"Sabine Christiansen" Der Bischof und die Gebärmaschine

Schon nach wenigen Minuten ließ Bischof Walter Mixa die Luft aus der Diskussion bei "Christiansen": Seine Bemerkung, dass Frauen durch mehr Krippenplätze zu "Gebärmaschinen" degradiert würden, sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Was folgte, waren nur noch Binsen.

Von Henryk M. Broder


Es liegt in der Natur der einfachen Dinge, dass sie schrecklich kompliziert werden, sobald man sie zu diskutieren anfängt. Nehmen wir nur als Beispiel die Familie, die klassische Einheit von Vater, Mutter, Kind. Früher ging der Vater arbeiten, die Mutter war für den Haushalt zuständig und die Kinder gaben dem Leben der Eltern einen Sinn. Sie rackerten sich ab, damit die Kinder es eines Tages besser hätten, und wenn die Kinder sich undankbar oder renitent zeigten, drohten sie ihnen mit dem größtmöglichen Unheil: "Warte nur ab, bis du selber Kinder hast."

Augsburger Bischof Mixa bei "Christiansen": Wer rettet die Familie? Der Geistliche wusste auch keine Antwort
NDR/Johannes Eisele

Augsburger Bischof Mixa bei "Christiansen": Wer rettet die Familie? Der Geistliche wusste auch keine Antwort

So hatte alles seine Ordnung, auch wenn es manchmal weh tat. Inzwischen ist die normale Familie die Ausnahme, wie ein VW-Käfer ohne Servolenkung, Bremshilfe und Klimaanlage. Es gibt allein erziehende Mütter und Väter, Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern, Patchwork-Familien, Familien auf Zuruf und Familien auf Abruf. Was alles nicht dramatisch wäre, wenn die Geburtenrate nicht kontinuierlich und unaufhaltsam zurückgehen würde, sie liegt derzeit unter der "Reproduktionsrate", das heißt, die Bevölkerung schrumpft, die Infrastruktur der Gesellschaft kann nicht mehr finanziert, der Generationenvertrag muss neu verhandelt werden.

Und deswegen findet eine Debatte über die Familie statt. Was man tun müsste, um sie zu stärken, was man unterlassen sollte, um sie nicht weiter zu beschädigen. Real geht es um Umsätze, Investitionen und Subventionen, es wird aber so getan, als ginge es um immaterielle Werte: die Selbstbestimmung der Eltern, das Glück der Kinder, das Leben hinter dem Regenbogen der wahren Liebe.

Und wie bei allen vorausgegangen Debatten über das Prekariat, das allgemeine Rauchverbot in öffentlichen Räumen oder den Einsatz der deutschen Marine vor der libanesischen Küste, wird auch die Debatte über die Familie im vollen Bewusstsein ihrer Nichtigkeit geführt. Denn alle wissen, dass man Menschen, sie sich nicht vermehren wollen, mit finanziellen Anreizen nicht dazu bewegen kann, sich fortzupflanzen, dass es allenfalls andersrum funktioniert, wie im Reich der Mitte, wo mit repressiven Maßnahmen die Ein-Kind-Familie durchgesetzt wurde.

Absurder Angriff auf die Würde der Frau

Doch bevor die Einsicht die Oberhand gewinnt, dass die menschliche Natur eine zähe Materie ist, die sich sozialpolitischen Eingriffen widersetzt, treffen sich alle noch einmal bei "Sabine Christiansen", um die üblichen Gemeinplätze auszutauschen. Der Bischof von Augsburg, Walter Mixa, der eine Vermehrung der Krippenplätze für einen Angriff auf die Würde der Frau hält, die zu einer "Gebärmaschine" degradiert werde; die ehemalige Moderatorin Margarete Schreinemakers, die sich schon sehr früh für einen Vorruhestand jenseits der deutschen Steuergrenzen im Kreise ihrer Familie entschieden hat; der Unternehmer Wolfgang Grupp, der einen Familienbetrieb führt und zu den vielen Menschen im Lande gehört, die in keiner Situation von Zweifeln geplagt werden; dazu der nordrheinwestfälische Minister für "Generationen, Familie, Frauen und Integration", Armin Laschet; eine Soziologin, die 1997 aus Protest in die Kirche eingetreten ist, und eine Unternehmerin und Mutter, die keine Mühe hat, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Und dann dauerte es nur wenige Minuten, bis der Heißluftballon schlapp machte und zu einer Notlandung ansetzte. Seine Worte über die Gebärmaschine seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, erklärte der Bischof von Augsburg, er habe nur für die Frau eintreten wollen, der man es überlassen müsse, ob sie daheim bleiben oder arbeiten und ihr Kind in einer Krippe abgeben wolle.

"Das klingt so, als könnte man nichts dagegen sagen", sagte daraufhin Sabine Christiansen, und es wäre ein schönes Schlusswort gewesen, wenn nur die Zeit schon vorbei gewesen wäre. "Ich verstehe das gar nicht", meinte Margarete Schreinemakers, in Belgien, wo sie seit 15 Jahren lebe, gebe es solche Probleme nicht. Die Haltung der Belgier zu Kindern sei sehr positiv. "Kinder sind uns wichtig!"

Weder Rabenmutter noch Heimchen am Herd

Niemand griff diese Pointe auf; dafür rechnete die Soziologin vor, in welchem Ausmaß Familien mit Kindern unterprivilegiert sind: "Eine Familie mit zwei Kindern hat zehn Euro unter dem Existenz-Minimum, ein Junggeselle 800 Euro darüber." Wenig später brillierte sie mit einer anderen Statistik: "In Schweden ist jedes dritte Kind psychisch gestört! Ergebnis der schwedischen Familienpolitik, die auf Krippen und Kindergärten setzt."

Die Unternehmerin verwahrte sich gegen den Vorwurf, eine schlechte Mutter zu sein, den niemand erhoben hatte; der Chef des Familienunternehmens verkündete: "Die Basis unserer Gesellschaft ist die Familie", der Bischof machte einen konstruktiven Vorschlag: Die allein erziehende Mutter sollte "weder Rabenmutter noch Heimchen am Herd" sein, beides sei "unpassend in unserer Zeit", richtig sei es dagegen, "das Elterngeld anzuheben", um Müttern zu helfen, "die bereit sind, für ihre Kinder da zu sein".

In diesem heiteren Einerlei der Binsen gab es nur wenige Aussetzer. Der Familienunternehmer sagte: "Wir waren immer für unsere Kinder da, vor allem meine Frau", und bekannte gleich darauf, er und seine Frau hätten die Kinder im Alter von 10 und 11 Jahren "ins Internat geschickt", was ihnen aber nicht geschadet habe. Die ehemalige Moderatorin wies auf die "große Frustration bei Frauen" hin, "die zu Hause sind", und der Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration forderte einen "Klimawechsel" in den Unternehmen. Einig waren sich alle in einem Punkt: dass der Staat mehr tun müsse, um die Lust am Kinderkriegen anzufachen. Womit wir wieder ganz am Anfang wäre: Bei den einfachen Dingen, die schrecklich kompliziert werden, sobald man sie zu diskutieren anfängt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.