S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Die Bahn bremst auf Schweinen

Eine Kolumne von Silke Burmester

Fleischesser sind Mörder, weil sie Tiere töten. Vegetarier sind Schweine, weil sie Kühen die Milch klauen. Nur Veganer leben ethisch vertretbar - denn sie lehnen Tierprodukte komplett ab. Weswegen sie eigentlich auf das Zugfahren oder Teetrinken verzichten müssten. Oje!

Verehrte Veganer!

Wenn Jesus tatsächlich noch mal auf die Erde kommen sollte, dann käme er - anders als Elvis oder Rosa Luxemburg, deren Wiederkunft ja auch sehnlichst erwartet wird - als Veganer, das ist ja schon mal klar.

Ihr Veganer könnt euch etwas auf die Stirn schreiben, das schlichtweg der Hammer ist: Ihr seid die besseren Menschen. Und somit seid Ihr der neue Pop. Ihr seid die Coolness-Sau, die durchs Zeitgeist-Dorf getrieben wird. Denn Ihr seid einfach erhaben.

Während wir Normalmenschen uns Tiere untertan gemacht haben, wird euretwegen kein Lebewesen sterben. Keiner Kuh, keinem Schaf, keiner Ziege wird das Kälblein, das Lämmlein oder das Zicklein weggenommen. Und keine Henne muss verzweifelt im Stroh nach ihrem Ei suchen, denn die Haltung von Tieren zum Nutzen des Menschen ist euch ein Graus. Ihr nutzt keine Tiere, Ihr schaut sie an und freut euch über ihre Existenz. So geht Ihr in Plastikschuhen eures Weges und bleibt lieber für Stunden stehen, als dass Ihr euch auf ein Lederpolster setzen würdet, und irgendetwas mit Gelatine drin kommt euch nicht über die Lippen.

"Die mit dem Knall"

Das Coole ist: Ohne dass Ihr nur ein Wort sagt, führt Ihr uns Tiernutzern unsere Unzulänglichkeit, unsere Unvollkommenheit vor Augen. Durch eure bloße Existenz. Es reicht, dass wir eurer ansichtig werden, Menschen, deretwegen kein Tier sich fürchten muss. Sieht so ein Schwein, so eine Kuh oder so ein Fisch zum Beispiel mich, denkt das Vieh augenblicklich "Ledertasche!", "Milchshake!", "Schlemmerfilet!" und erschrickt zu Tode.

Ihr aber geht erhaben durch die Welt. Keiner muss euch fürchten, und mit sanftem Blick könnt Ihr auf uns, die Opfer und Täter der Lebensmittelskandale blicken und sagen: "Seht Ihr, das kommt dabei heraus, wenn man wider die Natur handelt." Ihr Fleisch-, Ei- und Milchverweigerer steht sogar besser da als die Vegetarier, die sich ja Eierpfannkuchen und Appenzeller hinter die Kiemen hauen und einfach darauf scheißen, dass ein Tier gemolken wird.

Einzig die Frutarier stehen auf der Leiter der Ethik über euch, wenn sie neben der Erdbeerpflanze hocken und darauf warten, dass sie eine ihrer Früchte loslässt. Da sie nichts essen, bei dessen Ernte Pflanzen zerstört werden, geht von Frutariern noch weniger Gewalt aus als von euch Veganern, die Ihr ja doch immer mal wieder an der einen oder anderen Pflanze zieht und zupft, um etwas in den Kochtopf zu bekommen. Weil die Fruchteinsammler aber vor lauter Warten vor allem im Winter eher mangelernährt sein dürften, erlaube ich mir, diese Gruppe als "die mit dem Knall" auf die Standspur im Rennen um ethische Überlegenheit zu verbannen.

Nee, ohne Zweifel, Ihr Veganer seid die Helden der Stunde. Immer mehr Leute schließen sich euch an. Nicht nur, weil sie sehen, welche perversen Auswüchse die Lebensmittelindustrie mittlerweile angenommen hat. Sondern auch, weil Askese Halt gibt und es ein tolles Gefühl ist, auf der Seite der Guten zu stehen.

Ich, das könnt Ihr euch denken, wäre auch gern bei den Tollen dabei, nur leider will mir das nicht so recht gelingen. Zwar kippe ich seit neuestem Reismilch in meinen Kaffee und streiche mir allerlei komische Pasten auf mein Brot. Doch kommt mir ständig das ein oder andere Schwein unter.

Und was tun die Muslime?

Neulich zum Beispiel, da bin ich mit der Bahn gefahren. Und, was hat die Bahn gemacht? Sie hat gebremst. Und womit tut sie das? Mit ihrer Bremse. Und in der Bremsscheibe ist, man glaubt es nicht, und ich habe auch keine Ahnung, wie es da genau reinkommt: Schwein. Ebenso wie im Streichholz und im Zigarettenfilter. So recherchierte es die niederländische Designerin Christien Meindertsma.

Nun bin ich zwar schon dazu übergegangen, nur noch Leute zu küssen, die ohne Filter rauchen. Aber jedes Mal, wenn ich eine Kerze anzünde, habe ich vielleicht diesen Schweinleim an den Fingern, der bei der Herstellung von Zündhölzern verwendet wird. Oder nehmen wir Brot. Auch da ist Schwein drin. Das gibt die Industrie in Form von aus Haaren gewonnenem Eiweiß hinein, damit der Teig geschmeidiger wird. Nun, so ein Brot, das lässt sich vermeiden. Aber selbst wenn ich mir eine Möhre mit Paste beschmiere und sie auf einen Teller tue oder wenn ich aus einer Tasse trinke, könnte da Schwein drin und dran sein, weil selbst für die Porzellanherstellung das rosa Vieh herhalten muss. Und sogar den Weg in Patronen findet so ein Borstentier. Beziehungsweise Teile davon. Was die Frage aufwirft: Wie soll das gehen als Veganer in der Bundeswehr?

Wie gesagt: Ich wäre auch gern so toll wie Ihr. Aber ich glaube, dieser Trend muss ohne mich stattfinden, nicht zuletzt, weil ich mich freue, dass die Bahn hin und wieder bremst und ich aussteigen kann.

Eines allerdings würde ich doch gern wissen: Warum muss eine Bremse Schwein enthalten? Und Munition? Und wie kommt man auf so eine Idee? Haben die Ingenieure bei der Entwicklung ihr Wurstbrot verwendet, weil sie die richtige Ingenieursschmiere nicht finden konnten? Und was nehmen die Muslime? Könnte man sich bei denen vielleicht was abgucken?

So ließen sich doch ohnehin schon brummende Geschäftsfelder weiterentwickeln! Deutschland könnte mit veganen Bremsen und Waffen für das muslimische Ausland seinen Status als eine der größten Rüstungs- und Exportnationen der Welt auf Jahrzehnte festigen. Einige Muslime werden sich ja vielleicht noch ewig die Köppe einhauen, und es wäre doch schade, wenn Deutschland da den Anschluss verpassen würde.

Wie gesagt, Veganer, in eurer Idee vom friedlichen Miteinander der Arten liegt die Zukunft. Ihr seid die Guten!

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insgesamt 346 Beiträge
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1. So lange diese Veganer einen nicht bekehren wollen,
iffel1 17.03.2013
ist das doch ok. Aber es ist schon schrill, wenn wir in Indien einen Jain-Anhänger sehen, der eine Maske trägt, damit er kein Insekt einatmet und es tötet. Aber für uns Touristen ist das doch eine Bereicherung des Erlebten. Aber bitte liebe Veganer, nicht versuchen, uns zu "bekehren", wir lieben Fleisch und Fisch und das bleibt auch so.
2. was wollen sie eigentlich?
martin12x 17.03.2013
Liebe Frau Burmester, wie sie offensichtlich auch, bin ich ebenfalls genervt von der Art, wie Veganer (zu denen ich selbst gehöre) und Fleischesser miteinander umgehen. Ich verstehe jedoch ihren wohl lustig gemeinten Artikel nicht ganz. Ironie ohne Sinn und roten Faden, wenn sie mich fragen. Die von ihnen als lächerlich dargestellten Fakten, lassen sich kaum von der Hand weisen. Da sie jedoch kein positives Verhältnis zum Veganismus aufbauen können, reagieren sie mit Spott. Ich würde sie gerne einladen, sich mit mir zu treffen. Bei einem Schlachter. Und dann dürfen sie sich ihr Schweinchen selbst töten, zerlegen und es sich dann appetitlich in den Mund schieben. Wenn sie das fertig bringen und nicht scheinheilig Andere mit dieser für alle ungeliebten Aufgabe betreuen würden, würde ich ihnen sogar Salz und Pfeffer reichen.
3. Veganismus ist
michaelkaloff 17.03.2013
... eine zutiefst kulturpessimistische Ideologie, die de facto nur aufgrund des überreichlichen Nahrungsangebot einer Industriegesellschaft und der Existenz von Apotheken gedeien kann. Ein Blick auf zwangsvegan lebende Menschen in ärmsten Ländern ist hilfreich: Mangelernährung und geringe Lebenserwartung.
4.
boeseHelene 17.03.2013
Zitat von sysopFleischesser sind Mörder, weil sie Tiere töten. Vegetarier sind Schweine, weil sie Kühen die Milch klauen. Nur Veganer leben ethisch vertretbar - denn sie lehnen Tierprodukte komplett ab. Weswegen sie eigentlich auf das Zugfahren oder Teetrinken verzichten müssten. Oje! S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Verehrte Veganer! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-helden-der-gegenwart-verehrte-veganer-a-887767.html)
danke Frau Burmester bei diesem Artikel muss ich ihnen wirklich mal zustimmen, wer vegan leben möchte soll es gerne tun aber dieses überhebliche Getue gepaart mit einem Missionseifer den man ansonsten nur den Zeugen Jehovas findet ist einfach nur nervig. Maxeiner & Miersch : Wenn militanter Tierschutz menschenfeindlich wird - Nachrichten Debatte - DIE WELT (http://www.welt.de/debatte/article113460989/Wenn-militanter-Tierschutz-menschenfeindlich-wird.html)
5.
brotkernmehl 17.03.2013
Zitat von sysopFleischesser sind Mörder, weil sie Tiere töten. Vegetarier sind Schweine, weil sie Kühen die Milch klauen. Nur Veganer leben ethisch vertretbar - denn sie lehnen Tierprodukte komplett ab. Weswegen sie eigentlich auf das Zugfahren oder Teetrinken verzichten müssten. Oje! S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Verehrte Veganer! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-helden-der-gegenwart-verehrte-veganer-a-887767.html)
Denken sie nur an all die Tierarten die wir unethischen "normalos" über die Jahrhunderte erhalten haben. Hätten wir nicht den Nutzen erkannt im Schaaf/Schwein/Rind/Huhn usw. Diese Kronen der Schöpfung wären schon vor langer Zeit der natürlichen Auslese zum Opfer gefallen. Wir könnten uns noch, bestenfalls, im zoologischen Garten oder ím Museum an ihnen erfreuen. Und dann liebe Veganer denkt ihr euch. Hätt ich doch lieber mal am Tag ein Ei gegessen. Oder Sonntags auch mal zwei.
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