SM-Verleger Grimme "Ich bin ein romantischer Sadist"

Wie brutal darf Sex-Prosa sein? Als Verleger von Sadomaso-Büchern muss sich Matthias T. J. Grimme oft mit Juristen herumschlagen. Im Interview spricht der SM-Experte über Gewalt als Kommunikation, die praktischen Gefahren von erotischer Literatur und die Kleingarten-Mentalität der deutschen Szene.

Anne Backhaus

SPIEGEL ONLINE: Herr Grimme, was halten Sie als BDSM*-Profi eigentlich von dem Bestseller "Shades of Grey"?

Grimme: Das ist spaßige Linkshand-Literatur. Sie verstehen? Mit der Rechten hat man anderes zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg dieser SM-Schmonzette hat eine mediale Diskussion über sadistische Spielchen und Geschlechterklischees entfacht. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit und die Szene aus?

Grimme: Es ist natürlich gut, dass SM wieder in den Fokus der Medien und breiten Öffentlichkeit gerät. Das war zum letzten Mal Anfang der Neunziger so, als wir über das Privatfernsehen bekannt wurden. Im positivsten Fall sorgt das für mehr Verständnis und letztlich einen normalen Umgang mit uns. Im schlechtesten Fall liest jetzt jemand dieses Buch und denkt, er habe SM verstanden. Der Plot hat nichts mit ernsthaft und real gelebtem SM zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was sind denn die größten Bedenken in der Szene?

Grimme: Viele machen sich Gedanken, ob man dem Goldmann Verlag Lesezeichen als Hilfe zur Lektüre anbieten sollte. Nach dem Motto: Auf dieser Seite des Buches wird diese Praktik vollzogen, aber Achtung: Die Technik ist nicht richtig! Das Problem ist ja immer, dass die Leute so was nachmachen. Und dann sitzen sie daheim und versuchen sich in Bondage mit Angelschnur oder Seidenstrümpfen. Das ist gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich Sorgen?

Grimme: Klar. Meine Verlagsarbeit und alles, was ich je geschrieben habe, folgen immer einem sozialpädagogischen Impetus. Ich möchte bestimmte Normen setzen, weil ich will, dass das, was die Leute machen, sie nicht physisch oder psychisch belastet.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht per se psychisch belastend, sich zum Beispiel als Sklavin halten zu lassen?

Grimme: Es ist etwas ganz Tolles, zumindest temporär die Verantwortung für das eigene Leben abzugeben. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch sehr viele Männer, die es mögen, wenn eine Herrin für sie entscheidet. Dieser Wunsch ist sehr verbreitet und hat weniger mit SM als mit Alltagsstress zu tun. Nicht umsonst hat dieses Buch so viel Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Käufer von "Shades of Grey" also schlicht gestresst?

Grimme: Die Einstufung des Buches als SM-Literatur wird von vielen in der Szene belächelt, aber Phantasien gehören in keine Schublade. Dieses "das ist kein richtiger SM" zeigt die deutsche Kleingarten-Mentalität. In den großen internationalen Foren gibt es solche Diskussionen nicht. Nur in Deutschland wollen manche immer etwas Besseres sein: "Ich bin richtig pervers und ihr nicht."

SPIEGEL ONLINE: Wie pervers sind Sie denn?

Grimme: Ich bin völlig normal. Und ein romantischer Sadist.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in Medien und Szenekreisen als SM-Papst und Bondage-Gott bezeichnet.

Grimme: Ich bin weder unfehlbar noch göttlich. Das ist also Schwachsinn. Aber ich habe mir unter anderem als Autor des SM-Handbuchs, als Verleger des Charon-Verlags und mit meinen Bondage-Shows einen Namen gemacht. Viele schätzen mein Wissen um alles, was mit sadomasochistischen Spielereien zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Begriff wie Spiel überhaupt möglich, wenn es um Demütigung durch Schläge geht?

Grimme: Das liegt in der Betrachtungsweise. Was wir miteinander treiben, ist im juristischen Sinne Freiheitsberaubung, Körperverletzung und schwere Körperverletzung. Für uns ist es einvernehmlicher Sex, der sehr viel Spaß bringt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich diese Rechtslage auf ihre sadomasochistische Literatur und ihre Arbeit als Verleger aus?

Grimme: Gewalt-Pornografie ist in Deutschland verboten. Ich muss also aufpassen, was ich veröffentliche. Es geht immer um die Darstellung: Jeder Krimi, in dem detailliert sexualisierte Morde beschrieben werden, wird problemlos durch die Zensur gewunken. Nimmt man die gleichen Praktiken und schildert sie in einem erotischen Kontext, bei dem sich Menschen einvernehmlich und aus Lust wehtun, wird aus der Gewaltszene Pornografie. Nur weil sich die Protagonisten danach in die Arme fallen und sagen, dass sie einen tollen Abend hatten.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Wesen des Sadomasochismus missverstanden?

Grimme: Ja, zumindest was das Thema Gewalt angeht. Die Leute sehen, was wir machen und denken: "Aha, die schlagen sich doch. Und treten sich. Das ist Gewalt." Stimmt aber nicht. Gewalt ist gescheiterte Kommunikation. SM ist geglückte Kommunikation. Die Voraussetzung für sadomasochistische Handlungen ist immer die Einvernehmlichkeit zwischen den teilnehmenden Personen, egal was die dann machen. Das ist das, was von der Szene hochgehalten wird und wogegen nicht verstoßen werden darf.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben sie SM im Privaten?

Grimme: Ich bin jetzt 59 Jahre alt, davon 22 Jahre mit meiner Frau Andrea zusammen und seit 13 Jahren verheiratet. Wir hatten gerade Petersillienhochzeit und leben eine offene Beziehung. Mit Nicole, meiner Bondage-Partnerin, bin ich seit 12 Jahren unterwegs. Mit meiner zweiten Bondage-Partnerin hatte ich auch eine Zeitlang eine Beziehung, die ist aber jetzt mit meiner Frau zusammen. Wir alle mögen SM.

SPIEGEL ONLINE: Klingt anstrengend.

Grimme: Das stimmt, aber ich habe es mir ja so ausgesucht. Noch dazu sind das keine Mäuschen, sondern Power-Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihre Beziehungen rein sexuell bestimmt?

Grimme: Ich muss jemandem ins Gesicht gucken und mir vorstellen können, mit demjenigen öfter zu frühstücken. Ich möchte mit meinen Frauen Eindrücke und Erfahrungen teilen. Mich interessiert, was zwischen den Menschen passiert, was zwischen Herz und Herz hin und her fließt. Die Zeit, die ich mit den Frauen verbringe, besteht vielleicht zu zehn Prozent aus SM - der Rest sind normale Pärchendinge.

SPIEGEL ONLINE: Ermüdet es Sie eigentlich, ständig auf Ihre Sexualität angesprochen zu werden?

Grimme: Manchmal schon. Es gibt bei mir Tage, wo ich sage, ich habe mit SM nichts zu tun, ich stehe nur auf jede Menge schräge Sachen mit Leuten, die auch auf schräge Sachen stehen. Selbstverständlich habe ich auch normalen Sex, man hat ja nicht immer Bock auf SM und Bondage.

Das Interview führte Anne Backhaus

*BDSM ist die Abkürzung für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Nach Absprache mit dem Interviewten wird die geläufigere Kurzform SM für Sadomasochismus gebraucht.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
fcm79 31.07.2012
1. schön
Ach, es tut so gut jemanden so sachlich, kompetent, aber doch persönlich und nah über SM reden zu hören bzw. lesen. Und natürlich hat er recht mit der Gewalt. Leute literarisch abmurksen ist okay, aber wehe es macht Spaß.
artusdanielhoerfeld 31.07.2012
2. SM-Literatur?
Da empfehle ich interesierten Lesern meine "SchmerzDame".
altebanane 31.07.2012
3.
---Zitat von Artikel--- *BDSM ist die Abkürzung für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Nach Absprache mit dem Interviewten wird die geläufigere Kurzform SM für Sadomasochismus gebraucht. ---Zitatende--- Ich hätte jetzt glatt gedacht, das steht typisch deutsch für "Bund deutscher Sado-Masochisten". ;-)
dalesmith 31.07.2012
4. Kann man sowas
Zitat von sysopAnne BackhausWie brutal darf Sex-Prosa sein? Als Verleger von Sadmomaso-Büchern muss sich Matthias T. J. Grimme oft mit Juristen herumschlagen. Im Interview spricht der SM-Experte über Gewalt als Kommunikation, die praktischen Gefahren von erotischer Literatur und die Kleingarten-Mentalität der deutschen Szene. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,845866,00.html
heute nicht mit Therapie behandlen?? Und warum werden Spon Leser mit einem perversem selbstbefrieder welcher zufällig schreiben kann belästigt??
ShadedPhoenix 31.07.2012
5.
Zitat von dalesmithheute nicht mit Therapie behandlen?? Und warum werden Spon Leser mit einem perversem selbstbefrieder welcher zufällig schreiben kann belästigt??
Wahrscheinlich wegen dem 50shades buch? Tut mir ja schon leid wenn du da ein wenig positive aufklärung solchen anklang findet..... aber wir sind ja alles perverse gestörte therapie bedürftige-.- *hachja* da gibs so schön viele zitate zu, so wie mit universum und unsicherheiten über unendlichkeit
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