Eine Kolumne von Silke Burmester
Ihre Mutter, bekannt als Ehefrau von Helmut Kohl, war das Kind ihrer Zeit und des Frauenbilds der CDU: die Frau an seiner Seite. Oder besser: die Frau im Hintergrund.
Während Helmut Kohl zielstrebig und frei von Hemmungen seinen Aufstieg plante und später, als Ministerpräsident und Kanzler, mit seiner Büroleiterin in ferne Länder reiste, blieb Ihre Mutter, lieber Walter, lieber Peter, artig daheim, zog Sie groß und hielt den Saumagen bereit, falls der Gatte doch mal nach Hause käme. Sie saß fest in ihrem Oggersheimer Bungalow, hinter einer Betonmauer und Panzerglas, bewacht vom Staatsschutz, während er die Welt eroberte und sein Späßchen hatte. Gerüchte über ein Verhältnis mit der Büroleiterin Juliane Weber machten in der Bonner Republik die Runde. Jetzt haben Sie, verehrte Brüder Kohl, bekannt gemacht, dass Ihr Vater wohl schon seit den neunziger Jahren eine Liaison mit seiner jetzigen Ehefrau, Maike Richter-Kohl, gehabt haben soll.
2001 hat Ihre Mutter sich umgebracht, zuvor soll sie, die ihr Leben im Schatten des übermächtigen Mannes führte, unter einer Lichtallergie gelitten haben.
Angeblich wird Ihr Vater heute durch seine aktuelle Frau von allem abgeschirmt, Maike Richter-Kohl hat ihm in Oggersheim eine Art "Verlies der Liebe" gebaut. Sie soll einmal die Kleidung Ihrer Mutter getragen haben, und auch Sie, lieber Peter, lieber Walter, haben keinen Zugang mehr zu ihrem Vater.
Aus dem strahlenden Vorzeigeanhang um die einst geschmähte "Birne" ist die "Familie Fallobst" geworden.
Bei dem, was Sie zwei durchgemacht haben, kann ich gut verstehen, dass Sie das Bedürfnis haben, Ihre Mutter in Schutz zu nehmen und sie nicht als das Opfer Helmut Kohls im Bewusstsein der Menschen belassen zu wollen. "Würde" wollen Sie ihr geben, wenn sie schon selbst kapituliert hat. Und so werden Sie, liebe Herren, nicht müde, jetzt, zum 80. Geburtstag von Hannelore Kohl ein Bild aufzubauen, das uns die Frau hinter dem Einheitskanzler als moderne Kämpferin, ja geradezu als Jeanne d'Arc von Oggersheim zeigt.
Volumenfrisur à la Bovist
Zum Verständnis: Die Zeit, über die wir sprechen, sind die achtziger Jahre. Frauen hatten zu dieser Zeit in Deutschland wenig zu sagen und in der CDU schon mal gar nichts. Es war die Zeit, als konservative Bundesländer mit Stolz darauf verwiesen, keine Kindertagesstätten zu brauchen und Helmut Kohl eine 27-jährige Weltfremde in Rüschenbluse zur Jugend- und Familienministerin machte. Ein mit Mühe babbelnder Boris Becker, eine ehrgeizige Steffi Graf und die "Schwarzwald-Klinik" bestimmten das Bild von Deutschland in der Welt. Ein Deutschland, in dem junge Männer nicht richtig sprechen können, Siegerinnen verbissen sind und Vater und Sohn die führenden Ärzte stellen, während die Frauen als Krankenschwestern Patientenhände halten und bei guter Führung zur Ehefrau aufsteigen.
Ihre Komplettierung erfuhr die deutsche Biederkeit durch die Frau des Bundeskanzlers mit einer Volumenfrisur à la Bovist und breitem Lächeln. Sie ließ sich mit Rehkitz fotografieren und mit ihrem Mann, immer rund um den österreichischen Wolfgangsee, propper verpackt im Trachtenjanker. Sie wäre so gern einmal dorthin gereist, wo es warm ist und keine Fotografen lauern, nach Italien zum Beispiel. Aber er, das war auch klar, hatte das letzte Wort.
Immer mehr Medien singen das Lied der tapferen Hannelore
In der Zeit, als deutschlandweit Frauen gegen den Paragrafen 218 kämpften, für das Recht auf den eigenen Namen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sprach Hannelore Kohl über die Zubereitung von Saumagen und widmete sich Kranken. Helmut Kohl stößt sie durch seine Ignoranz und seinen Machtanspruch immer wieder vor den Kopf. Ignoriert ihre Wünsche nach Familienleben und Zuwendung und inszeniert seine Familie als Fototapete für seine Karriere. Hannelore Kohl erduldet das. Stützt ihn, steht an seiner Seite, tut, was sie kann, um ihn oben zu halten. Der Song "Stand by Your Man" findet in dieser dem Manne dienenden Frau seine vollendete Entsprechung. Sein Glück ist ihr Glück. Als die CDU infolge der Parteispendenaffäre um Helmut Kohl zu einer Strafe von 6,3 Millionen Mark verdonnert wird, sitzt sie am Telefon und bettelt das Geld zusammen. Sehr hatte sie gehofft, er käme nach seiner Wahlniederlage 1998 zu ihr, damit das Leben ein gemeinsames sein könne. Helmut Kohl zog lieber nach Berlin.
Wissen Sie, was das Irrste an Ihrem Aktionismus ist, liebe Brüder Kohl, und weswegen ich nicht umhinkomme, Bewunderung für Sie zu empfinden? Die Leute kaufen Ihnen Ihre Geschichte ab! Immer mehr Medien singen das Lied der tapferen Hannelore, der selbstbewussten Frau, die irgendwie scheitern musste. Wegen einer schlimmen Lichtallergie und ja, auch wegen eines Ehemannes, der am Ende vielleicht nicht besser war als all diese Ehemänner, die unter dem Vorwand des Berufs ihre Frauen in ihrem Alltag sitzen lassen, um in einer anderen Stadt ein anderes Leben zu führen. Vielleicht sogar mit einer anderen Frau. So, wie nun Heino Lieder von den Ärzten singt und damit "cool" sein soll, wollen Sie Ihre Mutter zur großen Deutschen stilisieren. Obschon jenseits der persönlichen Erinnerung ihrer Freunde und Familie bisher vielen Menschen nicht mehr von ihr in Erinnerung blieb als eine Stiftung und die Kochbücher "Was Journalisten anrichten" und "Kulinarische Reise durch deutsche Lande".
Erste Blätter übernehmen den Tenor der Heldinnensaga und setzen den Imagefeldzug, den Sie, Peter Kohl, mit Ihrem Buch über Ihre Mutter 2002 begründeten, fort. Auch Markus Lanz ist ganz hin und weg: "Die deutsche Öffentlichkeit hat Ihre Mutter aus vielerlei Gründen auf eine sehr interessante Art und Weise in ihr Herz geschlossen. Wirklich umarmt. Das kann man jederzeit fühlen", schwurbelt er in seiner Sendung mit Ihnen beiden als Gästen. Und das war erst die erste Sendung. Ihr Feldzug, aus einer braven, angepassten, sich unterordnenden Ehefrau eine Art Hildegard von Bingen zu machen, geht ja weiter.
Hannelore Kohl war sicherlich auf eine persönliche Art tapfer, nichtsdestotrotz wird sie für viele emanzipierte und Deutschland-kritische Frauen und Männer nicht als "Große Deutsche" ins kollektive Geschichtsgedächtnis eingehen. Ihre Mutter, verehrte Herren Kohl, war eine Frau im Schatten ihres Mannes.
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