S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Ist was mit meinen Augen, Mutter?

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Sonnefreuden in Köln: Der erste Tag mit der Idee von guten LebenZur Großansicht
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Sonnefreuden in Köln: Der erste Tag mit der Idee von guten Leben

Huch! Was ist das? Ein Atomunfall? Ein Augenleiden? Man muss den Moment genießen, wenn die Sonne nach langer Zeit das erste Mal wieder scheint. Die Menschen vergessen ihre Egos für ein paar Stunden: Banker träumen plötzlich von Geschlechtspartnern, Doktorinnen sehnen sich nach Liebe.

Eine verrückte Zeit ist das, wenn die Sonne wiederkommt. Die man eigentlich bereits vergessen hatte, Ende Februar, Anfang März. Nur eine erloschene Erinnerung, ohne Bezug zu einem Gefühl. Ohne Bezug zum Körper, der fror und nicht mehr wusste, wozu sich irgendwohin bewegen. Ach richtig, man hatte ja einen Vertrag zum Verkauf seiner Arbeitskraft unterschrieben.

Aus Widerwillen gegen das Aufstehen im Grau, das Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel, die einen durch unbewohnte Gegenden beförderten, wurde nun jeder krank, steckte jeder jeden an, und jeder nahm das Virus dankbar entgegen. Krankschreibung, Schule schwänzen, zu Hause liegen, frieren, ins Grau schauen.

Und sie ist unendlich, die Zeit, da der Körper nur frierendes Gehäuse für eine schlafende Seele, für ein mattes Hirn ist. Noch nicht einmal der Gedanke an Oimjakon, den Ort mit den niedrigsten Temperaturen aller bewohnten Gebiete der Erde, mag helfen. Es gibt keinen Olympia-Wettkampf des Elends.

Schleimiger Kübel der Eigenliebe

Und immer, wenn der arme Mensch denkt, es ginge so weiter, und er sei in einer Matrix gefangen, passiert etwas Verrücktes. Es hört eben doch auf. Alles Elend hört irgendwann auf. Oder wird durch größeres Elend ersetzt. Die Sonne, irgendwann kommt sie, und Menschen tapsen wie erstaunte kleine Maulwürfe an ihre Fenster und verstehen lange Zeit nicht: Was ist das, was ist das, so hell? Eine Atomhavarie? Ist was mit meinen Augen, Mutter?

Diesen Moment muss man erwischen, da muss man parat sein, auf der Lauer liegen, an jenem ersten Tag Sonne nach dem Grau. Jeder, absolut jeder lächelt den anderen an. Die Mäntel sind offen, die Strümpfe zu dünn, was für wunderbare grippale Infekte an jenem Tag eingefangen werden. Sie schauen nicht mehr in sich, die Menschen, sondern in die Welt.

Kichernd sitzen sie auf Bänken, teilen Gedanken. Oh, die Piratenpartei, sagen sie, wie schade, dass eine gute Idee am Egoismus und der Eitelkeit Einzelner zugrunde geht. Ich bin sehr traurig darüber, dass nun, da fast jeder Pirat ein Buch veröffentlicht hat, die Vision einer neuen Demokratie in einem schleimigen Kübel der Eigenliebe ertrunken ist. Gleichsam haben Sie recht, nickt der andere Mensch. Aber schauen Sie nur, die Sonne scheint, die Vögel sind zu erahnen, und da wollen wir doch nicht von Politik reden.

An diesem ersten Tag mit Sonnenschein, der das Prinzip Hoffnung - wir machen weiter, obwohl wir wissen, wie es ausgeht - bedient, ist keine Arbeitsleistung zu erwarten. Investmentbanker träumen von Geschlechtspartnern, Doktorinnen sehnen sich nach Wiese und Liebe.

Liebe wollen auf einmal alle. Die Einsamen sehnen sich nach Menschen, die mit Uzis und Säbeln über Wiesen springen. Die mit einem Partner träumen davon, wie es einmal war, bevor der Winter kam. Und Kinder wollen Haustiere. Der erste Tag mit Sonne. Der erste Tag mit der Idee von Leben, wie es sein könnte, wenn sich Menschen kurzfristig selber vergessen, wenn sie zu geblendet sind, um sich an ihren Evolutionsauftrag des egoistischen Überlebens zu erinnern und zutraulich werden wie kleine Ponys.

Verzeihen Sie meinen etwas emotional überbordenden Text, das nächste Mal wird die Sonne wieder verschwunden sein, und ich kann wieder aalgleich in meine Rolle als Gewissen der Welt schlüpfen. Doch für heute seien Sie alle freundlich umarmt, umarmen Sie die Welt. Es wird hell, es wird gut, bis nächstes Mal.

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insgesamt 46 Beiträge
daldner 16.03.2013
scheint an galoppierendem Springfever zu leiden. Jetzt fehlt nur der der "Banker" der sich chronisch mit ihr gemeinsam freut, damit sie vom Verfassen dieser Episteln dispensiert bleibt - jedenfalls für einen Frühling.
scheint an galoppierendem Springfever zu leiden. Jetzt fehlt nur der der "Banker" der sich chronisch mit ihr gemeinsam freut, damit sie vom Verfassen dieser Episteln dispensiert bleibt - jedenfalls für einen Frühling.
curlybracket 16.03.2013
..war doch nur dazu gemacht, damit die Leute sich hier aufregen. Ansonsten ein sehr netter Kolumnen-Artikel :-)
..war doch nur dazu gemacht, damit die Leute sich hier aufregen. Ansonsten ein sehr netter Kolumnen-Artikel :-)
pförtner 16.03.2013
jetzt hat das Augenleiden auch schon Spon erwischt!
jetzt hat das Augenleiden auch schon Spon erwischt!
Miesepeter. Wird langsam wieder Zeit für weiße Stretchtops... :D
Zitat von daldnerscheint an galoppierendem Springfever zu leiden
Miesepeter. Wird langsam wieder Zeit für weiße Stretchtops... :D
xilraf 16.03.2013
Habe herzlich gelacht!
Habe herzlich gelacht!
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  • Samstag, 16.03.2013 – 13:25 Uhr
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