Saisonstart im Deutschen Schauspielhaus "Drei Schwestern" im Container-Design

"Noch zwei Jahre Wahnsinn" verspricht Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg den Hamburger Kulturfans in seiner verbliebenen Amtszeit. Mit Anton Tschechows "Drei Schwestern" wollte der geschasste Theatermann an jüngste Erfolge anknüpfen. Der Wahn allerdings war von der eher amüsanten Sorte.

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Tschechow im Deutsche Schauspielhaus: Schultauglich, aber komisch
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Tschechow im Deutsche Schauspielhaus: Schultauglich, aber komisch

Hamburg - Just nachdem Bochums Matthias Hartmann dem Schauspielhaus die Absage für eine Intendanz zugesandt hatte, startete Tom Stromberg in eine neue Saison an der Kirchenallee vis-à-vis dem Hauptbahnhof. Diesmal sollte es eine sichere Sache werden, Bühnenbewährtes von Anton Tschechow, inszeniert von Jung-Star Jan Bosse, der zuletzt mit Molières "Menschenfeind" in Hamburg erfolgreich war. Klare Sache also - aber Wahnsinn? Naja.

Päckchen stapeln bis der Arzt kommt

Bunt und kontrastreich ist die kleine Welt der "Drei Schwestern" Olga, Mascha und Irina. Nicht zusammen passende Möbel, verschiedenfarbig modische Outfits, bunte Lampen springen ins Auge. Zwar langweilen sie sich nach Kräften in der kleinen russischen Provinzstadt, in die es sie nach den ihren geliebten Moskauer Jahren verschlagen hat, doch sie sind noch jung genug, um das Leben zu packen. Sie wollen wieder "nach Moskau!", suchen Sinn und Arbeit im Leben. Mit boulevardesker Emsigkeit wuselt Olga, die älteste, um die Ecken, kichert, keucht und stapelt Päckchen bis der Arzt kommt. Der schreitet tatsächlich bald in die Szene, in Gestalt des stoischen alten Tschebutykin, der ebenfalls bei den Schwestern wohnt und auch nicht gerade als Kapazität für gelungenes Leben gelten kann. Schriller Wille zum Ausbruch und sarkastische Resignation treffen aufeinander: Eine schnelle, reelle Exposition, solide Lacher sorgen für klare Verhältnisse. Unzweifelhaft gezeichnete Figuren. Tschechow fürs Studium, schulmäßig pointiert.

Fast asiatisch karg beginnt Jan Bosses Inszenierung, mit dezenter Musik von Lieven Brunckhorst und einer Steingarten-Anmutung rund um den Schuhkarton mit Schiebetüren, in dem die Familie wohnt. Doch schnell entpuppt sich das Wohnambiente als Edelcontainer, eher Gefängnis als Anwesen, mehr Falle als Zuflucht. Am Namenstag von Schwester Irina bricht denn auch die ganze Rest-Mischpoke herein, inklusive des neu in der Garnisonsstadt eingetroffenen Kommandeurs Werschinin, der sofort das Interesse der Damen erregt. Das Spiel beginnt. Und alle scheinen bereits gefangen in der Zeitschleife, Maschas Mann, der Lehrer Kulygin schenkt seiner Schwägerin Irina schon zum zweiten Mal seine Geschichte des örtlichen Gymnasiums, seine traurig-witzige Gestalt inszeniert der humorwillige Regisseur als eine Mischung aus Hape Kerkeling und Campino.

Lediglich Andrej Prosorow, der auch im Hause lebende Bruder, ist ein putziger, scheinbar verspielter Sonderling, den nichts so recht umtreibt und der lieber außerhalb des Containers steht. Ausstaffiert mit Teddy-Pullover und schlammbrauner Jogginghose scheint er inmitten der rasenden Lebensgier ein Fremdling, der sich mit der Leere schon abgefunden hat Doch der Schein trügt: Seine Frau, die ebenso gerissene wie durchsetzungsfähige Natalja, denkt und lenkt für ihn. Ihr Griff auf Haus und Hof ist längst ausgestreckt, sie plant und erweitert ihre Familie, sie braucht Platz für die Ihren. Sie handelt, während die Schwestern von Moskau träumen, von der Flucht, die nie stattfindet.

Gefängnis mit fideler Wärterin

Den klaustrophobischen Container als Bühnenzentrum variiert Bühnenbildner Stéphane Laimé von Akt zu Akt nur marginal, mal als wäscheverhangenes Kinderzimmer, mal als wohnzimmerhaftes Rückzugsgebiet im Familienkrieg. In jedem Akt wächst der Containerbau, zum Schluss sind vier Stockwerke übereinander. Wer sich wie die berechnende Natalja angepasst hat, wohnt vermeintlich bequem, die schwadronierenden Schwestern stehen am Schluss mit leeren Händen da. Doch auch das Haus ist nicht sicher: Bruder Andrej ist ein Spieler und verpfändet alles. Auch er lebt in einem Gefängnis, auch wenn seine Frau eine fidele Wärterin ist.

Wie weggezaubert scheint die schöne Comedy-Welt in den folgenden Akten. Mal düsteres Schneetreiben zwischen den Liebesversuchen der alten und neuen Paare, der Brand in der Stadt als keuchendes Action-Spektakel, eine erneut Kartons stapelnde Olga als Running Gag, ihre suchenden Schwestern inmitten eines wachsenden Chaos, das von den Männern als stimulierender Abenteuerspielplatz erlebt wird. Kommandant Werschinin schießt begeistert mit dem Feuerlöscher durch die Gegend, und er singt "Burning Down The House" von den Talking Heads. Das reinigende Feuer? Nicht ganz. Denn die Flucht, zu der sich Schwester Irina mit Baron Tusenbach endlich aufgerafft hat, wird in letzter Minute durch seinen Duell-Tod verhindert. Was bleibt, ist die Paralyse, die wuchernde Leere.

Tragische Komik und hysterische Sinnsuche

Mit Wiebke Puls (Olga), Myriam Schröder (Mascha) und Maja Schöne (Irina) hatte Regisseur Jan Bosse drei Komödiantinnen zur Verfügung, die alles daran setzten, keine Depresso-Damen, sondern eher kämpferische, leicht angeschlagene Willens-Girlies auf die Bühne zu bringen. Das gelang dem Trio, auch wenn die oft frontale Präsentation des Textes leichte Kabarett-Anmutung verströmte. Nicht weniger intensiv gelang Christiane von Poelnitz die superzickige Schwägerin auf Übernahmekurs, die spieltechnisch die meisten Facetten zu bieten hatte. Unter den Männern ragten der slapstickige Lehrer Kulygin (Jörg Ratjen) hervor und natürlich, kraft dankbarer Rolle, Traugott Buhres verkrachter Arzt Tschebutykin, der wohl die Akzent setzende Mikrofonverstärkung der Stimmen am wenigsten nötig gehabt hätte.

Durch die forcierte Enge der Schuhkarton-Bühne steuerte Jan Bosse die Erdenschwere des Tschechow-Stückes ins Extreme, ohne sie jedoch transzendieren zu können. Vor Jahren inszenierte Leander Haußmann denselben Stoff am Wiener Burgtheater als schwebendes Traumspiel von weggetretenen Schattenwesen und erzielte damit intime Anteilnahme. Jan Bosse ging es mehr um die tragische Komik, die in dem ewigen Streben "Nach Moskau!" und der hysterischen Sinnsuche liegt. Die Schwestern und ihre Trabanten singen sehr oft im Stück, mal zu Gitarrenbegleitung, mal allein vom "Little Drummer Boy" oder beim krachenden Schluss-Schuss "We'll meet again". Dass zu diesem Song in Stanley Kubricks Film "Dr. Seltsam" die Bombe fiel, ist bestimmt eine beabsichtigte Parallele. Aber sicher kein Knalleffekt. So blieb der erste Abend der neuen Schauspielhaus-Saison solide und wurde vom blendend aufgelegten Ensemble souverän ins Ziel gespielt. Dies war zuverlässiger Tschechow. Stellenweise sogar wahnsinnig komisch.



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