S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Sehr verehrter künftiger Bundespräsident, lieber Unbekannter!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Jetzt wird alles gut, denn Sie, der nächste Bundespräsident, sind bestimmt ein Heiliger. Tadelloser Lebenslauf, keine belastende Vergangenheit, keine besonderen Urlaubsvorlieben. Nur, leider: Sie sind sicher wieder ein Mann.

Man soll, wie das Leben lehrt, mit vorschneller Meinung vorsichtig sein, aber schon jetzt kann ich sagen, ich bin ganz verknallt in Sie. Doch, doch, das kann ich schon sagen, auch wenn mein nahes Umfeld sicherlich behaupten würde, man brauche das nicht so ernst zu nehmen, ich sei etwas sprunghaft in letzter Zeit. Aber ich bleibe dabei: Ich finde Sie toll!

Das fängt schon einmal damit an, dass Sie mit der Ernennung zum Präsidenten von Deutschland mächtig werden. Macht macht sexy, das wissen Sie und auch wenn Sie - was bei den Namen, die da kreisen, zu befürchten ist - nicht besonders gut aussehen, so steht Sexyness doch außerhalb schnöder Betrachtungen wie Optik.

Sie sind also sexy, das ist schon mal gut. Jetzt wäre es schön, wenn Ihre Familie etwas vorzuweisen hätte. Also irgendwas mit Widerstand oder Engagement. Widerstand gegen Christenverfolgung zum Beispiel. Oder das Apartheidsregime in Südafrika. Gegen den Nato-Doppelbeschluss ist keine so gute Idee, Startbahn West auch nicht. "Drittes Reich" ist natürlich immer gut und gibt doppelte Punkte. Zur Not reicht es auch, aus der ehemaligen DDR zu sein, wobei es in diesem Fall gut wäre, falls nicht die Eltern, zumindest eine Tante oder ein Cousin, eingesessen hat. Also sich nicht nur so'n bisschen Bibellesen zu Schulden kommen ließ, sondern was mit Karacho. Republikflucht, Mickymaus verhökern, irgendsowas.

Sollte Ihre nahe Familie mit staatstragenden Aufgaben während der NS-Zeit betraut gewesen sein, dann sollte in der Zwischenzeit viel Buße getan worden sein, also irgendeine Form von Engagement, die das Karmakonto ausgleichen konnte.

Kommen wir nun zu Ihren Vermögensverhältnissen. Dank des jahrelangen Einsatzes von RTL und RTL2 ist das Image von Hartz-IV-Empfängern auf einem sehr niedrigen Stand. Sie sollten also diesen zumindest hinter sich gelassen haben. Eine solche Vergangenheit wäre jedoch insofern förderlich, als dass Sie als Vertreter des sogenannten kleinen Mannes, aber auch dessen, der sich aus misslicher Lage befreit hat, hohe Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung erlangen könnte. Und sich dies mit Hilfe der Medien gut aufbereiten ließe.

Auf der anderen Seite - und das hat das Beispiel Karl-Theodors zu Guttenberg gezeigt - fliegt das Volk auch heute noch auf Menschen mit Gütern und dem absurden Glücksversprechen, das dem Adel angeträumt wird. Wohin das führt haben wir allerdings auch gesehen - ein Baron Münchhausen reicht. Ein wenig Vermögen aufzuweisen macht sich sicherlich immer gut. Vor allem das selbst erlangte, das erarbeitete weckt Vertrauen in Ihre Schaffenskraft. Doch nicht protzig sollte es sein. Ein Reihenhaus mit kleinem Garten vielleicht. Dazu ein bescheidenes Ferienhaus, ein kleines Apartment in Stuttgart oder eine Beteiligung an einem Anglersee sind durchaus verkraftbar. Ist dies der Fall, dann prüfen Sie bitte heute noch, wie Sie zu diesen Anlagen gekommen sind, ich möchte nicht, dass Sie morgen schon wieder ausziehen müssen, aus Bellevue. Legen Sie am besten gleich einen Ordner mit allen Quittungen und Unterlagen an.

Und bitte erinnern Sie sich, wer Ihnen wann Kredit geboten hat, wer Ihnen wann unter die Arme gegriffen hat. Hat der örtliche Sparkassendirektor beim Anlegen des Rübenbeetes geholfen? Hat die Frau Gewerkschaftsvorsitzende des ansässigen Autozuliefererbetriebs beim Anlegen des Gartenteichs zur Erfrischung eine Bowle vorbeigebracht? Ihnen das Duschen bei sich angeboten, als bei Ihnen in Folge eines Rohrbruchs das Wasser abgestellt wurde? Erinnern Sie sich jetzt! Schreiben Sie das auf!

Die Gedächtnislücken, mit denen Helmut Kohl als moralische Instanz dieses Land ausgehöhlt hat, sind noch immer nicht geschlossen. Noch einmal so einen Reinfall wollen wir nicht ertragen! Sie müssen jetzt nicht denken, dass ich so eine bin, die übergriffig wird, nur weil ich Sie toll finde. Mir ist schlichtweg an Ihrem Wohl gelegen. Darum prüfen Sie bitte auch, mit wem Sie wann Urlaub gemacht haben. Und wo. Zu weiche Betten, zu viel Schönheit der Landschaft könnte gegen Sie verwendet werden.

Das mag man kleinlich finden, aber so sind wir Deutschen eben. Ein Volk von Kleingeistern, das Schnitzel mit Pommes für Essenskultur hält, nur weil die Idee für den Fleischlappen aus Österreich und die der Kartoffelzubereitung aus Belgien stammt. Nach der Klärung der Vermögens- und Urlaubsverhältnisse - bei denen Sie bitte auch einen Blick auf Ihre Freunde geworfen haben - kommen jetzt die Wünsche zu Ihrem Lebenspartner, von denen man im Allgemeinen davon ausgeht, dass es sich um eine Partnerin handeln sollte. Dieses Land wird aktuell von einer Frau regiert, ein Minister ist behindert, der andere schwul - ich befürchte, meine Landsleute meinen, damit genug für die Eingliederung Benachteiligter getan zu haben.

Also, Ihre Frau. Mir ist das ja wurscht oder besser gesagt, je oller, je größer dürften meine Chancen bei Ihnen sein, aber die Männer im besten Alter und die Zeitschrift "Bunte" wünschen sich eine gutaussehende Gattin. Damit man was her macht im Ausland und ein Kleiderpüppchen hat, das sich verlässlich in deutscher Mode zeigt, damit man die Seiten schön füllen kann. Natürlich sollte Ihre Gattin trotz ihrer Neigung, "Spaß" an Mode zu haben, klug, intelligent und eloquent sein und sich unbedingt für etwas engagieren wollen. Etwas Soziales selbstverständlich. Und sie muss etwas finden, womit sie sich als moderne Frau zeigen kann, die unabhängig vom Ehemann Interessen verfolgt. Kochbücher zu schreiben ist trotz des Kochbooms aus feministischer Sicht nicht mehr zeitgemäß.

Hauptsache, Sie singen nicht. Weder von gelben Wagen, noch von blauem Enzian oder zehn nackten Friseusen. Da sich Leistungsbereitschaft heutzutage durch Sportlichkeit und gesunde Ernährung zeigt, gehe ich beruhigt davon aus, dass Sie auch falls Sie schon etwas welk sein sollten, einen Superkörper haben. Was sicherlich daran liegt, dass Sie so begeistert klettern oder etwas Ähnliches tun, das den Körper stählt und Ihnen hilft, ab und zu mal ganz bei sich zu sein. Wandern wird das zum Glück nicht sein (finde ich nämlich ziemlich blöd), denn das Feld hat ja der Carstens schon besetzt.

Bei der blinden Namenseinwerferei, die aktuell geschieht, weiß man zwar nicht, ob hier tatsächlich die Regierung samt Opposition einen Bundespräsidenten sucht oder das ZDF einen neuen Moderator für "Wetten dass..?", klar ist aber, Sie, auf den die Wahl fallen wird, sind die Wucht! Erhaben über jeden Vorwurf und jede menschliche Regung. Alles ist bei Ihnen unter Kontrolle. Ihre Gier, Ihr Mundwerk, Ihr Sexualtrieb. Wir werden mit Ihnen keine Überraschung erleben, nicht einmal böse, nur Anstand, Sitte und Moral. Das gefällt mir gut. Nur einen kleinen Haken haben Sie dann doch, wenn ich es mir recht überlege: Sie werden ein Mann sein. Und von denen hatten wir, um ehrlich zu sein, genügend in diesem Amt.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Kein Mann, ein Programm!
feind.des.propheten 19.02.2012
Zitat von sysopJetzt wird alles gut, denn Sie, der nächste Bundespräsident, sind bestimmt ein Heiliger. Tadelloser Lebenslauf, keine belastende Vergangenheit, keine besonderen Urlaubsvorlieben. Nur, leider: Sie sind sicher wieder ein Mann. Helden der Gegenwart: Sehr verehrter künftiger Bundespräsident, lieber Unbekannter! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816234,00.html)
Wir sollten modern handeln und alle menschlichen Probleme geschickt umgehen. Ein Computerprogramm kann einen zukünftigen Bundespräsidenten effizient, kostengünstig und neutral ersetzen. Endlich ein Ende mit Menschlichem, Allzumenschlichem! Nehmen wir das Programm "Tit-for-Tat" nach Axelrod/Rapoport. Das kann mit jedem gut Kirschen essen, wenn jeder will.
2. Das ginge alles viel kürzer …
wika 19.02.2012
Liebe Frau Burmester, statt der gut gemeinten Ratschläge an unseren/unsere Zukünftige … sie wissen schon … hätte man doch einfach nur die Stellenbeschreibung für die Position per Gesetz neufassen müssen. So wurde bis dato oftmals der Dreck geheilt, warum also nicht auch in der Causa „Grüß-August“. Mal sehen, vielleicht besinnt sich ja die „Familie“ unter der Reichstagskuppel noch, damit der Kungel nicht wirklich ausstirbt. Hier gibt es den Entwurf zu dem neuen Gesetz, war an sich noch für Wulff gemacht, nur da war der Staatsanwalt jetzt schneller als der Gesetzgeber … (°!°) Neue Stellenbeschreibung für Bundespräsidenten per Gesetz (http://qpress.de/2012/01/20/neue-stellenbeschreibung-fur-bundesprasidenten-per-gesetz/) … vielleicht kriegen wir ja noch die Kurve, dann wird wenigstens die Auswahl der potentiellen Kandidaten wieder größer.
3. Ein(e) Journalist(in) soll Bundespräsident werden!
wibo2 19.02.2012
Die vierte Gewalt im Staat hat es nun verdient wegen ihrer staatstragenden Berichterstattung und der Bekanntmachung sowie ihrer Forderung nach höchsten moralischem Lebenswandel den Bundespräsidenten zu stellen! Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in München beispielsweise hat sowohl den Ehrenwerten Karl-Theodor Frh. von und zu Guttenberg sowie den Emporkömmlung Dr. hc. mult. RA Christian Wulff gnadenlos verfolgt und faktisch medial gerichtet. Ziemlich genau ein Jahr geht jetzt die Treibjagd der Medien auf die beiden Politiker, wobei in beiden Fällen Heribert Prantl als Leitwolf die Meute anführte. Kai Diekmann und er sollen jetzt sagen, wer würdig sein könnte, Bundespräsident zu sein! Jetzt traut sich kaum einer einer mehr, Bundespräsident zu werden. Nur ein Übermensch könnte noch die moralischen Anforderungen der deutschen Presse erfüllen. Kein Wunder, dass jetzt einer nach dem anderen absagt. Jeder, der gefragt werden würde, muss jetzt einfach Bedenken haben. Auch Journalisten? Ein Offizier der Bundeswehr könnte als letzte Rettung ggf. abkommandiert werden zum Dienst im Schloß Bellevue falls kein Journalist mit ganz weißer Weste dafür gefunden werden könnte. Bellevue.
4. Mein Fund - zur Diskussion - im Karneval?
kaksi 19.02.2012
Zitat von sysopJetzt wird alles gut, denn Sie, der nächste Bundespräsident, sind bestimmt ein Heiliger. Tadelloser Lebenslauf, keine belastende Vergangenheit, keine besonderen Urlaubsvorlieben. Nur, leider: Sie sind sicher wieder ein Mann. Helden der Gegenwart: Sehr verehrter künftiger Bundespräsident, lieber Unbekannter! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,816234,00.html)
NUR in die Diskussion einbrigen möchte ich folgende Links aus Dänemark und Frankreich: Er han Hitlers søn? - Globalt | www.b.dk (http://www.b.dk/globalt/er-han-hitlers-soen) EXCLUSIF LE POINT.FR. Le fils français caché d'Adolf Hitler - Le Point (http://www.lepoint.fr/societe/exclusif-le-fils-francais-cache-d-adolf-hitler-17-02-2012-1432303_23.php) Danach hatte "UNSER (danaliger Ver)FÜHRER " einen unehelichten Sohn aus seinem Kriegseinsazt in Frankreich 1914-18. Dieser schloss sich später der französischen Widerstandsgruppe an. Sollte er nicht mehr am Leben sein, hat er vielleicht einen Sohn oder eine Tochter., also SEIN Enkelkind. SPON recherchieren Sie. Und SPON-Leser, diskutieren Sie die politischen Möglichkeiten. Ggf. im Rahmen des Karnevals. Heißt "Karneval" nicht soviel wie "Alles ist vergänglich"?
5. ...und bitte, bitte niemals Mailboxen besprechen...
eva58 19.02.2012
Ich finde den Beitrag sehr gelungen, er löst ein wenig die Verbissenheit der Kämpfer für Deutschlands reines Gewissen auf. Besonders dass viele dieser rechtschaffenen Personen bei BILD beschäftigt sind, lässt einen schon schaudern und daran zweifeln, wohin diese Republik gerade abdriftet. Aber die Person, die es auf sich nimmt, diesen Job zu übernehmen, sollte ausserdem technisch völlig unbeleckt sein und am besten gar nicht wissen, dass es so etwas wie Handys gibt. Die Gefahr, dass sonst erneut eine Mailbox besprochen wird und eine Staatskrise auslöst, ist einfach viel zu groß.
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