"Sade Surreal" Die Erotik des Bösen

Zu Lebzeiten galt der Marquis de Sade als Monster, danach verehrte man ihn als radikalen Freigeist. Das Kunsthaus Zürich würdigt ihn jetzt in einer großen Schau als Wegbereiter des Surrealismus.

"Die Philosophie im Boudoir": Marquis de Sades Werk vermag Schamröte ins Gesicht steigen zu lassen
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"Die Philosophie im Boudoir": Marquis de Sades Werk vermag Schamröte ins Gesicht steigen zu lassen

Von Sven Siedenberg


Für Jugendliche unter 18 Jahren sei die Ausstellung nicht geeignet, warnen die Veranstalter. Aber keine Sorge, liebe Erziehungsberechtigte und Kunstliebhaber: Was da unter dem Titel "Sade Surreal" an Bildern imKunsthaus Zürich zu sehen ist, kennt man aus dem Privatfernsehen und den Hochglanz-Magazinen: gespreizte Frauenbeine, entblößte Hintern, kopulierende Pärchen. Erotik, nicht Pornografie.

Nun war der Marquis de Sade, das sexuelle Raubtier des 18. Jahrhunderts, ja Schriftsteller, nicht Maler. Aber mit seinen Berichten über Beischlafstellungen und Folterszenen (wie zum Beispiel in seinem Roman "Justine & Juliette") entfaltet er eine phantastische Bilderwelt. Zudem ernannten ihn die Surrealisten zu ihrem Schutzpatron, verehrten seine bittere Blasphemie und die Verherrlichung des Animalischen - als Prinzip der Zerstörung und Schöpfung aller Kultur.

Für sie war de Sade nicht nur Blut, Sperma und Kot, nicht nur Fallstudie eines pathologischen Triebs. Für sie war er ein Anarchist, der "freieste Geist, der jemals existierte", so Guillaume Apollinaire. Er war es denn auch, der die Schriften von de Sade 1909 zum ersten Mal für ein breites Publikum veröffentlichte.

130 Kunstwerke, mehr als 100 Manuskripte und illustrierte Bücher enthüllen nun, wie de Sade und die Surrealisten die Erotik mit dem Bösen koppelten und daraus Literatur und Kunst fabrizierten. Zu sehen sind Hans Bellmers deformierte Puppenleiber, Rudolf Schlichters Strangulationsexperimente, Man Rays aufreizende Fotoexperimente und André Massons in zarten Pastelltönen gemalte Orgien. Auch Salvador Dalis Gemälde "Le jeu lugubre" ist dabei, an dem sich einst der große Streit zwischen André Breton und Georges Bataille um die richtige Interpretation von Sades Werk entzündete.

Besonders pikant sind die öffentlich noch nie gezeigten Originalmanuskripte de Sades, die in einer 28 Meter langen Vitrine lagern, Titel: "Das skripturale Sperma des Marquis de Sade". Neben den schwarzen Flächender Zensoren sind akribische Onanieprotokolle zu sehen, die de Sade während seiner jahrelangen Gefängnishaft geführt hat. Auch notierte er beispielsweise, wann er seine eigenen Exkremente aß.

Liebesstuhl von Soubrier: Triebe ausgeleuchtet

Liebesstuhl von Soubrier: Triebe ausgeleuchtet

De Sade hat die finstersten Winkel des Herzens und die verdrängten Triebe ausgeleuchtet. Das zeigt die Ausstellung. Und manchmal findet sich auch ganz Praktisches wie jener Liebessessel, der in den 1890er Jahren von der Pariser Manufaktur Soubrier in einer geheimen Aktion für den britischen Thronfolger Edward VII. nach dessen eigenen Skizzen angefertigt wurde. Danach wurde der Sessel in seinem Pariser Stammbordell, dem Grand Chabanais, installiert. Und beflügelte die Phantasie.


"Sade Surreal": Bis zum 3. März 2002 im Kunsthaus Zürich;
Katalog: Hatje/Cantz Verlag, 307 Seiten, 78 Mark.



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