S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Liebe Welt, mir graut's vor dir

Missbrauchte Kinder, gnadenlose Despoten, arme Alte: Wie sollen wir umgehen mit all den Schreckensmeldungen, die pausenlos auf uns einprasseln? Wer jung ist, kann hoffen und demonstrieren. Aber wenn die Haare erst einmal grau werden, bleibt die Welt grauenvoll.

Syrien, Sudan, Acta, der erste Männerbeauftragte im Kanton Zürich, Mädchenbeschneidungen, Prostitution, Menschenhandel, Gauck, Busunglück. Schere zwischen Arm und Reich, Banken, CEO-Gehälter. Sind Sie schon eingeschlafen?

Tote Kinder, arme Alte, Hunger, Überproduktion, Tiere kann man wirklich nicht mehr essen. Die Schuhe sind aus Leder, die Taschen sind aus Leder, warum sind die eigentlich aus Leder? Und was ist mit der Milch und dem Müll und der Luft und den Eisbergen, den Flugverboten, den Frauenhäusern, der Männergewalt?

Fünf Wochen alte Babys, die vom Vater genommen, von der Mutter dabei gefilmt werden, alles als Überschrift. Konsumiert zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen, macht Wut und Angst und Überforderung. Jedes Problem aufgeklappt, untersucht, macht Positionen unmöglich. Und selbst wenn man eine Position hat, was macht man mit der? Sudanesische Produkte boykottieren? Welche sudanesischen Produkte? Spenden, demonstrieren - was macht man mit der Auflösung der Welt, wie wir sie kannten?

Menschen griffen stets, bot sich ihnen die Gelegenheit zur Boshaftigkeit, beherzt zu. Aber nun? Beschleunigung und Wachstum an allen Enden, eine Explosion nicht in Sicht. Und wir sitzen und haben so ein Gefühl im Magen, das auch mit Säureblockern nicht milder wird. Da läuft alles falsch, denken wir, und haben die Titelblätter der Zeugen-Jehovas-Hefte im Kopf, happy Rehe äsen auf Auen. Nix da, hier wird nicht geäst. Da versteht man jeden, der in Religionen flüchtet, in Sekten, irgendwelche Gruppierungen, da die Anhänger die Köpfe geneigt halten und in die matte Sonne blinzeln.

Wir, denen es nicht gegeben ist, unseren Geist einer eindimensionalen Lehre unterzuordnen, beobachten die Erde vor dem Aufprall auf einen imaginären Bremsbock. Und fragen uns, ob wir übertreiben, ob nicht jede Zeit den Menschen die schrecklichste schien, weil unser Leben immer schrecklich endet. Und das Grauen mehr eine Alterserscheinung ist als die realistische Betrachtung der Welt. Irgendeinen Zeitpunkt hat jeder, da er merkt, dass sein Leben auf einem Abgrund, der sich unter der Erde befindet, zurast.

Verwechselt man dieses Gefühl des atemlosen Grauens mit der Erregung ob des Zustandes unserer Welt? Ginge es uns besser, säßen wir ohne Medieneinwirkung auf freundlich temperierten Inseln? Aber wie soll das gehen, wenn alle nachkämen? Der Erste würde wieder beginnen, aus seiner Palme Profit zu schlagen, die Fischrechte zu verkaufen, die Wasserabgabe zu kontrollieren. Keine Lösung.

Wer jung ist, kann an die Veränderung glauben. Kann im hormonell umnachteten Tunnelblick mit Flashmobs, Empörung und Internetaktionen an die Weltrettung glauben. Der ältere Mensch weiß um die Unsinnigkeit der meisten Proteste, bleibt zu Hause. Wird bitter und beobachtet seinen Körper auf der Talfahrt.

Vielleicht wird das Ende der Welt, wie wir sie kannten, ja der Neubeginn im All sein. Oder es wird alles so weitergehen wie bisher, nur voller und erbärmlicher. Oder wir sitzen die restliche Zeit auf einer Insel ab und hoffen, dass uns dort keiner findet.

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insgesamt 114 Beiträge
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1. so ist das nun mal
chris_7599 05.05.2012
... ach Sibylle, gräme Dich nicht. So ist das nun mal. Auf diesem Planeten haben wir so ca. 80 Jahre • 300 = 24.000 Tage und danach gehts zurück, dahin wo wir vor unserer Geburt sowieso schon die ganze Zeit waren. Wünsch Dir trotzdem einen schönen Tag Christian
2. Nichts Neues - nur heute
RudolfHege 05.05.2012
Was hier beschrieben wird sind keine "neuen Entwicklungen". Das "Grauen" hat zu allen Zeiten existiert. Nur heute liefert man es uns zu jeder Tageszeit live auf den Bildschirm. Was wusste der Mensch vor 50 Jahren vom Sudan? Nichts. Was wusste der Mensch vor 100 Jahren von der Nachbarstadt? Das, was er in der Tageszeitung las (meist in der einzigen, die es gab). Glaubt man beispielsweise den Statistiken, dann gibt es heute weniger Kindesmissbrauch, als noch vor 20 Jahren. Subjektiv haben wir aber eine ganz andere Wahrnehmung, weil vor 20 Jahren kaum jemand darüber sprach, während es heute eben "Thema" ist. Die Welt ist nicht schlechter geworden - wir wissen nur mehr darüber...
3. Meine Frage
agua 05.05.2012
Zitat von sysopMissbrauchte Kinder, gnadenlose Despoten, arme Alte: Wie sollen wir umgehen mit all den Schreckensmeldungen, die pausenlos auf uns einprasseln? Wer jung ist, kann hoffen und demonstrieren. Aber wenn die Haare erst einmal grau werden, bleibt die Welt grauenvoll. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,831015,00.html
diesen Artikel lesend:Es heisst ,der Mensch ist ein soziales Wesen. Ist er das wirklich,oder waere er es einfach nur gerne?Dem Geanken,dass der Mensch zu jeder Zeit dachte,das Leben waere fuerchterlich,stimme ich auch zu.Und es wird weitergehen,wohin es fuehrt,werden unsere Nachfahren wissen.os
4. BILD dir das Grauen
Palmstroem 05.05.2012
Zitat von sysopMissbrauchte Kinder, gnadenlose Despoten, arme Alte: Wie sollen wir umgehen mit all den Schreckensmeldungen, die pausenlos auf uns einprasseln? Wer jung ist, kann hoffen und demonstrieren. Aber wenn die Haare erst einmal grau werden, bleibt die Welt grauenvoll. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,831015,00.html
Besonders grauslich ist das negative BILD in deutschen Medien. Da erscheint selbst eines der wohlhabensten Länder voller Armut und Not. Kein Monat vergeht ohne den Weltuntergang zu verkünden. Kein Wunder also, dass die Menschen in "German Wonderland" unglücklicher sind als in vielen anderen Ländern, selbst unglücklicher als in Burkino Faso, wo die meisten mit weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen! Warum das so ist - dort können die Leute nicht lesen!
5. Ich halte das, was in dem Beitrag zur Sprache gebracht wird,
randolftreutler 05.05.2012
tatsächlich für ein Problem unserer Zeit. Wir werden mit Informationen zu unterschiedlichsten Themen und Bereichen konfrontiert, ohne das diese einen Bezug zu unserem eigenen Leben haben, wir selten eine Möglichkeit zur Reaktion haben, was Ohnmacht auslösen kann, "ich kann eh nichts ändern", und auch eine gewisse Verrohung der Sitten insgesamt befördern kann, wenn es überall noch sittenloser zugeht, warum soll ich mich gerade hier vernünftig verhalten... In abgeschlossenen Systemen ohne Außenkontakt ist es relativ einfach, die Werte, Normen, Gesetze und Verhaltensregeln aufrecht zu erhalten, der Einfluß von außen ist so stark begrenzt, man kennt es halt nicht anders (siehe z.B. Nordkorea). Solche starren Strukturen können nur durch Isolation aufrecht erhalten werden, die Begnung mit anderen Kulturen, anderen Verhaltensweisen, anderen Wertesystemen führt dazu, dass das eigene Wertesystem sich bewähren muss, sonst läuft es Gefahr, durch andere Wertesysteme abgelöst zu werden. Und das teilweise Chaos auf unserer Welt mit dem wir uns mehr oder minder täglich auseinander zu setzen haben, führt auch dazu, dass wir unsere eigenen Koordinaten überprüfen, unser Wertesystem in Frage stellen, es sich festigt und /oder sich verändert. Noch vor wenigen Jahrhunderten war die Welt der meisten Menschen, ihr Wissen davon, auf ihre Region, ihren Lebensbereich beschränkt. Das bot Schutz, aber beförderte auch oft eine einseitige Weltsicht. (Hinterwäldler). Wir heuten wissen können viel mehr über die Komplexizität unserer Welt wissen, heute kann man fast sagen, die Welt ist "ein Dorf", wir erhalten Informationen aus dem letzten Winkel der Erde. Letztlich kommt es darauf an, wie wir heute und in Zukunft mit diesem Wissen umgehen.
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