Eine Kolumne von Silke Burmester
Sehr geehrter Herr Dr. Ramsauer,
wahrscheinlich haben Sie schon bemerkt, dass es nicht so einfach ist, mich zu beeindrucken. Ich bin eine norddeutsche Sturnatur, ein Fischkopp, und bevor mich etwas aus der Ruhe bringt, muss schon was passieren. Oder einer daherkommen. Ein gewachsenes Mannsbild, so wie Sie eines sind. Mit kernigem Kopf und strammer Wade. Ein Bayer halt, aus dem hintersten Zipfel der Republik, dort wo die deutsche Tanne in den österreichischen Wald hineinwächst.
Was Ihnen gelungen ist, haben weder die Dänen noch die Schweinswal-Aktivisten geschafft: "Revolution in Flensburg".
Die Presse war voll davon vergangene Woche, selbst die träge "ADAC Motorwelt" hat die Zeile auf dem Titel. Und wie meist, wenn es um radikale Umbrüche geht, gibt es ein Lager der Befürworter und eines der Gegner der Revolution.
Ich halte mich da jetzt mal raus, möchte mir kein Urteil anmaßen, ob ein reformiertes Punktesystem für Verkehrssünder die Idioten zur Vernunft bringt und es das Überqueren von Zebrastreifen sicherer macht. Interessant ist für mich, das gebe ich zu, dass es nicht länger Punkte für im Straßenverkehr ausgesprochene Beleidigungen gibt. Aber Sie ordnen die Punkte ja nicht meinetwegen neu, sondern der Sicherheit wegen. Deshalb können Sie dieses Vorhaben von mir aus kippen, falls Sie noch Verhandlungsmasse brauchen, selbst wenn ich Ihnen jetzt noch einmal deutlich sage, was für ein fescher Mann Sie doch sind, mit Ihrer hohen Stirn und den blauen Augen. Augen, die an das Blau des Bayerischen Himmels erinnern, wo die Adler fliegen und es keine Mücken mehr gibt. Aber jetzt lenken Sie mich ab, von dem, was ich noch sagen wollte. Denn neben Ihrer Leistung, in der vom Dunst ausgenommener Fische traktierten, beschaulichen Grenzstadt, mit ihren kreischenden und kotenden Möwen, eine Stadt, die man lange Zeit vor allem mit Beate Uhse in Verbindung brachte, eine Revolution loszutreten, gefällt mir vor allem das kreative Potential, mit dem Sie die Autofahrer zu erreichen versuchen.
Der "Tacho-Peter" und sein "Punkte-Tacho"
Sie, ein aufstrebender CSU-Parteigenosse aus Ihrem Ministerium oder eine Kreativagentur, die Sie damit beauftragt haben, eine optische Umsetzung Ihrer Pläne zu finden, hatten die clevere Idee, das neue Punktesystem mit Hilfe eines mehrfarbigen Tachos darzulegen. Und das finde ich besonders toll. Sie und ich wissen, Autofahrer sind nicht immer besonders clever. Vor allem viele Männer sind, wenn es nach Treten des Gaspedals laut "brumm, brumm" macht, bereits durch direkte Ansprache, Kommunikation durch Mimik, Blickkontakt oder auch die Aussage von Verkehrshinweisen nicht mehr zu erreichen. Reaktionen folgen häufig nur, wenn der Kommunikationsversuch Anderer auf ähnlicher Ebene erfolgt. Etwa durch das Aufheulen lassen des Motors an der Ampel, eindringliches Hupen oder gekonntes Anfahren mit Quietschgeräusch.
Die Darstellung der neuen Punkteordnung in Form eines Tachos, eingeteilt in ein Farbsystem, das von "Vormerkung" über "Verwarnung" bis zu "Entzug" (des Führerscheins, Anm. der Redaktion) reicht, ist genau das richtige Werkzeug, um auch diejenigen zu erreichen, die für Zwischentöne verloren sind.
Bis auf die Farbe Schwarz, die den Führerscheinentzug symbolisieren soll, sind die Farben den Autofahrern und Autofahrerinnen aus ihrer Fahrpraxis vertraut: Es sind die Ampelfarben Grün, Gelb und Rot. Den Farben ist eine Zahl von zu erlangenden Verkehrspunkten und die entsprechende Verwarnstufe zugeteilt, die auch den Brumm-Brumm-Kandidaten unmissverständlich zu verstehen gibt, wo sie gerade stehen. "Punkte-Tacho" nennen Sie dieses anschauliche Modell und ich bin mir sicher, dass Sie mit dieser revolutionären Idee als "Tacho-Peter" in die Geschichte eingehen, zumindest in die der Verkehrsminister.
Eines macht mir - bei aller Bewunderung für so viel Raffinesse - jedoch Kopfzerbrechen. Die Rot-Grün-Blindheit. Vor allem Männer leiden unter dieser Fehlsichtigkeit. Sie können die Farben einfach nicht erkennen. Etwa neun Prozent aller Männer können einen grünen Apfel nicht von einem roten unterscheiden, genau wie das rote vom grünen Ampellicht. Sie müssen gucken, auf welchem Täfelchen das Licht leuchtet.
Haben Sie, werter Herr Ramsauer, das bedacht? Ich befürchte, nicht. Ich glaube, hier müssen Sie nachbessern. Im Internet könnte der Punkte-Tacho ohne Probleme mit Tönen kombiniert werden. Berührt man das jeweilige Feld mittels des Cursors, erklingen bekannte Geräusche aus dem Straßenverkehr. Vom leichten "Brumm"-Ton über ein dumpfes "Brumm, Brumm" bis hin zum Aufprall mit Totalschaden. Das versteht wirklich jeder.
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