S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Abschied vom Folklore-Mischi-Maschi

Eine Kolumne von Silke Burmester

Es war ein Satz für die Geschichtsbücher: "We wish you well", gab Britanniens Premier Cameron seinen Kollegen nach dem Euro-Gipfel mit auf den Weg. Selten haben Worte mehr Freude versprochen. Nun wird das Königreich vielleicht wieder wie früher: schrullig.

Sehr geehrter Premierminister Cameron,

auf das Herzlichste möchte ich mich bei Ihnen bedanken! Ihr "No!" zu den Rettungsplänen der EU-Staaten mag Ihnen zwar aktuell und wohl auch in Zukunft gehörig um die Ohren fliegen, aber für mich, die ich mich als eine große Liebhaberin Ihres Landes bezeichnen möchte, ist es eine Befreiung.

Viel zu lang haben Sie sich unter der Knute der EU - Gurken- und Kinderbuchrichtlinien und Glühbirnendiktat - klein gemacht, viel zu lang haben Sie sich gängeln lassen von Normen und Verträgen, die einer einstigen Weltmacht wie der Ihren nicht würdig ist.

Sehen Sie, ich hatte das Glück zur Zeit der Eisernen Lady in Ihrem Land zu leben und war in diesen jungen Jahren sehr beeindruckt, mit welcher Kühle Margarete Thatcher das Land spaltete und die Arbeiterklasse in die Knie zwang. Auch ihr war es egal, wie sie nach außen hin dastand, dass ihr Aktivismus vor allem innerhalb der wohlhabenden Klasse Anklang fand und sie eine ganze Bevölkerungsschicht um ihre Würde brachte. Und nun Sie, verehrter Mr. Cameron. Auch Sie gehen den Schritt der klaren Ansage und verabschieden sich vom europäischen Folklore-Mischimaschi, in dem sich alle lieb haben und man so tut, als spiele man auch gern mit den Schmuddelkindern. Den Griechen, Portugiesen, Italienern und Spaniern. Und dabei so tut, als würde deren Armut nicht müffeln. Sie, Mr. Cameron, sagen einfach "Nein!" und bugsieren Ihr Land endlich wieder dorthin, wo es seinen Charme am besten entfaltet: in die Isolation.

Erbsen, Zwiebeln. Was sonst?

Das Großbritannien meiner Jugend wurde mit der Fähre "Prinz Hamlet" von Hamburg aus in 21 Stunden erreicht. Man kannte dieses Königreich aus der "After Eight"-Reklame, der TV-Serie "Haus am Eaton Place", die im Original bezeichnenderweise "Upstairs, Downstairs" heißt und musikalisch durch den Punk. Und natürlich durch Monty Python, wodurch man auf alles vorbereitet war, was Ihr Königreich so auszeichnet: sture alte Damen, eigenartige Ministerien, Papageien und natürlich formvollendetes Schlangestehen. Ihre Landsleute sprachen stets vom "Kontinent", wenn sie Europa meinten und außer Erbsen, Zwiebeln und diversen Kohlarten war Gemüse unbekannt. Auf die Busse konnte man noch aufspringen und kein Mensch wäre je auf die Idee gekommen, sich eine europäische Metropole anzusehen, nur so aus Interesse.

Das alles ist in den letzten 20 Jahren verloren gegangen. Ihre schönen, verqueren Traditionen sind zusehends den globalen Verhaltensstandards vom Vordrängeln, vom Verzehr eines Croissants statt Porridge gewichen, die Menschen haben aus ihrer schönen Hauptstadt eine Art Disney-Park unter der Leitung von McDonalds gemacht, das Britische muss man suchen. Einzig das Geld, Ihr schönes Pfund, erinnert einen noch daran, Gast in einem Land zu sein, dessen Traditionen lange Zeit die Identität begründete und das stets den letzten Schritt zur Anpassung mied.

Und jetzt kommen Sie! Wie Supermann mit bloßen Händen die Eisenbahn stoppt, die auf die marode Brücke zu fahren droht, halten Sie den europäischen Rettungsshuttle ganz allein auf. Ein Wort von Ihnen reicht, und all das woran Ihre Kolleginnen und Kollegen fieberhaft gearbeitet haben, am Katalog, der die EU-Länder zu mehr Haushaltsdisziplin zwingen soll, ist Makulatur. "Nein!" bzw. "No!" haben Sie gesagt und selten hat ein Wort mehr Freude versprochen. Denn nun wird Great Britain vielleicht wieder zu dem, woraus das Liebenswerte erwächst, das Ihr Land einst kennzeichnete: schrullig.

Ich stelle mir das so vor: Sie scheren aus dem ganzen aktuellen EU-Zeugs aus. Weil nun das Kind schon im Brunnen ist und Ihnen Ihre Tory-Kollegen, denen der ganzen EU-Quatsch eh schon immer suspekt war, auf die Schulter klopfen, beginnen Sie laut über einen Ausstieg aus der europäischen Gemeinschaft nachzudenken.

Und dann: Bye-Bye zur Europäischen Union

Urheberrechts-, Aufzugs- oder Kosmetikrichtlinie - die Briten würden mit dem Bye-Bye zur Europäischen Union die Autonomie über die Gestaltung des insulanen Miteinanders zurückgewinnen. Angela Merkel würde öfters in Nazi-Uniform die Blätter, allen voran die Rupert Murdochs zieren, die Fernsehsender wieder verstärkt Zweiter-Weltkrieg-Filme zeigen und statt ins Ausland zu reisen, entdeckten die Briten, wie schön es in der Heimat ist. Das wäre auch schön cheap, denn die Flüge auf den Kontinent hingegen ungemein teuer, in spanischen Ferienorten hätte man eine "Brit-Steuer" erhoben.

Da Ihnen Ihre Politik von unfähiger Seite als arrogant ausgelegt und als Affront verstanden wird, schwindet die Begeisterung für das Britische in Europa und viele Fabrikanten blieben auf ihrem Shortbread sitzen. Kaum ein Europäer hätte in den ersten Jahren nach dem verordneten Rückzug Großbritanniens aus der EU noch Interesse an Ihrem Land. McDonalds-Filalen müssten schließen, unverkaufte Prinz-William-Teller dem Recyclingkreislauf zugeführt werden und die Königin infolge gesunkener Steuereinnahmen stärker auf den Verkauf selbstgepressten Apfelsaftes setzen. Und das Volk? Das kehrte zunehmend zu dem zurück, was sich vor der globalen Invasion bewährt hatte: Haferflocken in Wasser zum Frühstück, zur lustigen Fuchsjagd blasen, Kampfhandlungen um 17 Uhr aussetzen, um eine gute Tasse Tee zu trinken. Mit Milch und Zucker versteht sich, damit die schlechte Qualität, die der Engländer traditionell aufbrüht, überhaupt genießbar ist.

Und dann wären wir wieder dran. Wir, die Liebhaber des verqueren, des verschrobenen Königreichs, das seine Identität unter der globalen Knute zunehmend verloren hatte. Mit Freude würden wir über den Ärmelkanal schippern - der Betrieb des Tunnels wurde mangels Nachfrage eingestellt - und auf eine Insel kommen, deren Bewohner wieder stolz sind auf ihr Empire. Und wem werden wir das zu verdanken haben? Ihnen, Premier Cameron! Schon jetzt möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen. Ich bin mir sicher, man wird Ihnen huldigen. Eine Rose nach Ihnen benennen oder eine Straße. Zumindest eine Einbahnstraße sollte wohl drin sein.

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insgesamt 206 Beiträge
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1. ein Wunsch
hashemliveloirah 11.12.2011
Zitat von sysopEs war ein Satz für die Geschichtsbücher: "We wish you well", gab Britanniens Premier Cameron seinen Kollegen nach dem Euro-Gipfel mit auf den Weg. Selten haben Worte mehr Freude versprochen. Nun wird das Königreich vielleicht wieder wie früher: schrullig. Europa-Flüchtling*Cameron: Abschied vom Folklore-Mischi-Maschi - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,802984,00.html)
Hätte ich derzeit einen Wunsch frei, dann wünschte ich Deutschland in die gleiche "Isolation" wie die armen Briten. Nein, keine Prognose, der falschen Propheten sind auch hier genug: Wem da was "um die Ohren fliegen wird?" Wait and see!
2. Abwarten und ...
47/11 11.12.2011
Zitat von hashemliveloirahHätte ich derzeit einen Wunsch frei, dann wünschte ich Deutschland in die gleiche "Isolation" wie die armen Briten. Nein, keine Prognose, der falschen Propheten sind auch hier genug: Wem da was "um die Ohren fliegen wird?" Wait and see!
... Tee trinken, könnte man auch sagen . Das schlechteste wäre es nicht, besser jedenfalls als der hirnlose Aktionismus der übrigen EURO-kraten . Hätte Deutschland früher auch so gehandelt, wer weis , ob es zum Nazireich gekommen wäre . Überschwängliche Begeisterung trübt offensichtlich den Blick, " Personenkult " und " Ideologiebegeisterung " führen zuoft ins Chaos .
3. Hervorragend!
Fidel Castro 11.12.2011
Zitat von sysopEs war ein Satz für die Geschichtsbücher: "We wish you well", gab Britanniens Premier Cameron seinen Kollegen nach dem Euro-Gipfel mit auf den Weg. Selten haben Worte mehr Freude versprochen. Nun wird das Königreich vielleicht wieder wie früher: schrullig. Europa-Flüchtling*Cameron: Abschied vom Folklore-Mischi-Maschi - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,802984,00.html)
Ein hervorragender Beitrag. Ich gratuliere der Autorin und dem Spiegel dazu. Es wird Zeit, den Fehler der Aufnahme der Briten, den Nachfolgefehler des Nachgebens gegenüber den Anmaßungen der Maggie Thatcher und den Fehler der bisherigen Akzeptanz des Rosinenpickens (der leider auch gegenüber dem Nicht-Mitglied Schweiz in den bilateralen Verträgen akzeptiert wird) endlich zu korrigieren. Die Briten mögen sich um die Aufnahme als US-Bundesstaat bemühen. Da passen sie besser hin.
4. Nein,
bomdia 11.12.2011
Zitat von hashemliveloirahHätte ich derzeit einen Wunsch frei, dann wünschte ich Deutschland in die gleiche "Isolation" wie die armen Briten.!
keinesfalls wünschte ich das. Es wäre sehr ,sehr traurig und würde uns zurück in die "Kleinstaaterei" führen
5. Ist das nicht ein bisschen Besserwisserisch?
hienstorfer 11.12.2011
Es ist noch gar nicht lange her, da haben sehr viele SPON Autoren über die Überheblichkeit, den Großmacht-Dünkel der Deutschen geschrieben. Nun zieht man über die Briten her, auf einer überheblichen großmauligen Art und Weise, die uns Deutschen meines Erachtens nicht zusteht. Viele Europäische Länder sind gegen den Zentralismus, den viele vertreten. *Jeder Europäer, der gegen den Zentralismus und für mehr Förderalismus ist, der wird als Nationalist beschimpft.* * Das ist absolut inakzeptabel!* Es gibt viele Länder zu gute Gründe hatten, dem Euro und dem damit verbundenen Zentralismus nicht beizutreten. Die gemeinsame Währung hat nicht nur Vorteile - wie wir heute wissen. Ist Tschechien böse und nationalistisch, weil es nicht den Euro hat?
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