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Sabine Christiansen: Queen Blabla dankt ab

Von Reinhard Mohr

Sabine Christiansens Sonntags-Seminar hat in absehbarer Zeit ein Ende. Der Polit-Talk ist damit aber noch lange nicht gerettet: Die ARD-Frau ist lediglich Symptom der allgemeinen Gesprächsunkultur im Fernsehen.

Im ersten Augenblick wollte man es gar nicht glauben, mitten im fröhlichen WM-Trubel. Und eigentlich sind wir derzeit ja mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt - mit Lahm, Huth, Klose, Podolski, Ballack und Schneider, kurz: mit der Mannschaftsaufstellung gegen die Ikea-Smörebröd-Connection für morgen Nachmittag, 17 Uhr in der Münchner WM-Arena. Aber es stimmt und ist zweifellos eine Medien-Sensation: Sabine Christiansen hört auf.

Das ist so, als würde Daimler-Chrysler plötzlich mitteilen lassen: Wir bauen keinen Mercedes mehr. Oder Aldi: Schluss mit dem Billig-Quark. Wir ziehen nach Bora Bora. Oder Thomas Gottschalk: Ich esse nie wieder Gummibärchen, wetten dass...?!

Und doch ist es wahr. Es ist das Ende einer Marke. So viel steht fest. Manche werden sagen: Das Ende einer Plage. Zur Sommerpause 2007, so viel ließ Sabine Christiansen, 48, heute mitteilen, höre sie nach zehn Jahren auf. Ab Herbst 2007 soll Günther Jauch, 49, der idealtypische deutsche Schwiegersohn, das Talkshow-Erfolgsformat der ARD übernehmen – wie bisher am Sonntagabend gleich nach dem "Tatort".

Über die Gründe für Sabine Christiansens Rückzug kann man nur spekulieren. Über den Zeitpunkt nicht weniger. Auch als Harald Schmidt Ende 2003 aufhörte und nach einem Jahr Pause doch wieder – nun bei der ARD – die Arbeit aufnahm, machten die wildesten Gerüchte die Runde: Ausgebrannt, mit dem Sender verkracht, private Probleme oder einfach Schnauze voll, es reicht. Man hat ja ein paar Euro beiseite legen können in den letzten Jahren. Ein anderes Leben anfangen. Vielleicht in Frankreich oder Amerika. Die "Verlagerung meines Lebensmittelpunkts ins Ausland" – so nennt man das heute. Aber gut, Joschka Fischer, frischgebackener Princeton-Professor, tut es ja auch.

Kassandra der Jammerkultur

Doch es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen Harald Schmidt und Sabine Christiansen. Harald Schmidt wurde schmerzlich vermisst. Sein blitzschneller Abgang wurde von wahren Feuilleton-Fanfaren begleitet, Heiligsprechung inklusive. Die ist bei Sabine Christiansen nicht zu befürchten. Sie will noch ein ganzes Jahr weitermachen. Damit droht ihr die Gefahr, zu einer "lame duck" zu werden, zu einer lahmen Ente der politischen Talkshow. 

Ironie der Geschichte: Jahr ein, Jahr aus bildete das sonntägliche Seminar bei "Sabine Christiansen" eine Art altgriechischen Trauerchor am deutschen Seinsabgrund; die Philharmonie der deutschen Jammerkultur, in der man sich so schön eingerichtet hatte – und gerade jetzt, da sich Deutschland in einem lange nicht erlebten Stimmungshoch befindet, kündigt die TV-Kassandra ihren Rückzug an.

Doch seien wir gerecht. Die Sendung war auch ein Spiegel des Zeitgeists, ein Sprachrohr des deutschen Mantras zwischen Wohlstandsanspruch und Abstiegsangst. Über diesen merkwürdigen Deutschland-Komplex ist inzwischen fast alles gesagt. Stichwort: "Reform ja, aber nicht bei mir!"

Leider hat Sabine Christiansen der Versuchung nicht widerstanden, aus ihrer zunächst gar nicht so politischen Gesprächsrunde – zu Beginn 1997 war eher von anspruchsvoller Unterhaltung die Rede – einen Gottesdienst der politischen Klasse zu machen mit ihr als einsam thronender Hohepriesterin, profaner: eine VIP-Lounge als televisionäres Ersatzparlament.

Posen statt Profundes

Wer in die erlesene Runde eingeladen wurde, durfte sich geadelt fühlen. Wer länger nicht eingeladen wurde, musste sich Sorgen um seine Zukunft machen. Allzu oft waren nicht Sachkompetenz und die Leidenschaft fürs Argument der Maßstab, sondern Prominenz und "Wischtischkeit", wie der gemeine Hesse sagt. Reden als repräsentativer Selbstzweck.

So saßen sich immer öfter dieselben Exzellenzen gegenüber und tauschten dieselben, lange schon bekannten Standpunkte aus. Meist ging es um den "Standort Deutschland", der im Laufe der Jahre so oft vor dem Abgrund stand, dass man sich fragt, warum wir überhaupt noch existieren. Wenn zuweilen doch ein interessantes Gespräch zustande kam, lag es am glücklichen Zufall, dass gerade dieser oder jener Gast etwas zu sagen hatte.

Aber auch hier folgte Sabine Christiansen der fatalen Neigung, eine einmal glückhaft aufkommende Diskussion, die mit Argumenten statt mit auswendig gelernten Zahlenkolonnen brillierte, sogleich zu unterbinden. Denn Streit ist bei ihr gleichsam nur als Parteienstreit erlaubt, als repräsentative Auseinandersetzung. Typisch dafür der immerwährende Kampf zwischen Guido Westerwelle und Frau Engelen-Kefer, zwischen der "neoliberalen Abrissbirne" des Sozialstaats und der "Keifziege" der gewerkschaftlichen Betonfraktion. Das kennt man, da hat man seinen Fragenkatalog, der abgearbeitet werden muss. Da kann man hart dazwischen gehen, ohne sich ein Lächeln zu verkneifen.

Rituale der Ödnis

Die offene Debatte scheute Sabine Christiansen aber noch aus einem anderen Grund: Sie war und ist ihr nicht gewachsen. Zuletzt kann auch ihr nicht entgangen sein, dass sich immer mehr Zuschauer abwandten, die früher, nach dem Ende des "Tatorts", den Fernseher erst mal weiter laufen ließen. Man wollte kurz mal reinschauen, denn klar, meist griff die Sendung das Thema oder den "Aufreger" der Woche auf. Je mehr aber das Ganze im vorhersehbaren Ritual erstarrte, desto weniger neugierig wurden die Zuschauer. Am Ende wurde "Sabine Christiansen" selbst zur Metapher einer deutschen Stagnation.

Mit dem Amtsantritt der Großen Koalition in Berlin kam verschärfend noch dazu, dass selbst der offizielle politische Streit erlahmte – eine Katastrophe für die Sendung, die sich selbst so wichtig nahm. Vielleicht ist jetzt die Gelegenheit günstig, über die Qualität der politischen Talkshows im deutschen Fernsehen noch einmal neu nachzudenken.

Und wenn ein unerbetener Rat erlaubt wäre: Sabine Christiansen sollte gleich aufhören, hier und jetzt. Es wäre ein Segen für alle Beteiligten.

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