S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Mama, wir wollen zurück zu dir

Warum hat Thilo Sarrazin eigentlich so einen Erfolg? Warum jagen uns die Araber so eine Heidenangst ein? Ganz einfach: Weil wir alle längst aus lauter Angst auf Ameisengröße geschrumpft sind. Und wer ganz klein ist, der will nun einmal zurück zu Mutti.

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Die Welt gibt es doch gar nicht. Oder glauben Sie den Aufnahmen aus dem All, aus dem Weltraum (den es ja vielleicht auch gar nicht gibt) ? Verschiedene Länder existieren, vermutlich, einige habe ich bereist. Aber auch da habe ich mithin den Verdacht, es wurden nur Fototapeten ausgewechselt. Da, wo Sie wohnen, mögen vielleicht ein paar Neonazis herumpöbeln, die sind nur ein wenig doof, das wächst sich aus. Das heißt noch nicht, dass Hitler morgen wieder aus seinem Bunker kriecht.

Oder meinen Sie etwas anderes mit rechts, wenn es Ihnen so vorkommt, dass die Welt gerade nach rechts abdriftet? Diesen leisen Geruch nach Scholle und Erde, die Rückbesinnung auf alte Werte? Meinen Sie den? Verwundert es Sie, dass Menschen Thilo Sarrazins Buch wie ein Statement mit sich herumtragen, vielleicht nicht einmal hineinsehen, es ist ja öde genug, aber es ist wie ein kleiner Vorgarten in Handtäschchenformat, in dem eine Flagge weht, auf der steht: MUTTER.

Die Welt wird nicht rechts, die Weltbevölkerung befindet sich nur gerade auf dem Weg zu einer neuen Stufe.

Alles, was wir kannten, wenn wir vor 1980 geboren wurden, löst sich gerade auf. Die arabische Welt, das waren für uns früher die freundlichen Männer mit den lustigen Kamelen, der Urlaub, der Tee. Dann wurden sie zu den Terroristen, und nun demonstrieren auf einmal alle und wollen etwas, von dem wir keine Ahnung haben. Die Sicherheit unserer Großeltern - bis zum Lebensende in einem Haus mit wechselnden Hunden - wird nicht geliefert, so lebt doch keiner mehr.

Die Welt ordnet sich neu, und das tun Sie am besten auch

Wir können kaum mehr eine Meinung haben, morgen ist schon wieder alles anders, die Medien machen uns verrückt, die Tsunamis, die Hurrikane, Stuttgart 21, die Atomkraft, es scheint alles so komplex geworden, wie es schon immer war, nur bekommen wir es jetzt auf einmal mit. Die Welt, die es nicht gibt, ist zu dem All geworden, das es vielleicht auch nicht gibt, und wir sitzen da, in Ameisengröße, und sind überfordert.

Was soll man wählen, anziehen? Wie soll man sich verhalten, wo ist der Feind und vor allem: Wer ist er? Gegen unsere Eltern können wir nicht mehr rebellieren, die sind ja noch nicht mal mehr 68er, die sind irgendwas danach, sie sehen aus wie wir, es ist zum Durchdrehen. Der Mensch, Ihr Nachbar, Sie selbst, wir alle kollabieren und wollen darum alte Werte zurück.

Dinge, die wir kennen und einzuschätzen vermögen. Die Großmutter, den Geruch des Apfelkuchens. Eine tiefe Sehnsucht nach alten Werten ist da in uns, die meint: Eigentlich wollen wir wieder Kinder sein, und unsere Eltern denken für uns. Und schon landet man in einem Konzert der Kastelruther Spatzen. Und wählt eine Partei, die blühende Landschaften verspricht, und Frieden.

Die Veränderungen, die wir nicht mehr nachvollziehen können, sollen weggehen, die Ausländer sollen weggehen, und was sagt eigentlich Herr Sarrazin dazu, dem man nichts vorwerfen kann, außer nicht zu Ende gedacht zu haben. Es hilft uns allen, nicht ständig neue Feinde auszumachen. Alle, die es nett haben wollen in einem Konzert der Kastelruther Spatzen, plötzlich heim zu schicken, nach Tunesien oder in den Sudan, das bringt es nicht, das geht nicht mehr, die Welt ordnet sich gerade neu, und unser Gehirn, das macht da nicht mit.

Die Welt, lieber Leser, sie wird nicht rechts. Sie entwickelt sich, und das tun Sie am besten auch.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 96 Beiträge
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avollmer 30.04.2011
1. Wer macht uns zu Opfern des Zeitenwandels?
Wir, nur wir selbst machen uns zu Opfern des Zeitenwandels - wenn wir uns gegen ihn stemmen. Wie alt ist die Erkenntnis „Pánta chorei kaì oudèn ménei“? Jahrtausende. Was sollten wir seit damals wissen? Gelassenheit ist angesagt. Ja die Welt ändert sich von Minute zu Minute - und? Ändern wir uns mit. Passen wir uns an. Leben wir das Neue, das Unbekannte. Das ist kein Stress, das ist keine Mühsal, das ist die Chance auf Freiheit von Langeweile, Bedeutungslosigkeit und das Ende der Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Leben im Wandel wird zum Sinn an sich, zur Freude an der Abwechselung, dem Abenteuer der Herausforderung. Wofür leben wir denn? Nur für die Existenz an sich? Das Pendeln zwischen Sofa und Schreibtisch? Nein, wir leben für die Veränderung, für den Wandel. Und es ist eine Gemeinschaftsaufgabe aus den vielen kleinen Beiträgen und Anpassungsleistungen einen Wandel zum Besseren zu gestalten, die Anpassung der Gesamtheit den großen Anforderungen entsprechen zu lassen, die den einzelnen Menschen überfordern. Ich, ich kann mein Leben mit neuen Nachbarn, neuen Kulturaspekten und einem neuen Koch im Bistro gegenüber gestalten. Aber WIR, wir können den Klimawandel bewältigen, die neue Völkerwanderung, den Paradigmenwechsel der internationalen Politik, das Verschwinden von Staaten und Religionen und Entstehen neuer gesellschaftlicher Strömungen. Wenn das Ich allerdings versucht Aufgaben des Wir zu bewältigen, dann ist das nicht nur Stress, angsteinflößend, sondern schlicht und einfach eine Überforderung. Wer sich den Schuh anzieht, der sucht auch den Weg zurück zu Mama. Mama kannte noch den Trick mit dem Ich und dem Wir. Das hat sie nicht nur bei den Trümmerfrauen gesehen, sondern bei einem ganzen vom Krieg zerschlagenen Kontinent. Das Wir hat auch diese Katastrophe überstanden. Ein Ich wäre gescheitert.
blue_plasma, 30.04.2011
2. Die gute alte Zeit!
Herrlich! :) Man kann solch treffende Analysen nur sehr selten lesen. Damals waren die Sommer endlos. Wenn Sie mal ein stückchen Apfelkuchen wollen, melden Sie sich einfach Frau Berg! ;)
komajo 30.04.2011
3. So ist es nicht
es scheint alles so komplex geworden, wie es schon immer war, nur bekommen wir es jetzt auf einmal mit Fast nichts bekommen wir mit. Das macht uns so unsicher und verzweifelt. Wir wissen nicht, was der Nachbar für wieviel Geld arbeitet. Wir wissen nicht, was uns die Politik als nächste Regelung aufdrückt. Wir wissen nicht, durch welche ehrenwerten Gesellschaften die öffentliche Meinung manipuliert wird, damit die Masse mit den Spatzen zufrieden ist. Werte sind belanglos geworden. Ihr Fehlen wird einfach vielen schmerzlich bewusst.
Dr. Martin Bartonitz 30.04.2011
4. Mit dem Internet wird Alles noch flüssiger
"In unserer immer komplexer werdenden Welt", so kann ich in den Broschüren unserer Mitbewerber seit Jahren lesen. Ich vermute mal, dass das auch schon vor 200 Jahren Gültigkeit hatte, seit dem der Glaube an den Profit entfesselt wurde. Und mit dem Staat haben wir vieel unserer Verantwortungen an andere Stelle abgegeben. Nun kommen wir zur Erkenntnis, dass wir diese Verantwortung vielleicht doch besser selber tragen sollten. Und das macht uns Angst. Aber mit dem Internet finden wir schnell Gleichgesinnte und brauchen keine Angst vor einer Zukufnt haben, wo wir gemeinsam unsere Verantwortung für eine bessere Welt tragen können. Packen wir es an und suchen gemeinsam die bessere Welt, denn wir sind doch eigentlich fszinierende Wesen, die das packen können sollten. http://faszinationmensch.wordpress.com
Pilgrimage 30.04.2011
5. :::::........
Ein, in der Tat, schönes und wahres Statement. Gibts nichts mehr hinzuzufügen, kann und sollte man einfach mal so stehen lassen ... :::
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