S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Wir brauchen den Hass

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Sie fragen sich, woher all diese Wut kommt? Auf Sarrazin, auf Kracht, auf Stuttgart 21 und auf Wulff? Weil wir sie brauchen, diese Wut. Ganz einfach: Weil der Mensch nicht mehr ist als ein Tier mit einer Meinung.

Vor den gerodeten Bäumen des Stuttgarter Schlossgartens stehen fünf Menschen, sie haben grüne Luftballons in der Hand, es regnet, es ist kalt, und sie haben nichts erreicht. Die Erregung ging ins Leere, das große Gefühl endet mit einem Luftballon. Da wird nun ein hässliches Loch in der Stadt sein, über Jahre, und jeder Spaziergang an der Baustelle entlang wird Adrenalin freisetzen.

Ferner in dieser Woche: Ein Präsident, der einigen dann doch nicht passt, weil, egal. Dieser alberne Beruf des Kindergarten-Einweihers ist allein wegen des formidablen Jahreseinkommens ins kollektive Bewusstsein geraten. Bei Geld, das andere bekommen, ist der Ärger programmiert. Und.

Ein Autor hat ein neues Buch geschrieben und wurde in die braune Ecke gestellt. Bei brauner Ecke oder Geschlechtsverkehr-Verdacht mit Braunen ist das größtmögliche Interesse des deutschen Volkes gewährleistet, da rauscht es im Wald. Da genügen Überschriften, da muss man nicht mehr wissen. Ein Feuer, es brennt, hurra, da ist Leben drin, nur nicht nachfragen, nicht nachforschen, das ginge zu einfach. Ein Klick und da stünden Millionen Fakten, verzettelten sich im Nirgendwo, die Wut verrauchte, das will doch keiner. Ein Zuviel an Wissen verunmöglicht den Zorn.

Zur Erinnerung (und weil allein der Name so sinnlose Erregung produziert): Von 1000 Menschen, die Autor Sarrazin zutiefst hassten, hatten drei sein Sachbuch gelesen. Das macht doch auch keinen Spaß, diese buchhalterische Langeweile, immer dieses Gesicht mit dem Bart vor Augen. Das Elend der Menschen ist, dass sie Tiere mit einer Meinung sind. Und dass sie bereit sind, dafür zu töten, für dieses kleine Rauschen im Kopf.

Es gäbe Millionen interessanter Untersuchungsfelder. Die Wirkung von Drogen auf das menschliche Gehirn als Katalysator von Herrenmenschenphantasien wäre eines. Doch das ist zu unübersichtlich, da kennt man sich nicht aus. Und wo kämen wir hin, wenn alle den Gründen ihrer Wut, ihres so schön grollenden Gefühls, nachgingen. Was wäre das für eine langweilige Welt, was würde die Waffenindustrie machen, nicht auszuhalten der Verlust für die Volkswirtschaft. Wir brauchen den Hass, wir brauchen dringend Wut, sie treibt uns an, sie hält uns am Leben, am Konsumieren, am Demonstrieren, erreichen tut man nichts damit.

Die Ballons, der gerodete Schlosspark, sicher erreicht keiner etwas mit dieser Wut, die im All verraucht, und am Ende steht nur wieder ein Grabstein über einer Leiche. Ein Mensch war wütend und nun ist er von uns gegangen. Wie sie alle immer gehen, und keine Spuren hinterlassen. Außer einem Prozent hinterlässt doch keiner irgendetwas von Bedeutung, außer Dreck bleibt von den Menschen nichts. Außer zubetoniertem Mist bleibt nichts von uns. Damit muss man doch bitte mal zurechtkommen. Dass wir so vollkommen bedeutungslos sind und nicht einmal einen Baum retten können oder einen Präsidenten stellen.

Und darum wollen wir so wenig wissen wie möglich, um uns erregen zu können. Sehen Sie mich an, wie ich auf einem Stuhl stehe, und meinen Ärger in die Welt schreie, die sich weiterdreht.

Nicht einmal lächeln tut sie.

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insgesamt 167 Beiträge
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1. Gut!
jüttemann 25.02.2012
" Ein Zuviel an Wissen verunmöglicht den Zorn ..." Das bringt es auf den Punkt und könnte der Satz des Monats werden.
2.
eigentlicher_Schwan 25.02.2012
Zitat von sysopSie fragen sich, woher all diese Wut kommt? Auf Sarrazin, auf Kracht, auf Stuttgart 21 und auf Wulff? Weil wir sie brauchen, diese Wut. Ganz einfach: Weil der Mensch nicht mehr ist als ein Tier mit einer Meinung. Anatomie des Wut-Menschen: Wir brauchen den Hass - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816729,00.html)
Sehr, sehr gut, Frau Sibylle. Ich habe gegrinst wie ein Honigkuchenpferd.
3. ...
kuchenjohnny 25.02.2012
Frau Berg, Sie sind einfach nur eine Karrieristin. Sie schreiben das, was man von Ihnen verlangt und dafür werden Sie in Spon veröffentlicht. Wenn Sie wirklich kritisch schreiben würden, säßen Sie von heute auf morgen auf der Straße.
4. Zuviel Wissen
Ishibashi 25.02.2012
Zitat von jüttemann" Ein Zuviel an Wissen verunmöglicht den Zorn ..." Das bringt es auf den Punkt und könnte der Satz des Monats werden.
super !!! Nur ein Aspekt kam etwas zu kurz: subjektive ist trotzdem jeder der Wutbürger überzeugt alles viel besser zu Wissen.
5. Zorn
hajo58 25.02.2012
Zitat von sysopSie fragen sich, woher all diese Wut kommt? Auf Sarrazin, auf Kracht, auf Stuttgart 21 und auf Wulff? Weil wir sie brauchen, diese Wut. Ganz einfach: Weil der Mensch nicht mehr ist als ein Tier mit einer Meinung. Anatomie des Wut-Menschen: Wir brauchen den Hass - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816729,00.html)
Ich möchte einmal kurz erklären was ich bin: ich bin kein Radikaler, kein Anarchist, kein Verschörungstheoretiker, kein Linker und erst recht kein Rechter. Ich bin nicht wirklich arm und nicht wirklich reich, ich gehöre zur „sogenannten Mittelschicht“. Durch meine Arbeit, habe ich das System lange mit am Leben erhalten und habe festgestellt, dass ich dabei gar nicht so glücklich bin, manchmal sogar ein bisschen depressiv. I Ich gehöre zu all denen Systemtrotteln, die es schon lange statt haben, im Hamsterrad zu laufen und für all jenen, die vom System profitieren, den Deppen zu machen. Ich bin fast ein bisschen zornig und zwar deshalb, weil ich ständig angelogen werde, und keiner der Politiker, Politikerinnen den Mut hat uns die Wahrheit zu sagen, nämlich, dass uns das Wasser schon bis zum Hals steht und alle Systeme in einem künstlichen Wachkoma gehalten werden. Ich bin zornig, weil diese Politmarionetten offenbar ihre Aufgaben vergessen haben, nämlich uns, dem Volk zu dienen, und nicht gemeinsam mit den „Märkten“, den Banken und den Konzerne über uns zu herrschen. Und ich bin auch zornig, weil in der zweiten Reihe schon wieder die brauen Verführer warten und sich die Dummen greifen werden. Ich bin kein „Dummer“ ich bin einfach nur zornig, weil es in diesem Land keine wirkliche Pressefreiheit gibt, ich von abhängigen Medien mit geistigem Unrat oder Falschinformationen zu zugemüllt werde. Ich bin zornig, weil unsere Kinder kein Bildungssystem haben, sie haben ein Ausbildungssystem. Und diese Ausbildungssystem treibt sie genau in die selben Hamsterräder, in denen ich schon drin war, und bei denen die Drehzahl auch noch mächtig erhöht wurde und sie atemlos dem Herzkasper entgegen hetzen. Ich bin zornig, weil ich nicht am Ende meiner Tage an technische Geräte angeschlossen, durch Medikamente vergiftet, dahin vegetieren will um den Pharmakonzerne große Profite zu bescheren und so dem Bruttoinlandsprodukt zu dienen. Ich bin zornig, weil ich endlich aufgewacht bin und festgestellt habe, dass ich als Spielroboter gehalten werde, und Maschinen diene, und ich in Wirklichkeit ein freies Individuum bin. Aber am meisten ärgert es mich, wenn ich alle diese gleichgültigen und gutgläubigen Mitbürger sehe die den Profiteuren auch noch die Steigbügel halten und den Speichel lecken.
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