Salzburger Festspiele Kabale und Krawumms

Betont heiter sollten die Salzburger Festspiele dieses Jahr sein. Nun gibt's Zoff unter den Festivalchefs, Stars wie Anne Tismer in "Judith" verausgaben sich mit grimmigem Ernst - und Daniel Kehlmann sorgt mit einer Tirade gegen das Regietheater für Aufruhr.

Aus Salzburg berichtet


Von hoch droben aus den umstehenden Bergen grüßen graue Felswände und glitzernde Schneereste die Salzburg-Besucher. Bei schönstem Kaiserwetter rollen die Pferdekutschen und die Touristenbusse an den Ufern der Salzach entlang, und vor dem Festspielhaus und dem Landestheater lauert eine Wuseltruppe von Klatschzeitungsfotografen darauf, welche lustige Grimasse ihnen der mit Abstand berühmteste Festspielgast Thomas Gottschalk heute denn so mitgebracht hat: Zum Juchzen und zum Jodeln schön scheint das Leben in diesen ersten Festivaltagen in Salzburg zu sein für die Steinreichen und Schönen und Kunstbegeisterten, die sich hier gern einfinden, seit Max Reinhardt vor bald neun Jahrzehnten zum ersten Mal zu den Festspielen rief.

Schauspieler Tajana Raj (hinten). Stephanie Schönfeld, Sebastian Kowski, Anne Tismer in "Judith": Da köchelt und gärt allerlei vor sich hin
Sebastian Hoppe

Schauspieler Tajana Raj (hinten). Stephanie Schönfeld, Sebastian Kowski, Anne Tismer in "Judith": Da köchelt und gärt allerlei vor sich hin

Auf den Brettern der Kunst aber ist schnell Schluss mit launig. Da bringt zum Beispiel die zarte, dabei kolossal kraftstrotzende Schauspielerin Anne Tismer die Geigen und Flöten eines fröhlich Vivaldi spielenden Orchesters zum Schweigen, stampft auf den Trümmern von fünf oder sechs Männerschädeln aus rotem Stein herum, die irgendwer mit dem Vorschlaghammer zerdeppert hat, und schreit: "Eine Milliarde Menschen auf der Erde haben kein Wasser! Da stimmt was nicht. Wer hat das verteilt?"

Der Regisseur Sebastian Nübling hatte für Montagabend zur bisher ehrgeizigsten Premiere der diesjährigen, unter dem Motto "Das Spiel der Mächtigen" ausgerichteten Salzburger Festspiele auf die Halleiner Pernerinsel geladen. Zu einem Musik- und Theaterspektakel mit dem Titel "Judith", das auf diversen Zeit-, Bedeutungs- und Genre-Ebenen spielt. Die Geschichte der Hebräerin Judith, die mit dem mächtigen persischen Feldherrn Holofernes erst ins Bett geht und ihm dann den Kopf absäbelt, hat bekanntlich viele Maler zu wunderschön grausamen Gemälden inspiriert. Deshalb lässt Nübling ein paar dieser Bilder in einem Guckkasten, dessen Tür sich wie die eines Adventskalenders aufschiebt, pantomimisch nachstellen, wobei rote Wollfäden das aus dem Hals sickernde Blut des Holofernes symbolisieren.

Das sieht sehr hübsch aus. Und passt ganz gut zu der hübschen Musik des Oratoriums "Juditha triumphans" von Antonio Vivaldi (1678 - 1741), die ein Orchester unter dem Dirigenten Lutz Rademacher dazu spielt. Genauso hübsch hören sich die Verse an, die der Regisseur aus dem Theaterstück "Judith" von Friedrich Hebbel (1813 - 1863) für seine Zwecke herausgeklaubt hat.

"Alles Fotzen, sogar Mutti"

Zu all diesen Nettigkeiten aber gibt es große Portionen an heutigem Krawumms. So lässt Nübling seine "Judith" von drei Darstellerinnen spielen und singen, den Holofernes verkörpern gleich sechs verschiedene muskelstrotzende und großteils kahlrasierte Männer, einer davon ist ein Countertenor in riesigem schwarzen Reifrock. Weil Vivaldis Musik offenbar zu lieblich war, hat der zeitgenössische Komponist Lutz Wittershagen für diese "Judith" allerhand schroffes Jazz-Getröte beigesteuert. Und die Texte aus der Bibel und von Hebbel durfte die Darstellerin Anne Tismer mit Selbstverfasstem anreichern. "Ich glaube nicht an Gott", ruft sie zum Beispiel, "aber das ist nicht das Schlimmste. Ich bin ein Kind des Satellitenfernsehens."

So unausgegoren, wie all das klingt, ist das gut dreistündige "Judith"-Spektakel dann auch anzusehen: Da köchelt und gärt allerlei vor sich hin, es gibt tolle Bilder und wahnwitzige Akrobatik zu bestaunen, aber ein ganzer Theaterabend wird nicht draus. Sehr nebulös wabert die Idee einer Demaskierung und Demontage männlichen Kriegerwahns und Frauenhasses mittels überlegener weiblicher Tugend durch die wirren Reden des Bühnenpersonals und durchs Programmheft. Aber was Nübling und seine Truppe wirklich erzählen, wen sie zum Denken provozieren wollen mit dieser "Judith", bleibt höchst unklar. Absolut niemand im Publikum mochte sich beispielsweise erregt zeigen, als einer der Holofernes-Darsteller kiekste: "Alles Fotzen, sogar Mutti!"

Nüblings dann doch ziemlich konfus vergurkte Theaterarbeit würde sich ganz gut eignen als Beispiel für eine Polemik dagegen, was Regisseure heutzutage so alles anstellen mit Musik- und Stückvorlagen, um daraus irgendwas Eigenes, Aufregendes, Erschütterndes zu machen. Mit genau so einer Brandrede gegen das modische und moderne Regietheater hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann am Samstag die Eröffnungszeremonie der Salzburger Festspiele bestritten - und in vielen Feuilletons auch prompt die Prügel kassiert, die er damit riskierte.

Es sei "etwas Absonderliches" passiert mit dem deutschen Theater, behauptete Kehlmann, den ganzen deutschsprachigen Schauspielbetrieb sieht er in der Hand gratislinker Ideologen, eines "Bündnisses zwischen Kitsch und Avantgarde" und hält ihn für ein international isoliertes, "traurigstes Gewerbe". Das Sensationelle und wirklich Berührende an Kehlmanns Text aber ist nicht der durch echten Zorn, aber wenig eigene Anschauung gesicherte Furor seiner Argumente. Auch nicht der Umstand, dass seine Tirade von 1500 Festspielgästen freundlich beklatscht wurde, die sich mehrheitlich in den folgenden Tagen genau dieses Regietheater angucken werden, das da verdammt wurde.

Zoff hinter den Kulissen

Ihre Rechtfertigung und ihre Kraft als Aufforderung zum Widerspruch gewinnt Kehlmanns Attacke durch den biografischen Kern, aus dem sie sich speist. Der Schriftsteller erzählt von seinem Vater Michael Kehlmann, der ein geachteter Regisseur war und irgendwann als altmodisch galt und keine Jobs mehr bekam. Da sei, klagte der Sohn, ein Mann, "der sich herrschenden Dogmen verschloss", in Ruin und Krankheit getrieben worden. Jeder, der Kehlmanns Bücher kennt, weiß, dass sich solche Künstlerschicksale in ihnen spiegeln, wie seine Helden mit den Widersprüchen zwischen äußerer Anerkennung und Missachtung, Eitelkeit und strengem Kunstwillen ringen.

Für die Salzburger Festspiele war Kehlmanns spektakulärer Auftritt natürlich ein Glücksfall, der ein bisschen ablenkt vom bösen Zoff, den es hinter den Kulissen des Festivals gibt. Am Montag hat die Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler gegen den Willen des Noch-Intendanten Jürgen Flimm durchgesetzt, dass der jetzige Salzburger Konzertdirektor Markus Hinterhäuser, mit Anfang 50 ein vergleichsweise junger Mann, im nächsten Jahr für zwölf Monate den Intendantenposten bekommt: Eine Chance für den ehrgeizigen Hinterhäuser, bevor der konservative Haudegen (und derzeitige Züricher Opernchef) Alexander Pereira 2011 Chef der Festspiele wird - und eine offensichtliche Ohrfeige für Flimm, der ein Pereira-Kumpel und bekanntermaßen kein Hinterhäuser-Freund ist.

Nun muss Flimm, den nichts so sehr wurmt wie der Vorwurf, er präsentiere in Salzburg ein Programm als versöhnlicher Kunst-Weichspüler und netter Unterhaltungsonkel, sich damit abfinden, dass er in diesem Sommer zum vorletzten Mal in Salzburg wirbeln darf. Und dass ausgerechnet der Debüt-Auftritt von Ben Becker als Tod im Salzburger "Jedermann" von vielen eifrigen Berichterstattern bislang als aufregendste Neuigkeit dieser Spielzeit abgehandelt wurde. Ben Becker, der im Todes-Kostüm seinen silbern bemalten nackten Bauch zur Schau stellte, wirkte übrigens finster entschlossen und sehr unlustig, brüllte mit rauer Kehle und zitterte an allen Gliedern. Man merkte auch hier: Mit der Macht von Spiel und Spaß ist es in diesem ernsten Salzburger Sommer bisher nicht weit her.



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Surveyor44 28.07.2009
1. Weg mit dem Weihrauch
Hier hilft nur das Streichen staatlichen Subventionen. Das sich selbst beweihräuchernde "Regietheater" mit allen seinen Auswüchsen hat jede künstlerische und kulturelle Rechtfertigung für seine Existzenz verloren. Es dient nur noch der zusätzlichen Existenzerhaltung der symbiotisch davon lebenden Kritikerkaste in den Medien. Wenn nicht einmal mehr die Leistung der Schauspieler mangels eigener Sachkenntnis kommentiert werden kann, dafür esoterisches Geschwafel als "Kritik" gefeiert wird dann sollen sich die Betreiber dieser Veranstaltungen ihr Geld bitte bei den wenigen noch verbleibenden Zuschauern besorgen.
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