S.P.O.N. - Der Kritiker: Die Große Koalition der Moralverweigerer

Eine Kolumne von Georg Diez

Was hat Peter Handke mit dem Duo Merkel und Steinbrück gemeinsam? Kriterien, nach denen klare moralische oder politische Urteile zu fällen sind, haben keinen Platz im Machtsystem der beiden Politiker - und in der Literatur der Empfindsamkeit auch nicht.

Es war eine Woche der großen rechten, kapitalistischen Verwirrung, was an sich nichts Besonderes ist in dieser Zeit auch der großen linken, kapitalistischen Verwirrung: Habe ich rechts gesagt? Habe ich links gesagt? Ist das in der deutschen Politik nicht längst abgeschafft?

In Hannover jedenfalls traf sich die CDU, um "Madame 97,9%" zu wählen, wie "Le Monde" Angela Merkel ab jetzt nennt - die deutschen Kommentatoren sprachen lieber von "kubanischen Verhältnissen", und die Delegierten waren so begeistert von ihrer Máxima Lider, dass sie ihr gleich zwei Glückwunschsträuße in die Hand drückten und Merkel nicht wusste, wie und wohin damit: Verwirrung Nummer eins.

Eigentlich aber sollte es ja darum gehen zu zeigen, wie offen, wie pluralistisch, wie wählbar die CDU auch für Menschen mit einem Volvo ist - wenn sie nicht gerade "bürgerlich, bürgerlich" skandieren, als sei das schon eine politische Position, und als seien die ach so bürgerlichen Grünen damit automatisch in koalitionäre Geiselhaft zu nehmen, dann hupen sie bei der CDU gerade "urban, urban", denn so wollen sie wieder mal Wahlen gewinnen und nicht nur eine Kanzlerin haben.

Eine Weile sah es auch recht gut aus mit "urban", es sprach ein Mann mit einer schmalen schwarzen Brille, wie man sie jetzt sogar bei Fielmann bekommt, und setzte sich sehr für die steuerliche Gleichstellung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren ein - aber auf einmal stand da ein Marsmännchen am Rednerpult und sagte, dass Gott Mann und Frau erschaffen habe, und dass er sich dabei schon etwas gedacht hat, und die Mehrheit der CDU-Delegierten buchstabierte noch mal kurz den Namen der Partei, C-D-U, und sagte, genau, der Mann hat Recht, Gott wird sich schon was dabei gedacht haben.

Madame 97,9% und Monsieur 25.000 Euro

Verwirrung Nummer zwei: Schluss mit "urban", wir wollen lieber Weinköniginnen als Schwule - und dann wird auch noch die urbane Übermutter Ursula von der Leyen zu Madame 69%, so viel Macho muss sein.

Den Satz der Woche allerdings sagte Mathias Döpfner, der das vergangene Jahr fast vollständig mit den anderen Occupy-Helden verbracht hat und Suppe gekocht und Demokratie geübt und halt das böse System bekämpft hat. "In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren", sagte Döpfner im Interview mit der "Zeit", Verwirrung Nummer drei, und distanzierte sich eindeutig davon, dass man den Springer Verlag, von dem er sein Gehalt bekommt, als ein Unternehmen der freien Marktwirtschaft bezeichnet.

Und damit nicht noch mehr Verwirrung entsteht, strich Peer Steinbrück erst seinen Vortrag bei "einer Schweizer Bank" alias "die Geldwäscher" alias "der Teufel", und fuhr dann nach Hannover, es sollte hier kein Wähler durcheinanderkommen, gleiche Stadt, die große warme Mitte, um sich von der SPD offiziell zum Vizekanzler der CDU-SPD-Koalition von 2013 wählen zu lassen - Wahlkampf war gestern, aber Madame 97,9% und Monsieur 25.000 Euro werden sich wieder prächtig verstehen.

Was das alles mit Peter Handke zu tun hat? Der wurde zum einen 70 Jahre alt, hat zum anderen vor vielen, vielen Jahren, 1972, mal eines der genauesten, knappsten, traurigsten Bücher überhaupt geschrieben: "Wunschloses Unglück" - und wurde jetzt, ausgerechnet von der ex-linken "taz", zum "Waldgänger" im Sinn des unlinken Ernst Jünger ernannt.

Es reicht eben schon, wenn man sich weit von dem absetzt, "was in der Welt der Moral und der Politik als wahr und richtig oder wenigstens als akzeptabel betrachtet wird", so steht es auf Seite eins der "taz", natürlich als Lob gemeint, es reicht schon, wenn man mal Milosevic verteidigt und mal Pilze sammelt und sich sonst ganz auf seine "Empfindungen" oder sein "Empfinden" verlässt - und schon wird man, ganz im Sinne von Mathias Döpfner und dann eben doch wieder ganz politisch, zum "Vorbild für eine nicht am Konsum, sondern am originären Denken orientierte Existenzweise".

Verklärung der Innerlichkeit

Dabei ist "Empfinden" doch eigentlich nicht nur ein sehr unangenehmes Wort, vor allem, wenn es als Kriterium für Literatur verwendet wird - es ist vor allem ein falsches oder irreführendes Wort, denn das Handke-Projekt war ja anfangs erst einmal eines der Beschreibung, der Äußerlichkeit, des Anti-Empfindens also: Sein Schreiben war eben kein Projekt der Romantik, sondern eines der Rationalität. Seinen Verstand und seine Sprache benutzte er dazu, die Welt in Eindrücke zu zerlegen.

"Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist", so camusig klar beginnt "Wunschloses Unglück", "und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte." In die Welt hinein will Handke und nicht sofort von der Welt weg.

Ist also "Empfinden" ein rechtes Wort? Ja und nein. Es ist auf jeden Fall eine ziemliche Leerstelle, es ist eine Verklärung der Innerlichkeit, es ist so etwas wie die Große Koalition der Literatur, weil es die Kriterien aufhebt, nach denen klare, letztlich auch moralische oder politische, Urteile zu fällen sind - hier klumpt Bedeutung, dort klumpt Politik, hier geht es um Morgenröte, dort geht es um Machterhalt.

"Lange vor Sonnenaufgang wurde das Tal vor meinen Augen in eine andere Sonne, die Buchstabensonne, getaucht, welche rückwirkte in den nächtlichen Schacht hinein und dort doch eine Art von Entsühnung schuf, indem sie die Risse im Lehm meiner Schlafstelle - ein bronzener Schein darüber - zu einer gleichmäßigen Schrift von Vielecken verknüpfte, der dem Ort entsprechenden Gedenktafel."

Auch das ist Handke, seine Slowenien-Reise "Die Wiederholung" von 1986, schon im Schatten der Weltpolitik, nie im Schatten der Welt. Wohin das führt, diese Kriterienlosigkeit, hat er schon selbst erkannt: "Die freie Welt, das war, so die Übereinkunft, die, aus der ich gerade kam - für mich dagegen im Augenblick die, die ich so buchstäblich vor mir hatte", schreibt er. "Dass es eine Täuschung war, das wusste ich schon damals. Aber solcher Art Wissen wollte ich nicht, oder richtiger: Ich wollte es loswerden".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wen- die Seelenblähungen eines Egomanen interessieren......
salomedietrich 07.12.2012
und sich beim Lesen generell gerne langweilt, über die emotionslose und motivationslose Leere des uninteressanten Menschen Handke`s informieren, langweilen will- der soll sich die Strafe antun-seine Ergüsse zu lesen. Man konnte sich über die Bosheiten und Monomanien Thomas Berhard noch amüsieren, aber Handke - langweilt nur - zu Tode. Sein "Wunschloses Unglück" ist nur ärgerlich. Denn wenn eine Frau in einem kärnterischem Kaff nur totunglücklich in ihrer Ehe ist- so sollte man meinen ihr-inzwischen bekannter Schreiberling hätte die Ressourcen gehabt, diese Frau, seine Mutter aus diesem Elend herauszuholen. Dass er dies nicht tat, sondern ihren Selbstmord meticulös in Einzelheiten beschrieb, ist nicht nur peinlich, sondern schon pathologisch absurd!
2. Die Große Koalition der Moralverweigerer
caecilia_metella 07.12.2012
Schöner Titel. Und nette kleine Seitenhieben auch. Wie lange wird sie Moralverweigerung noch durchhalten? Übrigens bin ich der Meinung, es wird Ihnen Welten eröffnen, wenn Sie erkennen, dass Gott auch Journalistinnen und Leserinnen erschaffen hat, die sie für sich sprechen oder schreiben lässt. Nicht ganz vollkommene Menschen können Sie dann daran zu erkennen, dass sie sich unlogisch äußern. Gott (http://de.wikipedia.org/wiki/Gott#Bedeutungsverschiebung_zu_christlicher_Zeit) Ich glaube, dass Gott auch schon damit rechnet, dass es phantasiebegabte Männer wie Peter Handke gibt, die auch die nötige Zeit haben, warum auch immer. Und Gott weiß natürlich auch genau, was sie wollen. Ich wünsche mir manchmal mehr Zeit, um wirklich keinen guten Autor zu übersehen.
3. Die Sache mit der Moral
Spiegelkritikus 07.12.2012
Zitat von sysopWas hat Peter Handke mit dem Duo Merkel und Steinbrück gemeinsam? Kriterien, nach denen klare moralische oder politische Urteile zu fällen sind, haben keinen Platz im Machtsystem der beiden Politiker - und in der Literatur der Empfindsamkeit auch nicht. S.P.O.N. Kolumnisten: Georg Diez über Angela Merkel und Peter Handke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-kolumnisten-georg-diez-ueber-angela-merkel-und-peter-handke-a-871590.html)
Ach Herr Diez, was haben Sie denn da zusammengeschwurbelt? Den Handke hätten Sie getrost weglassen können, anstatt angestrengt potentielle Gemeinsamkeiten zu konstruieren. Übrigens sind moralische und politische Urteile zwei paar Stiefel, wie unsere Bürger fast täglich feststellen können, wenn sie sich über die praktizierte Politik wundern (ganz aktuell: Rüstungsexporte). Bekanntlich helfen mächtige Unternehmen bzw. deren Lobbyisten der politischen Moral gerne auf die Sprünge. Merkel und Steinbrück haben natürlich wie jeder Mensch auch eine persönliche Moral und sie haben ihre Kritierien, nach denen sie entsprechende Urteile fällen. Während bei Merkel das Kriterium "Macht" im Vordergrund steht, ist es bei Steinbrück offensichlich "Geld". Selbstverständlich sind bei beiden noch weitere Kriterien im Spiel. Aber als Handlungsmaxime im Kantischen Sinn sind "Macht" bzw. "Geld" durchaus leitend. Merkels kategorischer Imperativ würde also so lauten: "Handle machtmaximierend!", der von Steinbrück: "Handle profitmaximierend!". Der bescheidene Philosoph Kant dagegen forderte als kategorischen Imperativ der Vernunft: "Handle verallgemeinerungsfähig". Da müssen wir in der heutigen Politik allerdings lange suchen, bis wir jemand finden, der sich daran hält!
4. Moralverweigerer!
maliperica 07.12.2012
Zitat von sysopWas hat Peter Handke mit dem Duo Merkel und Steinbrück gemeinsam? Kriterien, nach denen klare moralische oder politische Urteile zu fällen sind, haben keinen Platz im Machtsystem der beiden Politiker - und in der Literatur der Empfindsamkeit auch nicht. S.P.O.N. Kolumnisten: Georg Diez über Angela Merkel und Peter Handke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/s-p-o-n-kolumnisten-georg-diez-ueber-angela-merkel-und-peter-handke-a-871590.html)
Es sollte heißen daß noch immer die großen Moralisten neben Moralverweigerer bestehen. Übrigens wie würde man entsprechenden der gegenwärtigen aktuellen Prozessen, geprägt durch die Umwertung allen Werten, einen Moralist definieren?
5. Sehr treffend
Semonides 07.12.2012
Wenn wir Maßstäbe allein noch an und in uns selbst individuell finden, gewertet durch das Empfinden oder zuvörderst dessen Intensität, verlieren wir das Gemeinsame. Was uns als Menschen eint und auch voreinander schützt sind gemeinsam geteilte Werte, Gesetze allgemeiner Geltung. Wer diese aufgibt verliert sich in einer individuelle Beliebigkeit, die von ihrer überdehnten Individualität nichts mehr weiß. Schon Hegel wußte, daß „Ich“ zu sich zu sagen zugleich das Individuelleste als auch das Allgemeinste ist: Zu mir kann nur ich „Ich“ sagen, jedoch kann jeder zu sich auch „Ich“ sagen. Wir sind eben nur so sehr individuelles Selbst wie wir zugleich Teil der Gemeinschaft sind. Robinson auf seiner Insel ist eben nicht individuell, sondern bloß allein. Mag das nach Elfenbeinturm klingen, fußt es doch mitten im Leben. Wir haben uns an Sätze gewöhnt, die den Verlust des Maßstabs zum Maßstab erklären. „Zum Streit gehören immer zwei“ beispielsweise, als könne nicht einer allein endlose Kriege beginnen. „Jeder hat seine Wahrnehmung“, als hätte Wahr-Nehmung, das Für-wahr-nehmen irgendetwas mit Wahrheit zu tun. Beispiele, deren formulierte Beliebigkeit dem Psychologen Arbeit verschaffen, dem Alltagsleben aber nur Last sind. Weil sie kein Maß haben. Weil sie nur Problem sind und keine Lösung. Politische Standardformulierungen funktionieren da nicht anders: „Ich übernehme die volle politische Verantwortung“ etwa. Da hat der Politiker sie nun, die Verantwortung, sie gehört ihm persönlich, er steckt sie in die Tasche - und geht essen. Von Verantwortung als Rede und Antwort stehen keine Spur. Eher von ver-antworten im Sinne von ver-laufen. Was immerhin paßte zum Ver-trauen des Wählers. Spätestens hier fügt sich die hemmungslose Individualisierung des Maßstabs zur hemmungslosen Kollektivierung der Probleme: Gemeinsamkeit finden wir nicht mehr im Maßstab sondern nurmehr darin, die Folgen seines Verlusts zu ertragen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Der Kritiker
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare
Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

Facebook