S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Wer will schon neben dem Tod wohnen?

Ein Hospiz in direkter Nachbarschaft? Todgeweihte, die mit ausgehöhlten Augen über den Gartenzaun starren? Keine gute Idee, finden einige Eigenheimbewohner im Süden Hamburgs - und fordern einen Sichtschutz.

Eine Kolumne von Silke Burmester


Verehrte Anwohner von Harburg-Langenbek!

Das Deutsche Rote Kreuz plant, in Ihrem beschaulichen Wohnviertel ein Hospiz zu eröffnen. Ja, so ein Haus, in dem Menschen leben, die die Uhr laut ticken hören.

Meist sind dies Menschen, die unheilbar krank sind, die Krebs haben oder sonst eine Krankheit, die ihrem Dasein bald ein Ende setzen wird. Nicht immer sind sie alt. Häufig genug sind welche darunter, die 40, 50 Jahre davon entfernt sind, von Altersschwäche in einem urinstichigen Pflegeheim dahingerafft zu werden.

Das Gemeindehaus der Kirchengemeinde Sinstorf ist für das Hospiz vorgesehen, das liegt genau in der Kehre der Straße, an der einige von Ihnen hübsche Einfamilienhäuser gebaut haben, wo Sie Ihre Kinder großziehen - Ihr Symbol für Leben und Zukunft.

Dass das DRK das Hospiz nun ausgerechnet dort einrichten will, wo im Sommer Grillgeruch in der Luft liegt, wo das Lachen Ihrer Kinder die Atmosphäre erfüllt, das Quietschen der Reifen, wenn sie mit ihrem Fahrrad Bremsspurenwettbewerbe veranstalten, das passt einigen wenigen von Ihnen nicht. Einige wenige von Ihnen befürchten einen Werteverfall ihres Grundstücks. Der Tod, so ihr Gedanke, ist kein prestigeträchtiger Nachbar. Und schon gar keiner, den man grüßen möchte.

Endlich gibt Deutschland wieder Impulse!

Nun finde ich es etwas kleinlich, dem Gemeinnutz einen eventuellen monetären Wertverlust entgegen zu stellen. Und christlich ist es schon gar nicht. Immerhin steht im Einzugsgebiet die älteste Kirche Hamburgs, man hätte annehmen sollen, dass Tradition verpflichtet. Aber ich kann ja niemanden zu einem Sinneswandel zwingen, wenn der Humanismus in der Erziehung vernachlässigt wurde. Wer bin ich, das auszubügeln?

Was mir aber sehr gefällt, und das ist der Grund, weswegen ich den Beschwerdeführern meine Achtung aussprechen möchte, ist, wie konstruktiv und kreativ sie mit der Situation umgehen. Sie meckern nicht nur, nein, sie haben auch einen Lösungsvorschlag parat: Sie fordern einen Sichtschutz.

Ich weiß nicht, ob den Beschwerdeführern überhaupt klar ist, welch ein zukunftsweisendes Modell sie in die Welt gesetzt haben. Wohlmöglich ist das für sie nur so eine Idee, einfach mal ausgesprochen, ohne zu bedenken, was das für das Miteinander, für die Gesellschaft heißt. Und doch ist dieser Einfall so viel mehr! Ein Modell, das man in die Welt tragen könnte! Eine Industrie ließe sich mit dieser Idee aufbauen! Endlich gehen von Deutschland wieder Impulse aus!

Bleiben wir zunächst in Harburg und bauen in Gedanken Sichtschutzwände auf, die wir, der Integration in das schöne Viertel halber, mit Efeu bewachsen lassen. Wobei ich kurz einwenden möchte, dass ein Hospiz kein KZ ist, in dem Todgeweihte am Zaun stehen und mit großen, ausgehöhlten Augen nach draußen schauen. Ich nehme an, dass keiner von Ihnen, liebe Beschwerdeführer, je in einem Hospiz war und weiß, wie es dort aussieht. Deswegen kann man Ihnen an dieser Stelle auch keinen Vorwurf machen. Also: Bleiben wir bei Ihren Ängsten und bauen Sichtschutzwände, die Ihnen den Anblick von Menschen, von denen wir wissen, dass sie bald sterben werden, ersparen.

Nun könnten auch Sie, liebe Anwohner, natürlich bald sterben, vielleicht noch heute, sogar im eigenen Haus in Langenbek. Aber das ist etwas anderes, also zurück zum Sichtschutz: Was beim Hospiz funktioniert, lässt sich auch auf andere Bereiche ausdehnen. So könnte man Wände in Leichtbauweise herstellen, die sich unkompliziert aufstellen lassen. Vor Häusern etwa, in denen Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Da kann man dann, wenn ein Kind verhungert ist, guten Gewissens sagen, man habe nichts gesehen. Oder Häuser, in denen die Ehemänner ihre Frauen schlagen. Hier empfiehlt sich ein Modell mit Lärmisolierung. Und vielleicht auch welche mit hübschen Bisazza-Mosaikfliesen, damit die Gegend nicht so verschandelt wird. In Einkaufszonen oder an Bahnhöfen könnten gut abwaschbare Wände dort aufgestellt werden, wo Obdachlose und Alkis sitzen. Für Rollstuhlfahrer könnte man so eine Art Rolli-Burka entwickeln, die das gebrochene Glücksversprechen verhüllt.

Aber nicht nur in Deutschland gäbe es unzählige Einsatzmöglichkeiten. Im ärmeren Ausland würden Slum-Wände, die ganze Viertel abschirmen, zum absoluten Verkaufsschlager werden. Wobei wir nicht gleich den ganzen Bestand exportieren sollten. Einige Abschirmwände sollten wir behalten. Sie werden um ein paar Einfamilienhäuser in Langenbek herum aufgestellt. Damit man sich nicht so zu schämen braucht.

Mehr zum Thema
Newsletter
Alle Kolumnisten


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.