S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Schneiden Sie sich doch den Kopf ab!

"Ich bin unsicher: Kann ich mit 46 Jahren die Haare noch lang und offen tragen?", fragt eine Leserin. Gegenfrage: Warum werfen wir Frauen uns eigentlich den Männern freiwillig zum Fraß vor?


Sind Sie wahnsinnig? Sie sind schon fast tot, Frau! Sie können doch die Natur nicht überlisten, Geschlechtspartnern, die Sie von hinten begehren, etwas vorzutäuschen, was Sie dann nicht einlösen können. Und hören Sie auf mit, es ist der Job einer Frau begehrt zu werden, Sie sind doch aus dem gebärfähigen Alter raus. Schneiden Sie die Haare ab, schneiden Sie sich den Kopf ab! Aber Sie werden es auch dann nicht richtig machen, Sie sind der geborene Fehler.

Wir Frauen sind so. Wir sind immer zu dünn. Oder zu dick. Wir sind zu geliftet oder zu hässlich, wir sind zu gefärbt oder zu ungefärbt, zu leise oder zu laut, wir treffen die Mitte nicht, die Mitte wäre nicht vorhanden sein, zu Hause sein, folgsam sein, immer noch. Da hat sich doch immer noch nichts geändert. Die Maßstäbe der Bemessung sind nicht dieselben. Die Männer sind nicht zu alt, sicher nicht, nicht zu fett. Sie sind die, die politisch sind, die aktiv sind, die Forscher sind, die verdiente Nobelpreisträger sind.

Wir sind so, wir Frauen: Wir genügen nie. Und was wir anhaben, um Himmels willen, was wir anhaben, das ist zu kurz zu lang zu eng zu rot, zu feminin zu maskulin. Warum ist das ein Thema? Warum ist das unter uns ein Thema?

Wir Frauen sind so, dass wir uns selber den Männern zum Fraß vorwerfen. Damit sie uns nicht totbeißen, liefern wir uns aus, halten die Schlagader an ihre Münder, zeigen mit den Fingern aufeinander, zeigen den Männern unsere Schwachstellen, so wird das doch nichts. Wir machen uns lustig über uns, wenn wir in die Wechseljahre kommen, nicht mehr taugen, zu nichts, als Sexobjekt uninteressant geworden sind.

Wir drehen lustige Serien wie Doris Dörrie über unsere abstoßenden Seiten, das ist doch lustig, das ist doch sehr lustig, es sind ja nur Frauen die sich lächerlich machen. Man muss doch Humor haben, mal über sich lachen können, nicht wahr?

Wir sind so, da ist kaum Selbstverständnis, wir nehmen uns nichts, wir quengeln, wir hassen uns gegenseitig, neiden uns Erfolge, wir sollten verschwinden, unter Lagen von Stoff, und dann von Befreiung sprechen, denn endlich wären wir unsichtbar. Es ist hervorragend, dass die Musikindustrie uns gezeigt hat, wie wir uns zu kleiden haben, wenn wir jung sind. Verfügbar muss das aussehen, verstehen Sie? Immer bereit und willig. Wir müssen Rosa tragen. Es gibt doch das Recht einer Frau auf Rosa.

Wenn ein Mann sich schlecht benimmt, wenn er vergewaltigt oder tötet, müssen wir ihn verteidigen, wir müssen ein Auge zudrücken und sagen, ja, wir Frauen sind aber auch nicht besser, wir würden es nicht besser machen, das Regieren, das Forschen, das Dichten. Wenn uns mal einer ließe! Aber besser nicht, denn wir würden es auch nicht besser machen. Wir kennen uns, meinen wir, wir sind unzuverlässig, wir reden schlecht übereinander, wir sind launisch. Wir müssen gebären, unsere Ministerinnen verlangen, dass wir gebären. Und wir stellen uns dafür gerne zur Verfügung, denn wer soll den Mist denn sonst machen? Wir müssen verdammt noch mal in Würde altern, das heißt: unsichtbar werden. Wir misstrauen uns, und das zu Recht! Ich hoffe, Ihre Frage ist damit hinreichend beantwortet.


Aktuelle Theaterstücke von Sibylle Berg: "Hauptsache Arbeit!": Theater im Keller Graz (www.tik-graz.at) Spieldaten Februar: 12.2.,17.2., 18.2., 19.2., 24.2., 26.2.2011

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
Ambermoon 12.02.2011
1. Willkommen, Ambermoon.
Zitat von sysop"Ich bin unsicher: Kann ich mit 46 Jahren die Haare noch lang und offen tragen?", fragt eine Leserin. Gegenfrage: Warum werfen wir Frauen uns eigentlich den Männern freiwillig zum Fraß vor? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745052,00.html
In Zockerforen, in denen für gewöhnlich ein latent rauher Umgangston herrscht, sagt man in solchen Fällen: "Wenn man nichts zu sagen hat, einfach mal die Fresse halten."
JungJue 12.02.2011
2. Ich geb's zu
Frauen sind Meister der nonverbalen Kommunikation. Deshalb gilt für mich: Kurze Haare signalisieren Asexualität, Verbrauchtsein, Lustlos dem Leben gegenüber. Wer andere Signale senden möchte, hat längere Haare ;-)
solarfighter, 12.02.2011
3. Als wenn das bei Frauen irgendwie anders wäre...
Zitat von sysop"Ich bin unsicher: Kann ich mit 46 Jahren die Haare noch lang und offen tragen?", fragt eine Leserin. Gegenfrage: Warum werfen wir Frauen uns eigentlich den Männern freiwillig zum Fraß vor? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745052,00.html
[QUOTE=sysop;7142126]"Ich bin unsicher: Kann ich mit 46 So alt und noch immer nicht erwachsen geworden? Wer irgendwann mal die Fähigkeit zu Reflektion erworben hat, kann man leicht feststellen, das es den Männern in dem Alter mit den lieben Frauen auch nicht anders geht. Zwar kann der Mann bis ins hohe Alter noch Kinder zeugen. Die Bereitschaft der gebährfähigen Frauen, sich einen sehr viel älteren Mann anzulachen ist doch sehr begrenzt. Ein Mann in dem Alter, der versucht auf Anfang 20 zu machen, ist genauso albern, wie Frauen, die sich entsprechend auftakeln. Das ist aber völlig unabhängig davon, ob die Frau lange, offene Haare trägt. So wie die Kindheit, ist bei Frauen halt auch irgendwann einmal die Phase der Gebärfähigkeit vorbei. Wer es halt die ganze Zeit verpasst hat, sich um eigene Kinder zu kümmern, der läßt halt eine Phase aus.
dreamtimer 12.02.2011
4. Frauen blicken auf andere Frauen
Klingt fast nach einer feministischen Tirade. Natürlich stimmt es, dass Frauen den Aufwand um ihr Äusseres, v.a. für den Blick anderer Frauen betreiben, zumeist den ihrer Freundinnen. Auf der negativen Seite geht es v.a. darum, deren giftigen Urteilen zu entgehen und selbst die Position einzunehmen, von der aus zu urteilen ist. Auf der positiven, ist es eine ständige wechselseitige Bestätigung: sie finden sich gegenseitig schön und dulden daran keinen Zweifel. Die Männer mögen zwar der ultimative, biologische Sinn für all das sein, aber sie bleiben dennoch ausgeschlossen und sind fast nie konkret gemeint. Es geht um niemand bestimmten und ganz sicherlich nicht um das männliche Urteil, über all diese Masken- und Verkleidungsspiele. Wir sind nicht im Tierreich und auch das berühmt berüchtigte Unbewusste, dass alles erkären sollte, versetzt uns nicht dorthin zurück. Wer kennt das nicht: "Was gefällt Dir besser an mir, das blaue oder das weisse"? Im Grunde ist es immer egal, was der Mann sagt, es wird nur getestet, ob er überhaupt ästhetisch über sie urteilen kann. Gewiss, irgendwo im Hintergrund lauern böse Buben, schwule Modedesigner und dergleichen Diktatoren, die scheinbar wissen, was sie tun, aber die Regeln nach denen das alles funktioniert sind dunkler als jene der internationalen Politik und keine Leaks-Organisation wird uns aufklären. Am Ende gibt es wohl gar keine Regeln, sondern nur Meme. Frage ich etwa danach, welche Farben denn nächste Saison getragen werden, so ist die Antwort der modebewussten Damen fast immer: trag, was Dir gefällt.
Beobachter008 12.02.2011
5. kurze Haare
Zitat von JungJueFrauen sind Meister der nonverbalen Kommunikation. Deshalb gilt für mich: Kurze Haare signalisieren Asexualität, Verbrauchtsein, Lustlos dem Leben gegenüber. Wer andere Signale senden möchte, hat längere Haare ;-)
.... ich trage kurze Haare = ich bin verbraucht, lustlos und asexuell. Ist es das, was Du hier der Welt über dich selbst mitteilen möchtest??? Man(n) sollte nicht von sich selbst auf andere schließen.
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