Eine Kolumne von Silke Burmester
Lieber Christian,
ich weiß, ich oute mich in gewissen Kreisen als Langweilerin, wenn ich zugebe, ein Faible für Sie zu haben. Schließlich ist der Pokal des Hot shots bereits weitergereicht, kann man mit dem Bekenntnis zu Ihnen keinen Blumentopf mehr gewinnen. Aktuell, zum internationalen Film-Tamm-Tamm, ist vielmehr Ryan Gosling angesagt. Auch Shahrukh Khan gilt als heißer Scheiß. Aber ich hatte schon immer etwas übrig für den leicht klemmigen Charme, der Sie kennzeichnet, für dieses verhaltene Etwas, das so wunderbar mit der akkuraten Oberfläche korrespondiert.
Und das ist genau das, was Sie und mich eint. Und uns so gut zusammenpassen lässt - wir sind anders. Toben nicht wie alle anderen dem Neuesten hinterher, sondern halten an dem fest, was uns geformt hat. Auch auf die Gefahr hin, als altmodisch zu gelten. Sie etwa verzichten auf die Annehmlichkeiten des modernen Zahlungsverkehrs und geben das Geld, das sie einem Freund für den gemeinsamen Urlaub schulden, in bar zurück. Sie kennen keine Angst vor Langfingern oder Beulen in den Shorts und tragen gut 1000 Euro mit sich herum.
Denn Ihnen geht es um die Menschlichkeit. Die des Augenblicks. Die Möglichkeit, dem guten Freund, der so wohlwollend eine so große Summe für die schönen Tage mit Ihnen und Ihrer Frau am Meer ausgelegt hat, in die Augen zu blicken, wenn Sie Ihre Schuld begleichen. Der Blick - ein kleines Lächeln verbunden mit einem im warmen Tonfall ausgesprochenen "Danke!" - das ist so viel mehr wert, als eine seelenlose Überweisung aufs Konto!
Was ist das Klackern der Tastatur beim Onlinebanking gegen den erfüllten Gesichtsausdruck Ihres Gegenübers! Das Rascheln der Scheine, die durch die Finger streichen oder ein sanftes: "Ach, lass mal gut sein!" gegen das abweisende Summen des Rechners!
Und auch der Händedruck hat für Sie, lieber Christian Wulff, noch Relevanz. Für Sie, einen Mann der konservativen Werte, besiegelt ein Handschlag ein Geschäft. Mit einer Bank zum Beispiel, die sich bereit erklärt, Ihnen sehr viel Geld zu leihen. Was sind da schon Verträge, Kleingedrucktes, wenn Ehrenmänner sich handelseinig werden? Makulatur, Kleinkariertes für Angsthasen.
Bevor Sie Geschäftsführer bei Manufactum werden
Und das ist es, lieber Christian, was ich an Ihnen so schätze. Ihr ständiges Bemühen um Menschlichkeit. Um Nähe und Wärme. Das sind Wörter, die für Sie noch etwas bedeuten. Die sie umzusetzen versuchen im täglichen Miteinander. Dort, wo andere sich aufreiben und eben jenes Miteinander verraten zugunsten großer Verwaltungsapparate, Bestimmungen und Formalitäten - da sind Sie einfach nur Mensch. Mit Fehlern vielleicht, ja, aber eben Mensch.
Wie leicht wäre es gewesen, einen Medienanwalt zu beauftragen, um die unschöne Berichterstattung über Sie und Ihre Kreditfinanzierung zu verhindern! Aber nein, auch da gehen Sie den Weg des direkten Kontakts. Scheuen die Auseinandersetzung nicht und rufen persönlich bei den Spitzen im Verlagshaus Springer an. Persönliche Worte - das ist es, lieber Christian Wulff, was Sie auszeichnet in dieser kalten, kalten Welt.
Sie, verehrter Christian, Sie stehen nicht für das virtuelle Leben, für Twitter, Facebook und diesen Quatsch. Sie sind ein Mann der Wählscheibe. Aufgewachsen mit Lassie und der Erkenntnis, dass im Geben das wahre Glück liegt. Dass in Ihrer Position vor dem Geben das Nehmen steht - nun, dafür können Sie ja nichts. Aber das ist es nicht, auf was ich hinaus will. Ich möchte vielmehr auf das hinaus, was uns verbindet, lieber Christian Wulff, auf unsere Gemeinsamkeiten im Geiste.
Auch mir dreht sich diese Welt viel zu schnell, auch ich würde oft gern die Zeiger der Uhren anhalten, um die Entfremdung zu stoppen. Das Miteinander wieder ins Bewusstsein bringen. Das Miteinander von uns Menschen, nicht das von Mensch und Maschine. Und da frage ich mich, ob wir vielleicht nicht an einem Strang ziehen wollen, Sie und ich.
Spätestens in drei Jahren, wenn Ihre Amtszeit um ist, werden Sie nicht mehr wissen, wohin vor Langeweile. Und bevor Sie auf die Idee kommen, Geschäftsführer bei Manufactum zu werden, dem Laden, der "die guten Dinge" vor dem Aussterben bewahrt, könnten wir doch eine Gesellschaft gründen zum "Erhalt der guten Sitten". Barauszahlungen, Handschlag, Hutheben, Telefonieren statt Mailen, Kaffeekochen anstatt welchen von Starbucks zu holen - das alles würden wir fördern, damit das Wichtigste nicht verloren geht: die Menschlichkeit.
Zuvor allerdings hätte ich noch eine kleine Bitte. Sie ist wirklich nur winzigklein, sie kostet Sie keine Mühe. Also: Ausgerechnet die "Bild"-Zeitung ist für Rechercheleistung zu Ihrem Fall für den Henri-Nannen-Preis nominiert. Einem Fall, an dem auch Blätter wie der SPIEGEL oder die "Süddeutsche" dran waren.
Also, um es kurz zu machen: "Bild" und Nannen-Preis, das geht gar nicht. Das ist so, wie das Amt des Bundespräsidenten zu bekleiden und bestechlich gewesen zu sein. Sie, lieber Christian, der Sie so gut im direkten Kontakt sind, könnten Sie bei den Nannens bitte mal anrufen?!
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