S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Liebe Wulffs, Sie können nichts dafür!

Von Silke Burmester

Es sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau.

Liebes Ehepaar Wulff,

seien Sie nicht traurig! Ich weiß, Sie haben sich dieses Weihnachten anders vorgestellt, und es ist ja wirklich nicht schön, den Gänsebraten so auf des Messers Schneide genießen zu müssen, aber wissen Sie was? Sie können nichts dafür.

Also, natürlich können Sie was für das Debakel. Dafür, dass Ihnen momentan Amt und Würden um die Ohren fliegen, schließlich ist das Drama hausgemacht. Erst Vergünstigungen annehmen, was man als Politiker mit Ambitionen lieber lassen sollte, dann eine Krisenpolitik wie bei Donald Duck.

Aber, und jetzt komme ich: Das ist auch eine große Bürde, um nicht zu sagen, Hypothek, so ein Amt als Ministerpräsidenten- bzw. Präsidentenpaar in einem Land, in dem das Volk so sehr nach Glamour hungert. Das haben Sie sich ja nicht ausgedacht. Und was können Sie schon dafür, dass Sie so…ja, sagen wir mal, "modern" sind? So gut in diese Zeit passen und zum Vorzeigepaar werden müssen? Eine Zeit, in der der gescheiterte Mensch - geschieden, diverse Kinder aus diversen Beziehungen, überfordert von 80 Datenträgern - für das Leitbild taugt. Nicht aber der perfekte Mensch.

Immer diese Lockerheit, ganz schön anstrengend

Schuld sind also nicht Sie, sondern die Kennedys. Bis zu Ehe und Karriere von John F. durften die Repräsentanten eines Landes übergewichtig, alt, feist und verstaubt sein und einen schlechten Geschmack haben. Dann aber kam Jackie und mit ihr der Sündenfall. Seither gieren die Völker demokratischer Länder nach Machthabern, die jung sind, gut aussehen und vor allem: Glamour versprühen. Stets muss die Frau stilsicher sein, sich auf dem Modeparkett gekonnt bewegen, selbstbewusst und souverän auftreten, während der Mann vor allem locker zu sein hat. Egal, ob er die Truppen losschickt oder eine Ehrennadel verleiht, all das soll er bitte mit einem gehörigen Maß an Lockerheit vollbringen, einer gewissen Lässigkeit, wie man sie früher bei Cary Grant fand, heute bei George Clooney. Filmreif muss die Kulisse und das Leben sein. Die Ehepaare Bruni-Sarkozy und Michelle und Barack Obama lösen das souverän ein, auch die Engländer waren in den letzten Jahren nicht schlecht. Sie in Großburgwedel nordöstlich von Hannover, an der A7 gelegen, haben es da natürlich nicht so leicht.

Zunächst wähnten wir Deutschen uns mit den Guttenbergs gut im Rennen. So lange die noch da waren, waren Sie, liebe Wulffs, nicht so wichtig. Sie waren, ehrlich gesagt, zweite Klasse. Mehr so: eben auch da. Wer braucht schon eine - tätowierte - Bettina Wulff, wenn man eine Stephanie Anna Charlotte Freifrau von und zu Guttenberg geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen haben kann? Und mit ihr und ihrem Gatten etwas einbringt in das internationale Glamour-Roulette, das nicht jeder hat: Adel, Stammbaum, Geschichte. Geld und Haltung, Flair, Etikette und Benimm. Zumindest bei Tisch.

Doch seit das blaue Blut sich in den Orbit der Belustigung geschossen hat, ruht alle Glamourverantwortung auf Ihrer beider Schultern. Ist ja sonst keiner da. Wen sollte man aufs politische Glanzparkett schicken? Frau Merkel, die noch nicht das richtige Gespür bezüglich der Gala-Kleiderwahl entwickelt hat? Kristina Kindchen-Schröder? Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine können sich ja allein schon wegen ihrer politischen Haltung nicht in Rena Lange bzw. Hugo Boss blicken lassen, auch wenn bei Lafontaine die Marke Programm wäre. Nein, nicht umsonst haben die Boulevardmedien in der letzten Zeit die Zahl der eingestreuten Adjektive rund um Sie, liebe Frau Wulff, noch mal erhöht. "Schön", "bezaubernd", "elegant" liest man seit dem Abtritt von Stephanie zu Guttenberg ununterbrochen - wem Ihre Grazie bisher entgangen war, Frau Wulff, der kommt jetzt nicht mehr an ihr vorbei.

Aber Großburgwedel ist eben nicht Washington oder Paris. Großburgwedel ist Deutschland. Großburgwedel ist Provinz und Kleinbürgertum. Klinkerhaus und Aldi.

Ihr starkes Band der Liebe kann Sie retten!

Die männlichen Journalisten, die über Sie schreiben, Herr Wulff, erwähnen stets, dass Sie Ihrer 14 Jahre jüngeren Frau etwas bieten wollten. Ich nehme an, die wissen, wovon sie reden. Eine teure Scheidung und dann eine neue Frau, die was vom Leben will, der man am besten die Sterne vom Luxushimmel holt, um kein Verlierer zu sein. Selbst wenn man eben doch nur ein Beamter ist, ein schmallippiger Kleingeist, ein Sicherheitsmensch. Einer, der lieber ein Leben lang Raten für ein Fertighaus zahlt, statt zur Miete da zu wohnen, wo das Leben brummt. Da kommen einem die Freunde mit den Ferienvillen gerade recht. Meist sind es die, die wie man selbst aus kleinen Verhältnissen kommen, mit denen man sich so gut versteht. Die Sprache stimmt, die Haltung. Der Konsens darüber, dass Säulen vor der Tür was hermachen.

Und so ist es dann irgendwann doch da, das Gefühl, etwas zu sein, etwas darzustellen, mitzumischen bei den Wichtigen. Die Zeitschriften, die sich der Abbildung der vermeintlich glamourösen Welt verschrieben haben, bedienen mit ihren Fotos und Lobhudeleien die Eitelkeit der auf einmal interessanten Ehefrau, die nicht genug betonen kann, dass sie so normal wie möglich leben möchte und sich doch endlich angekommen fühlt, in der Welt der Brunis und Obamas. Auch wenn so ein deutsches Promi-Paar doch nie die uns so eigene Biederkeit ablegen kann. Großburgwedel wird nie Paris sein und Berlin nie New York, wenn man das Großburgwedel seiner Herkunft nicht verlassen kann.

Da nützt auch die schönste Kennedy-Heirat nichts: Ein Actionmime aus der Steiermark bleibt ein Actionmime aus der Steiermark, selbst wenn er eine Kennedy heiratet und Gouverneur von Kalifornien wird. Oder was meinen Sie, warum Arnold Schwarzenegger ausgerechnet eine - im Verhältnis - recht unattraktive, übergewichtige und wahrscheinlich eher schlichte Haushälterin zur Geliebten hatte? Weil sie - Klischee sei Dank - etwas hat, das seine Frau nicht hat. Und das für die Seite seiner Person steht, die er in seinem glamourösen amerikanischen Umfeld nicht leben konnte.

Seien Sie also nicht all zu sehr verzweifelt, liebe Wulffs, wenn Ihr Träumchen vom großen Leben gerade in sich zusammenfällt. Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe und der Besinnung. Und das passt doch ganz wunderbar: Besinnen Sie sich auf das, was Sie haben. Ihre Liebe. Das ist doch mehr als all die Menschen ihr eigen nennen, die irgendeinem Bild von Prominenz und Reichtum hinterherlaufen. Ihre Liebe ist das Band, das Sie verbindet. Das Sie stark macht. Dank dessen Sie diese schwere Krise überstehen. Allein diese Worte - merken Sie, wie wunderbar die klingen? So ein heldenhafter Kampf! Das lässt sich ganz großartig medial aufbereiten. Am besten als Homestory aus Großburgwedel.

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insgesamt 158 Beiträge
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1. fröhliche Weihnachten !!
katerramus 25.12.2011
Zitat von sysopEs sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht Schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805556,00.html
Wie schön, dass der Titel etwas verspricht, das er überhaupt nicht halten möchte. Ganz im Ernst - weibliche Nadelstiche passen auch besser zu Weihnachten als männliche Keulenschwünge - Danke, Sie haben mich zum Lachen gebracht......
2. Nur Herr Schäuble würde gar nichts bieten
uhu62 25.12.2011
Zitat von sysopEs sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht Schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805556,00.html
Ich habe mir schon gedacht, dass der erste Weihnachtstag eine gute Gelegenheit gibt, nochmal über Herrn Wulff herzufallen. Aber Spaß beiseite. Nur ein so ehrlicher und aufrichtiger Bürger wie Herr Minister Schäuble würde dem Amt endlich seine Würde zurückgeben. Ich würde zusätzlich vorschlagen, dass in den kommenden Tagen die Weihnachtsgänse schonmal portioniert werden (pro Tag 25 g) und die überflüssige Wolle aus den Pullovern gekämmt wird, damit sie in Afghanistan an die vom Krieg geschüttelte Bevölkerung verteilt wird. Wir brauchen einen Präsidenten, der so würdig ist, dass die Queen dagegen wie eine billige Schönheitskönigin wirkt (Entschuldigen Sie bitte Mrs Windsor) und dass der Sarkozy wie ein FALSCHSPIELER daherkommt. So einer wäre der Herr Schäuble. Ja, und der Christian? Der soll sich mit seinen versöhnlichen Reden wegpacken, sowas gehört nicht nach Weihnachten. Da möchten wir lieber über Hypothekenkonditionen und so hören, ganz richtig.
3. ja aber
wehwehwehdievernunft 25.12.2011
Zitat von sysopEs sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht Schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805556,00.html
Trotz aller verständlicher Ironie, genau das, was die Wulffs und Guttenbergs versuchen darzustellen, genau das wollen viele nicht. Anständige Arbeit und Unbestechlichkeit ist noch immer gefragt. Erinnert sich noch jemand an Herrn Scharping? Da reichte ein Bad im Swimmingpool für einen Rücktritt. Fehler machen wir alle, sich aber dann anständig und gradlinig zu verhalten, das ist die Kunst. In diesem Sinne frohe Weihnachten.
4.
tuuticki 25.12.2011
Zitat von sysopEs sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht Schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805556,00.html
Langsam mag ich nicht mehr lesen, dass "das Volk" Glamour von Politikern erwartet. Es sind doch wohl eher die Medien, die das gerne hätten, denn das gibt ja viel schönere Fotos, TV-Auftritte, Homestories usw. - also, Journalisten, packt euch an die eigene Nase! Hätte das Volk den Bundespräsidenten direkt wählen können, so wäre es, wenn ich mich richtig an die damaligen Umfragen erinnere, mit weitem Vorsprung Joachim Gauck geworden, und der hat jede Menge Persönlichkeit, die Wulff leider komplett fehlt, aber Glamour ...? Eher nicht. Und wie dessen Frau aussieht oder ob er überhaupt eine hat, mit Tattoo oder ohne, entzieht sich komplett meiner Kenntnis, ich kann mich nicht entsinnen, darüber jemals etwas gelesen zu haben. Als die Nachricht vom Tod Václav Havels im Fernsehen kam und gleich im Anschluss die neuesten Infos über Wulffs Urlaubs- und Geschäftsgebaren, konnte ich nur halb traurig, halb neidisch seufzen. Glückliche Tschechen, die einen solchen Präsidenten hatten!
5. Mutig
interhart 25.12.2011
Zitat von sysopEs sind harte Zeiten für das präsidiale Paar. Dabei sind die Wulffs nicht Schuld daran, dass die Deutschen so viel Glamour von ihrem Präsidenten erwarten. Er muss doch seinem Volk was bieten! Und seiner Frau. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,805556,00.html
Mutig, mutig, aber wenn man zwischen den Zeilen liest, ist eine Menge zutreffend! Ich hätte mir ein Staatsoberhaupt und eine Ehefrau dazu gewünscht, die ein besseres Vorbild dastellen ... Und keinen Anlass zum Vorwurf für persönliche Vorteilsnahmen auf Kosten eines politischen Amtes ...
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