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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Liebe Zeitungen, so macht ihr euch überflüssig

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Erinnern Sie sich? Früher bot das Zeitungsfeuilleton Orientierungshilfe in der Flut neuer Bücher, Platten und Filme. Doch diese Zeiten sind vorbei: Es wimmelt von putzigen Pubertätsbüchern und Blockbuster-Besprechungen - und die Welt verkommt zu einem großen Klumpen Mainstream.

Kommt es mir nur so vor, oder steht in allen Zeitungen dasselbe? Als gäbe es nur noch ein Thema, die Verkäuflichkeit. Als gäbe es nur mehr ein Indiz für Qualität: Besucherrekorde, Auflagenbestseller, Chart-Platzierungen?

Das Feuilleton. Irgendwann einmal, als es noch Studienräte gab, die Umschreibung für freundliche Bildungsbürger, was die Umschreibung für Menschen mit einem Theaterabonnement war, leistete es Orientierungshilfe in der Flut neuer Bücher, Platten und Filme. Der Studienrat saß am Wochenende in seiner Bibliothek, er schmunzelte, weil er das Wort schmunzeln so mochte, trank einen Roten und studierte mit einem Bleistift die Empfehlungen der Kulturexperten. Er entdeckte seltsame Erstausgaben inhaftierter Exil-Tamilen, Gedichtbände aus dem Kaukasus und Biografien besessener Virologen. Er freute sich auf Einspielungen von Alban-Berg-Combos und chilenische Independent-Filme, die er ohne die Zeitung nie entdeckt hätte.

Es gab neben dieser geheimen schützenswerten Welt dessen, was der Bildungsbürger für Kunst hielt, noch den Bereich des Trivialen, der Blockbuster-Filme, der Kochbücher von TV-Moderatoren, der Romane, die das Thema Traummannsuche behandelten. Alles gut, alles richtig, das waren die Dinge, deren Verkauf durch eine Masse an Menschen, die sich gerne unterhalten ließen, sichergestellt war, wogegen nichts zu sagen war. Man musste sich nicht darum kümmern, keine Mitleidskäufe tätigen, es war nur nichts, was einer Erklärung bedurfte.

Fan-Artikel-Kiosk des Fernsehens

Irgendwann im Verlauf der auf eine Klimax zusteuernden Entwicklung des Kapitalismus änderte sich auch hier alles grundlegend. Als seien die Feuilletons direkt an die PR-Abteilungen großer Verlage und Filmstudios angeschlossen, wurden plötzlich Dinge besprochen, die für ihre Verbreitung keinerlei Erklärung benötigten. Es war zu der Zeit, in der Filme prinzipiell synchronisiert wurden und Buchläden mehr und mehr dem Fan-Artikel-Kiosk des Fernsehens glichen.

Der Versuch, heute in einer der großen Buchhandelsketten ein Buch zu finden, das, sagen wir zum Beispiel, Haikus enthält, ist aussichtslos. Leer wie Teiche die Augen der Buchhändler, starren in Computer, Schulterzucken, aber hier hätten wir doch ein hervorragendes Kochbuch einer Seriendarstellerin, nein? Nicht? Vielleicht möchten Sie dann die Biografie eines 16-jährigen Sängers? Nein, auch nicht? Schade. Tschüssi.

Den Bildungsbürger scheint es mit der Abschaffung der leserbriefschreibenden Studienräte so nicht mehr zu geben, wer hätte gedacht, dass man die einmal vermissen würde, diese Briefe. Seitenweise mit Nietzsche-Zitaten und den Thesen der Situationisten gefüllt, um zu belegen, dass - egal. Der Studienrat, der heute nicht mehr zu existieren scheint, weil er sich vermutlich erhängte, hat einem gesunden Volkskörper Platz gemacht, den es unbedingt nach Kochbüchern, Skandalbüchern von Politikern und Kinderbüchern verlangt, und die Zeitung, in ständiger Panik um ihre Notwendigkeit wild nach Lesern suchend, keinen verprellen wollend, bespricht das Zeug.

Erwachsene Menschen liefern sich Feuilletonschlachten um die Bedeutung von putzigen Pubertätsbüchern und Blockbustern, die Listen, in denen früher Literatur verhandelt wurde, sind Bestsellerlisten gewichen, und man sieht sich genötigt, zu all dem Mist eine Meinung zu äußern. Die anderen tun es ja auch. Man könnte Leser verprellen, einen Trend verpassen, unwichtig sein, altmodisch, ungelesen. Dass sie sich so alle in die Beliebigkeit drucken, fällt keinem ein. Dass Zwischentöne verschwinden, Außenseiter unentdeckt bleiben, dass die Welt sich zu einem großen Klumpen Mainstream formt, wird in Kauf genommen.

Sterben werden wir eh, und was wir vorher in unsere Hirne gepackt haben, wird mit uns verschwinden. Soweit dazu.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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1. Stimmt...
rvdf11974 30.08.2011
Zitat von sysopErinnern*Sie sich? Früher*bot das Zeitungs-Feuilleton Orientierungshilfe in der Flut neuer Bücher, Platten und Filme. Doch diese Zeiten sind vorbei: Es wimmelt von putzigen Pubertätsbüchern und Blockbuster-Besprechungen - und*die Welt verkommt zu einem großen Klumpen Mainstream. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783257,00.html
wow nichts hinzuzufügen und sie hat trotz ihrer intelektuellen Blindheit, welche sie oft an den Tag legt, mal 100% recht...
2. .
myspace 30.08.2011
Zitat von sysopErinnern*Sie sich? Früher*bot das Zeitungs-Feuilleton Orientierungshilfe in der Flut neuer Bücher, Platten und Filme. Doch diese Zeiten sind vorbei: Es wimmelt von putzigen Pubertätsbüchern und Blockbuster-Besprechungen - und*die Welt verkommt zu einem großen Klumpen Mainstream. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783257,00.html
Kaum einer vermißt ihn diese Studienräte, denn Nietzsche zu zitieren ist so ziemlich die primitivste Art Name-Dropping zu betreiben. Und, ach, Feuilleton, allein das Wort klingt schon so schrecklich elitär, da bewege ich mich doch lieber in den Subkulturen - es zwingt einen doch niemand zum Mainstream.
3. Ich bin mir nicht sicher.
zweifler001 30.08.2011
Zitat von myspaceKaum einer vermißt ihn diese Studienräte, denn Nietzsche zu zitieren ist so ziemlich die primitivste Art Name-Dropping zu betreiben. Und, ach, Feuilleton, allein das Wort klingt schon so schrecklich elitär, da bewege ich mich doch lieber in den Subkulturen - es zwingt einen doch niemand zum Mainstream.
Die konnten wenigstens noch korrektes Deutsch.
4. Unsere Liebe Frau
favela lynch 30.08.2011
Nun, unsere Liebe Frau vom Berge Trivia, dieses Phänomen heißt Geistessterben und es hat vier Indikatoren: 1. Die totale Ökonomie als Ausruck des Geistessterbens 2. Die Aufgabe des Geistes in der virtuellen Welt 3. Die feindliche Übernahme des Geisteslebens durch Controlling und Marketing 4. Das Ende der Kunst als Spektakel Sie haben eine Woche Zeit für Ihre Kolumne. Eine ganze Woche. Und Sie finden tatsächlich nichts! Interessierte verweisen wir hiermit gerne auf Pierangelo Maset, Geistessterben,Stutttgart 2010
5. Die Medien in der Quadratur des Kreises
alpenjonny 30.08.2011
Gruezi! Ja, es ist grausam, es gibt keine Tageszeitungen in D mehr, die echt alles nachprüfen und Korrespondeten in Länder schicken, wo der Kuchen am anbrennen ist. Es wird gegoogelt was das Zeugs hält, und "embetted" Reporter, oft aus den USA, berichten live für den Rest der Welt. Der Sportteil in den Zeitungen ist viel wichtiger geworden, als Tagespolitik, Bürgerkriege oder Revolten.Nur gerade humanitäre Katastrophen wie das Gemetzel in Tripolis, oder der Hunger in Ostafrika eignen sich besonders gut für Schlagzeilen. Leider. Tolle Übersetzungsprogramme gibt es auch, und fertig ist der Einheitsbrei für alle Zeitungen. Damit die Chose nicht zu sehr auffällt, dürfen lokale Berichterstatter ihren Senf zu jeder Kirmesse und Rammlerausstellung in der Pampa geben. Noch ein bisschen Stimmungsgberichte aus Berlin und den neuen und alten BL, das wars dann schon.Aber auch hier herrschen Einschätzungen ganz weniger Korrespondeten der AFP, THOMSON-REUTERS, CNN und wie sie denn alle heissen vor. Gewiss, keine Regel ohne Ausnahme, auch der SPIEGEL schickte Reporter nach Libyen, um vor Ort aus d- Sicht die Revolution gegen Ghadaffi zu kommentieren. Ich wünsche mir, dass der SPIEGEL wieder vermehrt eigene Korrespondenten in die ganze Welt ausschickt, und nicht bloss global in den Gazetten und Magazine der jeweiligen Länder rumgoogelt. Trotzdem steht der SPIEGEL im Vergleich zu Tageszeitungen in D noch gut da, selbst die von mir hochangesehene FAZ sackte nach meinem Empfinden in den letzten Jahren deutlich ab. Es ist mir bewusst,dass sinkende Werbeeinnahmen und fallende Abozahlen Zeitungen und Magazine immer mehr unter Druck setzen, und zu einem Sparkurs zwingen. Das Gehalt eines gewieften, erfahrenen Reporters ist nicht niedrig und der Spesenansatz hoch.
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Sibylle Berg
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