach einigen Jahren wirklich zu Freunden. Wenn man sich an sie gewöhnt hat, wenn man sich mit ihnen entspannt - doch mit einem Liebespartner soll es komplett anders laufen. Da soll ein wenig Biologie für den Rest des Lebens halten. Tut sie nicht, und enttäuscht vom anderen, beginnen sie sich zu hassen, die Paare, trennen sich, falls sie sich nicht vorher erschossen haben, und sitzen alleine in winterlichen Wohnungen.

Der Mensch in einer allgemein belächelten Zweckgemeinschaft trinkt zufrieden Tee und weiß, dass es neben einer Grundsympathie vor allem Intelligenz benötigt, um nicht alleine zu sein. Man kann lernen, einen Menschen zu lieben, wenn man sich an ihn gewöhnt hat und sich selber nicht für das Maß der Welt hält. Darum sei ein kleines Lied auf die Zweckgemeinschaft gesungen, die Menschen ausgeglichener und zufriedener macht. Nicht die große Leidenschaft, sondern die freundliche, wohlschmeckende Vertrautheit lässt einen die Welt ertragen.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. wow keine Experten hier?
nixda 11.10.2011
ich lebe seit über 15 Jahren in der gleichen Beziehung. Zählen wir mal Geschäfts- und Wellnessreisen weg waren wir in der Zeit ca. 30 Tage nicht zusammen. Jeden einzelnen anderen Tag haben wir zusammen verbracht. Oft sogar die gleichen Hobbies gehabt. Oh und sogar mal länger zusammen gearbeiet, wo wir uns auch tagsüber noch sahen. Tja was soll ich sagen, ich kanns kaum erwarten bis wir uns heute Abend wieder sehen.
2. Zweckgemeinschaft...
cooner 11.10.2011
...das ist Liebe. Alles andere ist Verliebtsein, Scharfsein, Ver-rückt-sein. Liebe "Frau Sibylle", Sie haben hoffentlich sehr vielen aus der Seele gesprochen. Mir zumindest (:-)
3. ...
keerborstel 11.10.2011
Es atmet ist aber kein Hund aber es ist warm, riecht meistens gut, fühlt sich gut an, kann gut kochen und räumen, bügeln und staubsaugen.
4. Frau Sybille sollte öfters gefragt werden..
Matyaz 11.10.2011
Wau- ertsaunlich tiefgründige Wahrheiten in einem so kurzen Artikel, Kompliment. Da wir alle aber von Zeit zu Zeit dem Terrorregime der Hormone nicht entkommen können, denke ich, eine ideale Zweckgemeinschaft sollte auch über den einen oder anderen Ausrutscher generös hinwegsehen und einen Kompromiss zwischen absolutem spiessbürgerlichem Treueanspruch und promisker Beliebigkeit finden.
5. mal ne Frage
keerborstel 11.10.2011
ich hätte da mal eine Frage, rein interressehalber, wie andere Leute das sehen: Was ist wichtiger, wenn man sich entscheiden müßte guter Sex oder gutes Essen?
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