S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Und noch eine peinliche Posse

Das ist doch mal eine gerechte Lösung: Das Los soll jetzt über die Presseplätze im Münchner NSU-Prozess entscheiden. Lustig, wenn dann SPIEGEL und "FAZ" draußen bleiben müssten, weil "National-Zeitung" und "Die Aktuelle" mehr Glück haben.

Verehrtes Oberlandesgericht München!

Ich muss, ja ich möchte um Entschuldigung bitten. Mehr als einmal habe ich mich dazu hinreißen lassen, meine Vermutung zum Ausdruck zu bringen, Bayern sei provinziell. Die Menschen, die dort lebten, seien engstirnig und kleingeistig. München sei Mist.

Nicht zuletzt die peinliche Posse um die vergessene Berücksichtigung ausländischer Medien beim NSU-Verfahren, das unsensible Gebaren des Richters und der Eindruck, es gebe in München keine Räume, die mehr als 100 Zuschauer fassen, schien meine Einschätzung zu bestätigen.

Und nun das! Nun zeigen deine Vertreter auf einmal eine Kreativität und Phantasie bei der Lösung der misslichen Lage, die mich umhaut! Und die wir auch in Hamburg nicht besser hinbekommen hätten: Per Losverfahren sollen alle Medienvertreter, ob klein ob groß, ob wichtig oder egal, die gleichen Chancen auf einen Platz bekommen. So fair geht es nicht einmal bei der Vergabe eines Kita-Platzes zu.

Bis zum 23. April kann, wer dabei sein möchte, eine Mitteilung an dich schicken, um bei der Auslosung dabei zu sein.Nun weiß man, dass Menschen, die ihre Einsendungen auffallend gestalten, die die Postkarte bunt anmalen, die sie bekleben, die mit einer Zackenschere die Kanten schneiden, die irgendetwas tun, damit ihre Einsendung optisch und haptisch auffällt, öfters beim Preisausschreiben gewinnen. Da nicht drauf reinzufallen, zumal die Türken ja die Europameister in Sachen Glitter und Pannesamt sind, ist jetzt sehr wichtig. Mehr schlechte Presse kannst du dir nicht erlauben! Von daher ist es gut, dass die Anträge fürs Mitmachen per Mail oder für die, die noch nicht so hip sind, per Fax eingereicht werden müssen.

Leider, leider wird die Auslosung nicht öffentlich sein. Anders als bei der Ziehung der Lottozahlen können wir nicht Zeuge sein und müssen Dir glauben, sollte der Losgott richtig irre Ergebnisse in die Finger des Ziehenden lenken. Zum Beispiel kein Platz für den SPIEGEL. Und die "Süddeutsche". Und die "FAZ". Und die ARD. Dafür aber Stühlchen für "RTL2-News", die "National-Zeitung", "Junge Freiheit" und "Die Aktuelle".

Dabei hatte ja auch das vorherige Verfahren, das als "Windhundprinzip" bezeichnete Vorgehen, bei dem die ersten 50 Anmelder einen Platz bekommen, für Überraschung gesorgt. Bei mir jedenfalls. Vor allem wegen der "taz".

Die "taz", diese kleine, linke Tageszeitung, war auf Platz eins gelandet. Die waren also schneller als alle anderen. Und das, wo die doch sonst oft so lahm sind. Aber bestimmt waren die tazler gar nicht morgens so früh schon auf. Sondern immer noch. Die haben durchgemacht. Total überdreht und durchgeschwitzt vom Barfußtanzen in der Redaktion, haben sie die im nüchternen Zustand vorbereitete Akkreditierungsmail zwei Sekunden vor Beginn der Frist abgeschickt. Grad so, als würden sie bei eBay ein Kirschkernkissen ersteigern.

Und selbst, wer anders als die tazler nicht durchgemacht hat, konnte es unter die ersten 50 schaffen, wenn er denn nicht ganz verpennt war. Sogar Kollegen aus dem Osten, wo die Uhren ja auch oft etwas langsam ticken, ist das gelungen. So sind wir Deutschen eben. Wir nehmen Uhrzeiten ernst. Wir sind verbindlich. Der Tod, das hat der NSU erneut eindrücklich gezeigt, ist ein Meister aus Deutschland. Und die Pünktlichkeit auch. Was sollst denn du, Münchner Oberlandesgericht, dafür können, wenn die Kollegen aus dem Morgenland so lang schlafen und nicht rechtzeitig in die Puschen kommen? Aber jetzt haben sie ja ihre Chance. Jetzt geht noch mal alles auf Los, und dann heißt es bei dir, Münchner Oberlandesgericht: auf die Plätze, fertig...Los!

Ja, liebes Gericht, das hätte ich echt nicht gedacht. Dass über die Teilnahme am und die Möglichkeit zur Berichterstattung beim bedeutendsten politischen Prozess, den dieses Land seit der Baader-Meinhof-Anklage erlebt, mal per Losverfahren entschieden wird. Damals, als es um die Verurteilung der RAF-Mitglieder ging, hat man eigens für zwölf Millionen D-Mark ein monströses, fensterloses Gebäude auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim errichten lassen. Nicht zuletzt, um die Gefahr und Bedrohung zu versinnbildlichen, die die Regierung in der RAF ausmachte.

Wenn heute Rechtsextreme durch die Lande ziehen und ausländische Mitbürger erschießen, dann muss ein Saal für 100 Zuschauer reichen, in dem sich die Journalisten um die Plätze streiten. Pardon, es wird natürlich ausgelost, wer einen Stuhl bekommt. Wir sind ja in München.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 106 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Scherbengericht
mjanitzky 21.04.2013
Eine Schande für unser Land! Diese Sache in München gerät nun endgültig zur Posse. Wozu wurde denn Stuttgart-Stammheim gebaut? Nun wäre doch endlich Gelegenheit, die Kosten dieses dortigen Gerichtsprunkbaues endlich vollends zu rechtfertigen per verfassungsrichterlicher Verlegung dieser in München bereits absehbar zur Schmierenkomödie verkommenden Veranstaltung in diesen seit der RAF nicht mehr ausgelasteten Justizpalast, oder was?
2.
Hesekiel 21.04.2013
man könnte jetzt endlich mal die Kirche im Dorf und das Gericht in Bayern lassen, zumal das ganze rumgereite sowieso nicht dazu beiträgt diesem wichtigen Prozess seine Bedeutung zurück zu geben. Dass zudem auf etwaige Neubauten verzichtet wird sollten wir positiv bewerten, ich für meinen Teil jedenfalls bin am Prozessbeginn vor 2020 sehr interessiert.
3. leicht übertrieben
gebit 21.04.2013
hat denn die Größe des Saales tatsächlich etwas damit zu tun, ob am Ende ein gerechtes Urteil rauskommt. Öffentlichkeit ist wichtig, kann aber nicht im absoluten Mittelpunkt stehen. Man bekommt langsam das Gefühl, dass sich immer mehr Menschen auf Kosten des Prozesses hier unendlich wichtig machen wollen. Wir werden sehen wieviele der ach so wichtigen Presseplätze nach einem halben Jahr unbesetzt sind.
4. Die RAF hatte schon........
john_daniels 21.04.2013
....ein anderes Format. Sowohl bezüglich der Zahl Ihrer Mitglieder, Unterstützer, als auch Ihrer Ziele. Sie griff den Staat an-ganz real und brachte ihn an seine Grenzen. Sie entführte, erpresste und arbeitete international mit anderen zusammen. ----- Die 3 NSU ler haben einfach nur in Deutschland lebende Türken ermordet. Aus Fremdenhass. Insofern steht dieser kleine Gerichtssaal im Bezug zu der Gefährlichkeit für den Staat in absolut passender Relation zu Stammheim. Ich kann natürlich verstehen, dass sowohl eine Journalistin, als auch die Zeitung die sie beschäftigt diesen Prozess aufgrund der eigenen Ideologie gern größer dargestellt sehen würden. Aber vielleicht tröstet sie ja die Vorfreude auf das sicherlich bald entstehende Mahnmal für die 9 NSU Opfer ? Das bekamen die 34 Toten der RAF nämlich nicht. "Wozu auch?" würde man fragen. Was sich in diesem Fall selbstverständlich völlig verbietet.
5. Vielleicht wärs
antisponner 21.04.2013
dem Spiegel am liebsten, die Journalistenauswahl würde ihm übertragen? So, wie es jetzt gehandhabt wird, finde ich es gerecht und wenn der Spiegel nicht dabei sein sollte, ist das bestenfalls zum Lachen. Der Wahrheitsfindung tut es aber keinen Abbruch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Helden der Gegenwart
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 106 Kommentare
Silke Burmester

Facebook
Fotostrecke
NSU-Anschlag in Köln: Die Lehren aus Solingen