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Sabine Christiansens "Mein 2008": Der Untergang des Abendprogramms

Von Reinhard Mohr

Für die Promiparade "Mein 2008" holte die ARD Sabine Christiansen aus der Versenkung. Und das war beileibe nicht der einzige Fehlgriff - die ganze Sendung war banal, verlogen, ein TV-Tiefpunkt: Unverschämteres hat man lange nicht gesehen.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger, sonst nicht unbedingt für die angemessene Wortwahl in jeder Lebenslage berühmt, sprach bei einem Neujahrsempfang vor wenigen Tagen vom "Scheiß-Privatfernsehen". Das sei mitschuldig an der grassierenden Jugendgewalt.

Was die Jugendgewalt betrifft, sind wir nicht ganz sicher. Beim "Scheiß-Fernsehen" schon. Es zieht auch ältere, ganz friedliche und sittlich gereifte Bürger immer stärker in Mitleidenschaft. Am wichtigsten aber, auch wenn man den schwäbischen Kraftausdruck nicht wiederholen will: Man findet dieses Phänomen der grenzenlosen Verdummung und ästhetischen Verwahrlosung auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das jährlich fette sieben Milliarden Euro Gebühren erhält für seinen angeblichen Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsauftrag.

Von wegen. Nix is.

Gestern Abend hatte das Grauen wieder einen Namen. "Sabine Christiansen: Mein 2008" hieß der schreckliche Kessel Buntes, der eineinhalb Stunden lang über den Zuschauern ausgeschüttet wurde. Etwas Schlechteres, Langweiligeres und zugleich Ärgerlicheres, nachgerade Unverschämteres hat man lange nicht gesehen, obwohl schon die vorhergehende TV-Schmonzette "Das Traumhotel - Karibik" beinah jedes denkbare Niveau für einen ARD-Fernsehfilm am Freitagabend unterboten hatte.

In einer nicht enden wollenden Dauerprozession schleuste Sabine Christiansen, 50, die Gäste ihrer einmaligen Jahresvorschau durch das Berliner Fernsehstudio, die jeweils kaum mehr als ein paar Sätze sagen durften. Von Jörg Kachelmann einmal abgesehen, der im gewohnten Redefluss eines tropischen Wasserfalls seine obskure Jahreswettervorhersage ablieferte.

EM gewinnen und Klima retten - wow!

Nadja Uhl, für viele Beobachter die derzeit beste und schönste deutsche Schauspielerin, konnte gerade einen einzigen Satz loswerden, bevor sie und ihre Schauspielerkollegen wieder vom riesigen weißen Sofa gescheucht wurden. "Bully" Herbig dagegen, aus unerfindlichen Gründen allüberall dabei, durfte ausführlich Werbung für seinen neuen Kinofilm machen.

Auch Babs Becker, warum immer sie eingeladen worden war, steuerte zwei Sätze zur Zukunft bei, die man aber schon in dem Augenblick, da sie ausgesprochen wurden, vergessen hatte. Und so ging es Schlag auf Schlag, nur ohne Raab.

Daimler-Chef Zetsche lobte den deutschen Aufschwung und Wolfgang Joop die Kreativität der deutschen Hauptstadt. Oliver Bierhoff hofft, o Wunder, o Überraschung, auf den Titelgewinn bei der Fußballeuropameisterschaft, und Reinhold Messner setzt auf deutsche Technologie bei der Rettung des Weltklimas.

Jean-Claude Juncker, seit Jahren eine Spitzenkraft des politisch zusammenwachsenden Europas, zeigte sich allerdings nicht "übermäßig optimistisch", also: angemessen realistisch. Als einer unter vielen saß der europäische Spitzenpolitiker in dieser Massenpromiparade und wartete brav, bis er an die Reihe kam.

Stars, Stars, Stars

Wie selten zuvor vermittelte das verheerende Christiansen-Revival, das einzig und allein der uferlosen Eitelkeit dieser Grand Old Schachtel des Sonntagabendtalks diente, welche Selbstanmaßung das Fernsehen in unseren Tagen inszeniert. Auf unterstem Illustriertenniveau, absolut beliebig und völlig unterschiedslos werden einzigartige Persönlichkeiten aus allen Lebens- und Arbeitsbereichen am Fließband durchs Programm geschleust. Wie in einer Zirkusarena führte Frau Direktorin ihre teuren Pferdchen vor, ob gefeierte Olympioniken, erfolgreiche Forscher oder verdienstvolle Helfer.

Der 80 Jahre alt gewordene Karl-Heinz Böhm durfte immerhin kurz erwähnen, dass er inzwischen äthiopischer Staatsbürger sei. Dazwischen hüpften und sprangen immer mal wieder Kinder und extrem wendige Chinesen durchs Bild, hier ein Showact, dort ein fettes "Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen"-Klischee, und fertig war die Jahreseinheitssoße einer kolossalen Verlogenheit.

Nur folgerichtig war es, dass am Ende auch noch Patricia Riekel, Chefredakteurin der "Bunten", etwas über "innere Werte" sagen durfte. Selbstverständlich war auch ihr Mann, "Focus"-Chef Helmut Markwort, mit von der Partie. Und Geraldine Chaplin, Günter Netzer, Michael Mendl, Dr. Dietrich Grönemeyer, Franzi von Almsick, Waldi Hartmann, versteht sich. Nur Klinsi fehlte, denn, leider - und Pech aber auch - war dieses Gesamtkunstwerk des Schreckens schon am vergangenen Donnerstag aufgezeichnet worden. So konnte nicht mal eine kleine La-Ola-Welle der einst glücklichen WM-Begeisterung durchs Studio fegen.

Meine Show und meine besten Freunde

Dafür kam eine heisere Angela Merkel per Videoschalte aus dem Kanzleramt zu Wort, in der sie uns allen und Deutschland als Ganzes nur Gutes wünschte. Tolle Sache. Und mit gutem Beispiel will sie auch vorangehen: Beim EM-Spiel gegen die Ösis im Juni wird sie im Stadion sein und kämpferisch ihre Kanzlerinnenärmchen gen Himmel recken, wie im Traumsommer 2006.

Beinah hätte man noch was vergessen: das Traumpaar der Peinlichkeitsparade, Henning Mankell und Peter Maffay. Beide sind große Freunde Afrikas und werben für "mehr Geduld". Eine steile These in diesen Tagen, da täglich Tausende sterben.

Man hatte die Geduld aber längst verloren. Um den schlimmsten Leidensdruck im Sekunden-Zapping abzulassen - wir geben es zu! - schalteten wir immer mal wieder kurz zu RTL ins "Dschungelcamp". Und siehe da, wenigstens für ein paar Augenblicke labte und erquickte uns der Blick in die grüne Hölle.

Die echte Hölle hieß gestern Abend Sabine Christiansen, und es bleibt nur eine letzte Hoffnung: dass es ein böser Alptraum war.

Ganz sicher ist das allerdings nicht. Denn schon gleich danach, in der penetranten Hymne auf den gerade verabschiedeten Intendanten des NDR, Jobst Plog, tauchte sie wieder auf - als Zeugin der Selbstlob-Orgie der ARD.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 249 Beiträge
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1. Aber, aber
SNA 12.01.2008
Zitat von sysopFür die Promiparade "Mein 2008" holte die ARD Sabine Christiansen aus der Versenkung. Und das war beileibe nicht der einzige Fehlgriff - die ganze Sendung war banal, verlogen, ein TV-Tiefpunkt: Unverschämteres hat man lange nicht gesehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,528200,00.html
In allem hat der Autor Recht. Nur darin nicht, dass wir ohne öffentlich-rechtliches besser dran wären. Italien ist ein abschrekendes Beispiel. Und von Monitor bis tagesthemen wäre manch' politischer Skandal nie aufgedeckt worden, wenn es nicht die öffentlich-rechtlichen gäbe. Christiansen ist ja nun - Gott sei Dank - vorbei. Aber wer glaubt, dass Anne Will, Casdorff, Bednarz, Ruge eine Chance bei den Privaten gehabt hätten? Alle Sternstunden des deutschen TV-Journalismus fanden sich nur bei den öffentlich-rechtlichen...
2. Wirklich schlechte Sendung
jurabuch 12.01.2008
Ich hatte schon gehofft, Frau Christiansen sei endgültig vom Bildschirm verschwunden. Das war wirklich dummes Zeug. Auf die "geistvollen" Sätze von Barbara Becker (Hauptleistung wohl: ehemalige Ehefrau von B.B.) kann man gern verzichten, ebenso auf das hohle Geschwätz der anderen Teilnehmer. Noch seichter und inhaltsärmer geht es nicht mehr...
3. mein 2008
stubbi37 12.01.2008
Das groeßte Aergernis fuer mich als TV-Abstinenzler ist,dass ich gezwungen bin,weiterhin Gebuehren zu zahlen. Dann die Frage,ob das oeffentlich Rechtliche so schlecht ist,weil die Zuschauer so anspruchsarm sind,oder ob das Publikum vom TV nach unten gezogen wird. Ich liebe die Privaten,weil ich sie nicht ansehe und nicht fuer sie bezahlen muß.Roland Brandel,Trier
4. christiansen
football 12.01.2008
das niveau der öffentlich rechtlichen sender gleicht sich leider mehr und mehr dem privatfernsehen an. ein trauerspiel was hier mit unseren gebühren veranstaltet wird.
5. Einfach nur eine gute Rezession!
imagine, 12.01.2008
Ich habe das nicht gesehen, wäre auch niemals auf die Idee gekommen. Nun kann ich mir das Drama aber lebhaft vorstellen, und habe mich prima über die köstliche Beschreibung Reinhard Mohrs amüsiert. Vielen Dank dafür. Ich sehe meine Gebühren für den Abend gut angelegt durch das lesen dieses Artikels.
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Sabine Christiansen: Mein Kessel Buntes 2008

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