S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Verehrte Brüder Kohl!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Peter und Walter Kohl bei Markus Lanz: Mutter Hannelore in Schutz nehmenZur Großansicht
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Peter und Walter Kohl bei Markus Lanz: Mutter Hannelore in Schutz nehmen

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann Söhne wie Sie zu haben! Vielleicht nicht in der Form, aber im Format. Männer, die zwölf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter dafür kämpfen, dass sie als das gesehen wird, was sie wohl nie war: eine autonome, emanzipierte Frau.

Ihre Mutter, bekannt als Ehefrau von Helmut Kohl, war das Kind ihrer Zeit und des Frauenbilds der CDU: die Frau an seiner Seite. Oder besser: die Frau im Hintergrund.

Während Helmut Kohl zielstrebig und frei von Hemmungen seinen Aufstieg plante und später, als Ministerpräsident und Kanzler, mit seiner Büroleiterin in ferne Länder reiste, blieb Ihre Mutter, lieber Walter, lieber Peter, artig daheim, zog Sie groß und hielt den Saumagen bereit, falls der Gatte doch mal nach Hause käme. Sie saß fest in ihrem Oggersheimer Bungalow, hinter einer Betonmauer und Panzerglas, bewacht vom Staatsschutz, während er die Welt eroberte und sein Späßchen hatte. Gerüchte über ein Verhältnis mit der Büroleiterin Juliane Weber machten in der Bonner Republik die Runde. Jetzt haben Sie, verehrte Brüder Kohl, bekannt gemacht, dass Ihr Vater wohl schon seit den neunziger Jahren eine Liaison mit seiner jetzigen Ehefrau, Maike Richter-Kohl, gehabt haben soll.

2001 hat Ihre Mutter sich umgebracht, zuvor soll sie, die ihr Leben im Schatten des übermächtigen Mannes führte, unter einer Lichtallergie gelitten haben.

Angeblich wird Ihr Vater heute durch seine aktuelle Frau von allem abgeschirmt, Maike Richter-Kohl hat ihm in Oggersheim eine Art "Verlies der Liebe" gebaut. Sie soll einmal die Kleidung Ihrer Mutter getragen haben, und auch Sie, lieber Peter, lieber Walter, haben keinen Zugang mehr zu ihrem Vater.

Aus dem strahlenden Vorzeigeanhang um die einst geschmähte "Birne" ist die "Familie Fallobst" geworden.

Bei dem, was Sie zwei durchgemacht haben, kann ich gut verstehen, dass Sie das Bedürfnis haben, Ihre Mutter in Schutz zu nehmen und sie nicht als das Opfer Helmut Kohls im Bewusstsein der Menschen belassen zu wollen. "Würde" wollen Sie ihr geben, wenn sie schon selbst kapituliert hat. Und so werden Sie, liebe Herren, nicht müde, jetzt, zum 80. Geburtstag von Hannelore Kohl ein Bild aufzubauen, das uns die Frau hinter dem Einheitskanzler als moderne Kämpferin, ja geradezu als Jeanne d'Arc von Oggersheim zeigt.

Volumenfrisur à la Bovist

Zum Verständnis: Die Zeit, über die wir sprechen, sind die achtziger Jahre. Frauen hatten zu dieser Zeit in Deutschland wenig zu sagen und in der CDU schon mal gar nichts. Es war die Zeit, als konservative Bundesländer mit Stolz darauf verwiesen, keine Kindertagesstätten zu brauchen und Helmut Kohl eine 27-jährige Weltfremde in Rüschenbluse zur Jugend- und Familienministerin machte. Ein mit Mühe babbelnder Boris Becker, eine ehrgeizige Steffi Graf und die "Schwarzwald-Klinik" bestimmten das Bild von Deutschland in der Welt. Ein Deutschland, in dem junge Männer nicht richtig sprechen können, Siegerinnen verbissen sind und Vater und Sohn die führenden Ärzte stellen, während die Frauen als Krankenschwestern Patientenhände halten und bei guter Führung zur Ehefrau aufsteigen.

Ihre Komplettierung erfuhr die deutsche Biederkeit durch die Frau des Bundeskanzlers mit einer Volumenfrisur à la Bovist und breitem Lächeln. Sie ließ sich mit Rehkitz fotografieren und mit ihrem Mann, immer rund um den österreichischen Wolfgangsee, propper verpackt im Trachtenjanker. Sie wäre so gern einmal dorthin gereist, wo es warm ist und keine Fotografen lauern, nach Italien zum Beispiel. Aber er, das war auch klar, hatte das letzte Wort.

Immer mehr Medien singen das Lied der tapferen Hannelore

In der Zeit, als deutschlandweit Frauen gegen den Paragrafen 218 kämpften, für das Recht auf den eigenen Namen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sprach Hannelore Kohl über die Zubereitung von Saumagen und widmete sich Kranken. Helmut Kohl stößt sie durch seine Ignoranz und seinen Machtanspruch immer wieder vor den Kopf. Ignoriert ihre Wünsche nach Familienleben und Zuwendung und inszeniert seine Familie als Fototapete für seine Karriere. Hannelore Kohl erduldet das. Stützt ihn, steht an seiner Seite, tut, was sie kann, um ihn oben zu halten. Der Song "Stand by Your Man" findet in dieser dem Manne dienenden Frau seine vollendete Entsprechung. Sein Glück ist ihr Glück. Als die CDU infolge der Parteispendenaffäre um Helmut Kohl zu einer Strafe von 6,3 Millionen Mark verdonnert wird, sitzt sie am Telefon und bettelt das Geld zusammen. Sehr hatte sie gehofft, er käme nach seiner Wahlniederlage 1998 zu ihr, damit das Leben ein gemeinsames sein könne. Helmut Kohl zog lieber nach Berlin.

Wissen Sie, was das Irrste an Ihrem Aktionismus ist, liebe Brüder Kohl, und weswegen ich nicht umhinkomme, Bewunderung für Sie zu empfinden? Die Leute kaufen Ihnen Ihre Geschichte ab! Immer mehr Medien singen das Lied der tapferen Hannelore, der selbstbewussten Frau, die irgendwie scheitern musste. Wegen einer schlimmen Lichtallergie und ja, auch wegen eines Ehemannes, der am Ende vielleicht nicht besser war als all diese Ehemänner, die unter dem Vorwand des Berufs ihre Frauen in ihrem Alltag sitzen lassen, um in einer anderen Stadt ein anderes Leben zu führen. Vielleicht sogar mit einer anderen Frau. So, wie nun Heino Lieder von den Ärzten singt und damit "cool" sein soll, wollen Sie Ihre Mutter zur großen Deutschen stilisieren. Obschon jenseits der persönlichen Erinnerung ihrer Freunde und Familie bisher vielen Menschen nicht mehr von ihr in Erinnerung blieb als eine Stiftung und die Kochbücher "Was Journalisten anrichten" und "Kulinarische Reise durch deutsche Lande".

Erste Blätter übernehmen den Tenor der Heldinnensaga und setzen den Imagefeldzug, den Sie, Peter Kohl, mit Ihrem Buch über Ihre Mutter 2002 begründeten, fort. Auch Markus Lanz ist ganz hin und weg: "Die deutsche Öffentlichkeit hat Ihre Mutter aus vielerlei Gründen auf eine sehr interessante Art und Weise in ihr Herz geschlossen. Wirklich umarmt. Das kann man jederzeit fühlen", schwurbelt er in seiner Sendung mit Ihnen beiden als Gästen. Und das war erst die erste Sendung. Ihr Feldzug, aus einer braven, angepassten, sich unterordnenden Ehefrau eine Art Hildegard von Bingen zu machen, geht ja weiter.

Hannelore Kohl war sicherlich auf eine persönliche Art tapfer, nichtsdestotrotz wird sie für viele emanzipierte und Deutschland-kritische Frauen und Männer nicht als "Große Deutsche" ins kollektive Geschichtsgedächtnis eingehen. Ihre Mutter, verehrte Herren Kohl, war eine Frau im Schatten ihres Mannes.

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insgesamt 97 Beiträge
rhatt 03.03.2013
Die von Ihnen angesprochene 27-jährige weltfremde Familienministerin in Rüschenbluse (Claudia Nolte) ist wohl eher in die neunziger Jahre einzuordnen, ansonsten trifft die Kolumne aber den Kern. Hannelore Kohl als Heroin [...]
Die von Ihnen angesprochene 27-jährige weltfremde Familienministerin in Rüschenbluse (Claudia Nolte) ist wohl eher in die neunziger Jahre einzuordnen, ansonsten trifft die Kolumne aber den Kern. Hannelore Kohl als Heroin "hochzusterilisieren" (um mal einen bekannten Fußballer zu zitieren) ist absolut lächerlich.
erlenstein 03.03.2013
So habe ich das auch empfunden, bei diesem "Eiertanz bei Lanz", der Versuch Hannelore Kohl, die ein sehr altes überholtes Frauenbild verkörperte, aus eben dieser Ecke zu holen. Heribert Schwan hat ja das bessere [...]
Zitat von sysopWenn ich mir was wünschen dürfte, dann Söhne wie Sie zu haben! Vielleicht nicht in der Form aber im Format. Männer, die zwölf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter dafür kämpfen, dass sie als das gesehen wird, was sie wohl nie war: eine autonome, emanzipierte Frau. S.P.O.N. - Helden der Gegenwart - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-helden-der-gegenwart-a-886459.html)
So habe ich das auch empfunden, bei diesem "Eiertanz bei Lanz", der Versuch Hannelore Kohl, die ein sehr altes überholtes Frauenbild verkörperte, aus eben dieser Ecke zu holen. Heribert Schwan hat ja das bessere Hannelore-Buch geschrieben mit vielen erhellenden Details und wahrscheinlich auch mehr Hintergrundinformationen, die ihm gerade jetzt versucht werden abzusprechen. Persönliche informatione kann man oft nicht beweisen. Dass Peter Kohl nun versucht sein altes Buch wieder zu verkaufen mit der "Enthüllung", dass Helmut Kohl schon in den 90ern ein Verhältnis mit Maike Richter hatte, ist ja nun auch bezeichnend. Auch treibt die Brüder Angst vor Enterbung und die Sorge um den Familienschmuck um. Das Schicksal der Hannelore Kohl zeigt eins sehr deutlich, wenn Frauen sich zum vermeintlichen Wohl des Mannes bzw. der Familie aufgeben, wird ihnen das letztendlich nicht gedankt bzw. für sie zu spät.
Annabelle1811 03.03.2013
aber es stimmt. Und die Herren Kohl wollen wohl nicht in erster Linie wegen der Mutter auf die Barrikaden gehn, sondern weil sie nicht mehr an den Vater und somit auch nicht an den Familienschmuck (seit 5 Generationen [...]
aber es stimmt. Und die Herren Kohl wollen wohl nicht in erster Linie wegen der Mutter auf die Barrikaden gehn, sondern weil sie nicht mehr an den Vater und somit auch nicht an den Familienschmuck (seit 5 Generationen weitervergeben) rankommen. Den trägt die neue Frau jetzt auf und behält ihn wohl. Von der Körpersprache her hatte ich das Gefühl bei Markus Lanz, vor mir sitzt Helmut Kohl in jünger. Der eine Bruder blinzelt genauso wie Helmut Kohl, wenn er sein Ehrenwort erwähnte und nichts aussagen konnte. Der andere Bruder legt den Kopf genauso schief wie sein Vater. Auch in der körperlichen Statur erinnern sie mich sehr an den Vater Kohl. Ich nehme ihnen ihr Anliegen nicht ab. Ich frage mich, wo waren die Söhne, als die Mutter noch lebte? Hat sich da einer um sie gekümmert? Nein, sie haben auch ihr eigenes Leben gelebt wie der Vater. Die arme Mutter hatte nur die Dienerschaft, die Söhne und der Ehemann hatten Wichtigeres zu tun.
rokitansky 03.03.2013
Hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau. Die beiden Söhne tun mir einfach nur leid, sie beweisen leider wieder einmal nur die seit vielen Jahrtausende geltende Weisheit: Starker Vater, schwache Söhne. Niemand sah [...]
Zitat von sysopWenn ich mir was wünschen dürfte, dann Söhne wie Sie zu haben! Vielleicht nicht in der Form aber im Format. Männer, die zwölf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter dafür kämpfen, dass sie als das gesehen wird, was sie wohl nie war: eine autonome, emanzipierte Frau. S.P.O.N. - Helden der Gegenwart - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-helden-der-gegenwart-a-886459.html)
Hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau. Die beiden Söhne tun mir einfach nur leid, sie beweisen leider wieder einmal nur die seit vielen Jahrtausende geltende Weisheit: Starker Vater, schwache Söhne. Niemand sah und sieht Frau Hannelore Kohl als das Heimchen hinter dem Herd. Frau Kohl war eine starke Frau, die ihrem Mann den Rücken frei hielt und viele Opfer auf sich nahm, aber zum Schluß für Sie aufgeklärte arme emanzipierte Frau: Woher wollen Sie denn wisssen, dass sich Frau Kohl im Schatten ihres Mannes nicht wohl gefühlt hat? Vielleicht hätten Sie einen Blick in Wiki werfen sollen, bevor Sie ein Urteil über diese Frau, die so viel Leid erfahren mußte, abgeben. Frau Kohl war eine große Deutsche und sie hat das Schicksal vieler deutscher Mädchen erleiden müssen und das wird sie für ihr Leben geprägt haben. Schauens in Wiki nach! Und die Brüder? Na ja, heute ist es ja modern, sein Innerstes vor der Öffentlichkeit nach außen zu kehren, widerlich! Der arme Helmut Kohl!
Es liegt in der Seele der Deutschen ihre grossen Staatsmänner wegen den paar Fehlern zu verurteilen die sie begangen haben anstatt sie an dem Grossen zu messen das Sie geleistet haben. Alle Europäer wissen was Helmut Kohl in [...]
Es liegt in der Seele der Deutschen ihre grossen Staatsmänner wegen den paar Fehlern zu verurteilen die sie begangen haben anstatt sie an dem Grossen zu messen das Sie geleistet haben. Alle Europäer wissen was Helmut Kohl in seiner Zeit geleistet hat, nur die Deutschen meckern nur rum an dem Mann der sich für sein Land aufgerieben hat. Dass Er in der Zeit auch noch Mensch war mit all seinen guten und vielleicht weniger guten Seiten, das scheint nicht zu interessieren. Die Devise in Deutschland scheint nur noch zu lauten "Lasst uns Monumente einreissen, an jedem Fundament kann man solange herumkratzen bis alles zusammenbricht". Wem nutzt sowas, als wäre Helmut Kohls Frau ein willenloses Püppchen gewesen das nicht selbst hätte sein Schicksal in eine andere Richtung führen können?
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  • Sonntag, 03.03.2013 – 10:27 Uhr
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