Von Sibylle Berg
Was schleicht da durch den Wald, mit ungefärbtem Haar, mit meist reinem Gesicht, mit guter Creme eingestrichen, sauberer Creme, aus guten Zutaten, aus guten Eingeweiden gefertigte Creme - nach Mensch riechen sie gerne und natürlich muss es sein. Drollig, diese nachdrückliche Einforderung von Natürlichkeit, da doch die Natur völlig überbewertet ist, mit ihren ständigen Eruptionen.
Eine kleine Schlamperei bei der Herstellung des Gehirnes, eine Schraube zu wenig, ein Transmitter zu viel, und schon ist eine der Behinderungen entstanden, die das Leben zu einer mühsamen Angelegenheit machen, wenn man die Wohnung verlässt und auf andere Menschen trifft. Nämlich die, dass fast jeder, außer sein Verstand hat sich gütig in Alkohol oder Drogen aufgelöst, davon ausgeht, seine Sicht auf die Welt sei die Einzige und, damit nicht genug, auch noch die einzig Richtige. Verrückt, nicht wahr, bedenkt man die Anzahl der Menschen auf der Welt, und alle haben Recht. Immerzu. Das gibt ein ständiges Rauschen des Rechthabens im Universum.
Über die Grundbehinderung hinaus gibt es Menschen, nicht viele, eine Milliarde vielleicht, die nicht nur Recht haben, sondern auch noch wissen, wie alles besser wäre, besser zu machen sei, richtiger. Die gemeingefährliche Gruppe der Idealisten. Früher sammelten sie Gartenzwerge, legten kleine Tümpel an, in denen sie von einer Welt voller Zwerge und Libellen, Rotkäppchen und Bambis träumten.
Heute steht der Idealist vor Bahnhöfen und wettert gegen den Schienenverkehr, er reist nach Gaza, er kämpft gegen Strommaste, Windmühlen und für hungernde Afrikaner. Und natürlich war die Beschreibung zu Beginn dieses Pamphlets grob fahrlässig, denn der Idealist tritt in allen Erscheinungsformen auf. Er sieht aus wie wir alle, ist eifernder Christ, Abtreibungsgegner, Linker, Rechter, Startbahngegner, Sexualerziehungsgegner, er ist Sektenbeauftragter, Drogenbeauftragter, er ist für Bio, er singt ein Lied auf Bio, er hat von allem eine klare Meinung und ist nicht Mensch genug, es damit gut sein zu lassen. Seine Meinung ist so funkelnd und klar und prima, dass sie jedem anderen aufgedrückt werden muss, und sei es mit Gewalt.
Das ist das Problem mit dem Idealisten, dass er so von der Richtigkeit seiner Weltsicht überzeugt ist, dass er sie verdammt noch mal jedem wünscht, ansonsten wäre doch alles in Ordnung. Jeder kann doch träumen, wovon er will, und sich eine heile Welt vorzustellen, ist ja nichts Verkehrtes.
Das Dumme nur, dass sie für jeden Menschen anders beschaffen ist, die heile Welt. Verdammter Mist! Dass der Rest der Weltbevölkerung so verdammt uneinsichtig ist, macht dem Idealisten eine dergestalt schlechte Laune, dass Säureblocker fast sein zweiter Vorname ist. Das Gutsein, das Auf-der-richtigen-Seite-stehen, das Prinzipienhaben setzt eine so ungeheure Überbewertung der eigenen Existenz voraus. Dabei ist der Idealist wie wir alle, er ist wir, sieben Milliarden, und wir werden uns hoffentlich bald von dieser Welt gemobbt haben. Um Platz für freundliche Tiere zu schaffen.
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