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25. April 2012, 19:52 Uhr

Foto-Ausstellung "Out Of Focus"

Die Bilder der Zukunft

Von , London

Manipulation als Ausdrucksform: Die Digitaltechnik regt viele Fotografie-Profis zu neuen Experimenten an. Wie vielseitig Fotokunst heute ist, zeigt eine große Ausstellung in der Londoner Saatchi-Galerie.

Wo hört ein normales Foto auf? Und wo fängt die Kunst an? Das ist die Frage, die 38 Fotokünstler in der Londoner Saatchi-Galerie auf ihre eigene, oft sehr eigenwillige Weise beantworten. Denn die meisten Werke in der neuen Ausstellung "Out Of Focus" sind nicht einfach fotografiert. Sie sind konstruiert, komponiert, zusammengeklebt oder sonstwie bearbeitet.

"Viele Fotografen verstehen sich nicht mehr nur als Fotografen, sondern als Künstler", sagt Rebecca Wilson, Direktorin der Saatchi-Galerie. "Sie erweitern ständig die Grenzen der Fotografie." Und genau aus diesem Grund hat Saatchi Arbeiten versammelt, die diese Grenzen überschreiten. Sie stellt Künstler aus, die zwar teilweise von Weltruf sind - aber eben nicht zum Mainstream der Szene zählen.

Der Engländer John Stezaker etwa fotografiert gar nicht erst selbst, sondern bastelt seine kubistischen Porträts aus fremden Bildern. Eine Hälfte Mann, eine Hälfte Frau - und schon hat er ein neues androgynes Gesicht geschaffen. Ähnlich arbeitet der Japaner Sohei Nishino: Seine Stadtpläne von New York, Paris und Tokio sind aus vielen kleinen Fotos zusammengesetzt. Die Bilder haben eine Unzahl verschiedener Perspektiven - eine schwindlig machende Mischung aus Google Earth und Kinderatlanten, wo Orte durch Abbildungen von Sehenswürdigkeiten markiert werden.

Auch die Serie des Deutschen Andreas Gefeller wirkt nur auf den ersten Blick wie aus Originalfotos gestaltet. Sie zeigt die mit Farbe verschmierten Fußböden der Düsseldorfer Kunstakademie aus der Vogelperspektive. Die Bilder sind in Wirklichkeit aus bis zu 2500 Einzelfotos entstanden. Mit einer Kamera an der Stirn hat Gefeller den Fußboden Stück für Stück abfotografiert und hinterher digital zu einem einzigen, großen Gesamtbild zusammengefügt.

Vielfalt zeitgenössischer Fotokunst

"Out Of Focus" ist die erste große Foto-Ausstellung in der berühmten Saatchi-Galerie seit der "I Am Camera"-Show 2001. Damals sorgte die US-Amerikanerin Tierney Gearon mit Bildern ihrer nackten Kinder für einen Skandal. Diesmal haben die Kuratoren auf solche Provokationen verzichtet.

Die Ausstellung zeigt auch einige Beispiele klassischer Dokumentarfotografie, etwa Mikhael Subotzkys Bilder aus den Ghettos von Südafrika oder Katy Grannans Porträts gewöhnlicher Amerikaner unter der gleißenden kalifornischen Sonne.

Doch vor allem will Saatchi die ganze Vielfalt zeitgenössischer - und vor allem zukunftsgerichteter - Fotokunst vorführen; von den romantischen, rot, gelb oder lila gefärbten Landschaftsfotos des Amerikaners David Benjamin Sherry bis hin zu Mariah Robertsons 30 Meter langer Fotopapier-Skulptur, die nicht an der Wand hängt, sondern sich auf dem Boden rollt.

Es gibt aufwendig inszenierte Bilder wie Ryan McGinleys "Tree#3", eine Gruppe nackter Jugendlicher in einem Nadelbaum, die an Gemälde alter Meister erinnern. Aber einige Räume weiter hängt eben auch eine recht alltäglich wirkende Schnappschuss-Sammlung von A.L. Steiner mit dem Titel "Queer is the new black". Die Collage aus 77 Fotos von Urlaub, Strand und nackten Brüsten ist offensichtlich ein Kommentar zur hemmungslosen Selbstentblößung des modernen Internetusers auf Facebook und Flickr. Nicht unbedingt ein ganz neues Thema. Der Anspruch in London ist also hoch - immer eingelöst wird er leider nicht.


"Out of Focus: Photography", Saatchi Gallery, London, 25. April bis 22. Juli

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