Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Wie wär's mit einem eigenen Leben?

Unauffällig kommt man besser durch diese Welt, glauben Sie? Gegen Leute, die sich unpassend kleiden, zu laut sind und am Straßenrand sitzen, haben Sie eine Abneigung entwickelt? Warum? Ist es wichtig, sich endlich mal erwachsen zu verhalten?

Wäre ich in einer gnädigen, fast milden Stimmung, würde ich denken, Sie meinten mit dem dubiosen "erwachsen" die Fähigkeit zu erkennen, dass Sie, körperlich und geistig gesunder Bewohner der westlichen Welt, Ihre Verantwortung für Ihr Leben übernehmen müssen. Schwieriger Satz, großes Thema. Verantwortung übernehmen heißt: Meine Kindheit, der Staat, die da oben, mein Chef, mein Partner sind nicht schuld, wenn mein Leben abschmiert. Das meinen Sie nicht?

Ich habe es doch geahnt. Sie reden von der abstoßenden Version. Von dem Verhalten, von dem Sie meinen, dass die Anderen, tiefe grollende Betonung, es von Ihnen erwarten. Das fing schon früh an, in der Kindheit?

Sie haben bemerkt, dass man unauffällig besser durchs Leben kommt. Nicht zu gut sein, nicht zu schlecht, in gemessenem Rahmen kindlich, aber bitte nicht zu laut, Vater hat Rücken. Studieren dann später, BWL, natürlich, ein interessantes Fach, die Säulen der Erde, die Haare haben Sie sich abgeschnitten, ein Mann mit langen Haaren, wie soll das denn aussehen, die Blicke wollten Sie nicht ertragen. Sie sahen ja, wie es denen erging, die auffielen, aus der Masse ragten, obgleich Sie immer wussten, dass da mehr in Ihnen steckt als in der Bevölkerung, Sie waren doch nicht da, um irgendetwas zu bevölkern. Aus Ihrer Angst aufzufallen, gesehen zu werden, abgelehnt vielleicht, entwickelten Sie Ihre Abneigung gegen Menschen, die über eine große persönliche Freiheit verfügten. Denen es egal war, sich unpassend zu kleiden, zu laut zu sein, am Straßenrand zu sitzen und keinen Esstisch zu haben.

Sie haben einen Esstisch?

Sicher, Sie haben auch eine Frau und Sie tragen eine Krawatte.

Warum tun Sie das?

Gefällt Ihnen so ein griffbereites Suizidwerkzeug in der Nähe Ihres Kopfes?

Warum sitzen Sie in einem Freizeithemd mit Freizeithosen und Smart Casual Schuhen an einem verdammten Esstisch und sehen Ihre verdammte Frau an, mit der Sie sich Butterschalen reichen?

Weil das erwachsen ist?

Weil Sie glauben, das würde man von einem ordentlichen Menschen erwarten, der sich wohltemperiert bewegt und kluge Sätze mit gutem Timbre vorträgt?

Es ist alles ein Fake!

Das ist nicht Ihr Leben, das haben Sie irgendwo gesehen, Sie spielen das nach, Mann, Sie sind genau der Typ, der irgendwann verschwindet, um Zigaretten zu holen. Aber Thorben, würde Ihre Frau, die eine Perlenkette trüge, sagen, du rauchtest doch nie, mon cher. Und du kannst kein Französisch, würden Sie sagen und aus dem Haus gehen, ohne wiederzukehren. Kann sein, Sie gingen zu Ihrer Geliebten, die aussähe wie Ihre Frau und die Sie wirklich verstünde. Der Sie sagen könnten: Weißt du, eigentlich bin ich ganz anders, und sie würde nicken und sagen: Ich auch, und dann wären die beiden Stellvertreter ihrer selbst in einem Motel zusammen, und dann ließen Sie sich scheiden, weil Ihre Freundin einen eigenen Esstisch wollen würde, an dem Freunde säßen und Kalbsbries äßen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Nichts gegen Krawatten, wenn Sie so eine Fetischsache haben, nichts gegen Kälber und Tische, aber wenn Sie unter Erwachsensein verstehen, nur in Fremdwahrnehmungen zu funktionieren, lassen Sie es unbedingt sein.

Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. *luftschnapp*
thomytube 17.05.2011
Wenn man ich ist und kurz vorher den planking-Scheiß gelesen hat, wähnt man sich glücklich in einem Auffangnetz gelandet. Ok, jaja, extrem. Muss sein. MUSS!
2. Wo gibt es denn heute noch Kalbsbries?
Portugiese 17.05.2011
Zitat von sysopUnauffällig kommt man besser durch diese Welt, glauben Sie? Gegen Leute, die sich unpassend kleiden, zu laut sind und am Straßenrand sitzen, haben Sie eine Abneigung entwickelt? Warum? Ist es wichtig, sich endlich mal erwachsen zu verhalten? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,762863,00.html
Liebe Frau Sybille, wie immer - Nagel voll getroffen, auf den Kopf der elendigen Normalität. Allein - wo gibt es denn heute noch Kalbsbries? Löchere meinen (ansonsten perfekten) Metzger hier in Lissabon seit Jahren - gibt es nicht, geht sofort an die Franzosen, die machen Luxuspasteten daraus oder es geht ins Hundefutter, auf jeden Fall nicht für den portugiesischen Menschen geeignet. Wie auch Lunge, Leber, Zunge und Nieren - alles Teufelszeug. Eigentlich genau dasselbe wie eben nicht die Neue Grün-Alternativ-Garnitur aus anthrazit-Sakko mit krawattenlosem weissen Hemd zu tragen! Her mit dem Kalbsbriess - weg mit dem Esstisch! Herzliche Grüsse aus der Brieslosen gottverdammten Gegend um Lissabon
3. Individuell sein? Haha
Robert Baratheon 17.05.2011
Sie Arbeiten für Geld. Sie haben eine Wohnung oder ein Haus. Sie benutzen Stühle und putzen sich die Zähne? Herzlich willkommen. Normalität ist eben genau das: Normal. Normal ist das, was die Mehrheit der Menschen tut. Individualität ist eine Illusion. Bei mehr als 6 Milliarden Menschen auf der Welt wollen Sie die unangepasstheit propagieren? Nur zu. Das ist Asozial. Asoziale bringt man um oder lässt sie am langen, langen Stock verrotten. Aber wer ist schon wirklich Asozial? Kaum jemand. Sie gehen Arbeiten, sparen ihr Geld – und brechen dann aus? Gehen mit dem Geld nach Indien um sich selber zu finden? Gehen ins Kloster oder sonst wohin wo viele andere vor Ihnen auch schon nach Individualität gesucht haben? Wären sie mal lieber zu Hause geblieben! Sie nutzen doch selber die Instrumente der Normalität? Geld zum Beispiel. Die Hosen die sie kaufen gehören vielleicht nicht zu einem Anzug – aber sie wurden in Fabriken zu tausenden hergestellt. Massenware. Was für Individualität ist das? Wer wirklich Individuell sein will, der lebt nackt im Wald und ernährt sich von geklauten Beeren. Er wäscht sich nur in Tümpeln und spricht keine Sprache. Sprache ist schließlich nicht Individuell genug – und wenn sie es wäre, würde einen niemand verstehen. Es lebe die Normalität denn die Individualität ist tot. Niemand will wirklich individuell sein. Das wäre sehr einsam.
4. Die Realität
Alzheimer, 17.05.2011
sieht doch meist anders aus: Auch Leute ohne Kinderstube machen Karriere, da sie als dynamische Macher gelten. Psychopathen, mit oder ohne Pferdeschwanz, werden als Genies gehandelt. Ordinäre Trampel bekommen tolle Männer u.s.w....
5. Was ist mit den Frauen...?
yast2000 17.05.2011
Was ist mit den Frauen, deren Selbstbewusstsein sich ausschließlich in der Fröhlichkeit von Clementine kurz nach dem Hauptwaschgang ausdrückt und deren ganze psychologische Lebensfahrung aus leicht faschistoiden Artikeln der 'Cosmopolitan' besteht? Wollen die denn so leben?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Sibylle Berg
Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: