07. Dezember 2012, 16:22 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Die Große Koalition der Moralverweigerer

Eine Kolumne von Georg Diez

Was hat Peter Handke mit dem Duo Merkel und Steinbrück gemeinsam? Kriterien, nach denen klare moralische oder politische Urteile zu fällen sind, haben keinen Platz im Machtsystem der beiden Politiker - und in der Literatur der Empfindsamkeit auch nicht.

Es war eine Woche der großen rechten, kapitalistischen Verwirrung, was an sich nichts Besonderes ist in dieser Zeit auch der großen linken, kapitalistischen Verwirrung: Habe ich rechts gesagt? Habe ich links gesagt? Ist das in der deutschen Politik nicht längst abgeschafft?

In Hannover jedenfalls traf sich die CDU, um "Madame 97,9%" zu wählen, wie "Le Monde" Angela Merkel ab jetzt nennt - die deutschen Kommentatoren sprachen lieber von "kubanischen Verhältnissen", und die Delegierten waren so begeistert von ihrer Máxima Lider, dass sie ihr gleich zwei Glückwunschsträuße in die Hand drückten und Merkel nicht wusste, wie und wohin damit: Verwirrung Nummer eins.

Eigentlich aber sollte es ja darum gehen zu zeigen, wie offen, wie pluralistisch, wie wählbar die CDU auch für Menschen mit einem Volvo ist - wenn sie nicht gerade "bürgerlich, bürgerlich" skandieren, als sei das schon eine politische Position, und als seien die ach so bürgerlichen Grünen damit automatisch in koalitionäre Geiselhaft zu nehmen, dann hupen sie bei der CDU gerade "urban, urban", denn so wollen sie wieder mal Wahlen gewinnen und nicht nur eine Kanzlerin haben.

Eine Weile sah es auch recht gut aus mit "urban", es sprach ein Mann mit einer schmalen schwarzen Brille, wie man sie jetzt sogar bei Fielmann bekommt, und setzte sich sehr für die steuerliche Gleichstellung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren ein - aber auf einmal stand da ein Marsmännchen am Rednerpult und sagte, dass Gott Mann und Frau erschaffen habe, und dass er sich dabei schon etwas gedacht hat, und die Mehrheit der CDU-Delegierten buchstabierte noch mal kurz den Namen der Partei, C-D-U, und sagte, genau, der Mann hat Recht, Gott wird sich schon was dabei gedacht haben.

Madame 97,9% und Monsieur 25.000 Euro

Verwirrung Nummer zwei: Schluss mit "urban", wir wollen lieber Weinköniginnen als Schwule - und dann wird auch noch die urbane Übermutter Ursula von der Leyen zu Madame 69%, so viel Macho muss sein.

Den Satz der Woche allerdings sagte Mathias Döpfner, der das vergangene Jahr fast vollständig mit den anderen Occupy-Helden verbracht hat und Suppe gekocht und Demokratie geübt und halt das böse System bekämpft hat. "In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren", sagte Döpfner im Interview mit der "Zeit", Verwirrung Nummer drei, und distanzierte sich eindeutig davon, dass man den Springer Verlag, von dem er sein Gehalt bekommt, als ein Unternehmen der freien Marktwirtschaft bezeichnet.

Und damit nicht noch mehr Verwirrung entsteht, strich Peer Steinbrück erst seinen Vortrag bei "einer Schweizer Bank" alias "die Geldwäscher" alias "der Teufel", und fuhr dann nach Hannover, es sollte hier kein Wähler durcheinanderkommen, gleiche Stadt, die große warme Mitte, um sich von der SPD offiziell zum Vizekanzler der CDU-SPD-Koalition von 2013 wählen zu lassen - Wahlkampf war gestern, aber Madame 97,9% und Monsieur 25.000 Euro werden sich wieder prächtig verstehen.

Was das alles mit Peter Handke zu tun hat? Der wurde zum einen 70 Jahre alt, hat zum anderen vor vielen, vielen Jahren, 1972, mal eines der genauesten, knappsten, traurigsten Bücher überhaupt geschrieben: "Wunschloses Unglück" - und wurde jetzt, ausgerechnet von der ex-linken "taz", zum "Waldgänger" im Sinn des unlinken Ernst Jünger ernannt.

Es reicht eben schon, wenn man sich weit von dem absetzt, "was in der Welt der Moral und der Politik als wahr und richtig oder wenigstens als akzeptabel betrachtet wird", so steht es auf Seite eins der "taz", natürlich als Lob gemeint, es reicht schon, wenn man mal Milosevic verteidigt und mal Pilze sammelt und sich sonst ganz auf seine "Empfindungen" oder sein "Empfinden" verlässt - und schon wird man, ganz im Sinne von Mathias Döpfner und dann eben doch wieder ganz politisch, zum "Vorbild für eine nicht am Konsum, sondern am originären Denken orientierte Existenzweise".

Verklärung der Innerlichkeit

Dabei ist "Empfinden" doch eigentlich nicht nur ein sehr unangenehmes Wort, vor allem, wenn es als Kriterium für Literatur verwendet wird - es ist vor allem ein falsches oder irreführendes Wort, denn das Handke-Projekt war ja anfangs erst einmal eines der Beschreibung, der Äußerlichkeit, des Anti-Empfindens also: Sein Schreiben war eben kein Projekt der Romantik, sondern eines der Rationalität. Seinen Verstand und seine Sprache benutzte er dazu, die Welt in Eindrücke zu zerlegen.

"Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist", so camusig klar beginnt "Wunschloses Unglück", "und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte." In die Welt hinein will Handke und nicht sofort von der Welt weg.

Ist also "Empfinden" ein rechtes Wort? Ja und nein. Es ist auf jeden Fall eine ziemliche Leerstelle, es ist eine Verklärung der Innerlichkeit, es ist so etwas wie die Große Koalition der Literatur, weil es die Kriterien aufhebt, nach denen klare, letztlich auch moralische oder politische, Urteile zu fällen sind - hier klumpt Bedeutung, dort klumpt Politik, hier geht es um Morgenröte, dort geht es um Machterhalt.

"Lange vor Sonnenaufgang wurde das Tal vor meinen Augen in eine andere Sonne, die Buchstabensonne, getaucht, welche rückwirkte in den nächtlichen Schacht hinein und dort doch eine Art von Entsühnung schuf, indem sie die Risse im Lehm meiner Schlafstelle - ein bronzener Schein darüber - zu einer gleichmäßigen Schrift von Vielecken verknüpfte, der dem Ort entsprechenden Gedenktafel."

Auch das ist Handke, seine Slowenien-Reise "Die Wiederholung" von 1986, schon im Schatten der Weltpolitik, nie im Schatten der Welt. Wohin das führt, diese Kriterienlosigkeit, hat er schon selbst erkannt: "Die freie Welt, das war, so die Übereinkunft, die, aus der ich gerade kam - für mich dagegen im Augenblick die, die ich so buchstäblich vor mir hatte", schreibt er. "Dass es eine Täuschung war, das wusste ich schon damals. Aber solcher Art Wissen wollte ich nicht, oder richtiger: Ich wollte es loswerden".


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