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"Dreigroschenoper" in Salzburg: Und der Haifisch, der muss gähnen

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"Dreigroschenoper" in Salzburg: Ein überdimensionales Pop-up-Buch Fotos
Salzburger Festspiele/ Ruth Walz

Scherenschnitte und weinrote Mieder - Julian Crouchs und Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" bei den Salzburger Festspielen kommt daher wie ein nostalgisches Pop-up-Buch. Das Elend wird zur reinen Dekoration.

Im Durchgang zum Pressebüro der Salzburger Festspiele hockt vor der Felswand eine Bettlerin. Sie sieht mit ihrem schmutzig-bunten Kopftuch aus, als sei sie für die "Dreigroschenoper" ausstaffiert. Ist man ein böser Mensch, wenn man so etwas denkt, anstatt ihr eine Münze in den Pappbecher zu werfen - und sich dann noch gleich um die Ecke vor der imposanten Felsenreitschule, in der an diesem Abend "Mackie Messer - eine Salzburger Dreigroschenoper" Premiere hat, vom ORF mit einer Packung Mozartkugeln beschenken lässt?

Brecht würde sagen: Ja. Gleich zu Beginn seiner "Dreigroschenoper" lässt er den Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum über "die furchtbare Fähigkeit" des Menschen philosophieren, "sich gleichsam nach eigenem Belieben gefühllos zu machen".

Der Abend in der Felsenreitschule geht ebenfalls gewaltig los, wenn auch auf eine andere Art: Sona MacDonald als Spelunken-Jenny in weinrotem Mieder und Samtrock gibt die berühmte Moritat von Mackie Messer zum Besten, stimmgewaltig, imposant. Dazu leuchten die Arkaden, die auf der Rückseite der ehemaligen Reitschule dreigeschossig in den Fels gehauen sind, wie Fenster im Dunkeln. Auch sind entscheidende Szenen des Songs und des weiteren Geschehens miniaturhaft als Scherenschnitte zu sehen - ebenfalls der berühmte Haifisch, der die Kleinen frisst.

Ein Faible für das viktorianische Zeitalter

Die Inszenierung stammt, das ist schon nach diesen ersten Bildern unverwechselbar, vom britischen Regisseur und Bühnenbildner Julian Crouch. Er hat ein Faible für das England des viktorianischen Zeitalters, für die Ästhetik des Stummfilms und des Vaudeville. Berühmt wurde er 1998 als eine Art hochgetunter Bob Wilson mit "Shockheaded Peter", der knallbunten Revue-Version des "Struwwelpeter". Das Salzburger Stammpublikum kennt ihn auch vom "Jedermann"; die Version von Crouch und Brian Mertes läuft im dritten Jahr.

Bei der "Dreigroschenoper" ist der derzeitige Festspielintendant Sven-Eric Bechtolf für die Regie mitverantwortlich. Er war es, der Crouch für den "Jedermann" nach Salzburg holte. Crouch nun auch die "Dreigroschenoper" machen zu lassen hat eine gewisse Konsequenz: Beide Stücke waren einmal dazu gedacht, das reiche saturierte Publikum Moral zu lehren; beide Stücke sind heute Klassiker und haben ihren Schrecken verloren.

Crouch und Bechtolf versuchen deshalb gar nicht erst, in Brechts Leben und Überleben des Banditenchefs Mackie Messer Aktualität zu bringen. Das Elend ist bei ihnen höchst dekorativ; es geht um Unterhaltung.

Die Huren tanzen mit Bügelbrettern

Die Regisseure haben die Riesenbühne der Felsenreitschule dabei zunächst ganz gut im Griff. Sie arbeiten vor allem mit beweglichen, rohen Holzpodesten und auf Pappe aufgezogenen Fotos des historischen London, an Flaschenzügen können Prospekte hochgezogen werden. Man fühlt sich wie in einem überdimensionalen nostalgischen Pop-up-Buch. Die Mitglieder des Hintergrund-Ensembles haben viel zu tun: Sie sind nicht nur Statisten und Tänzer, sondern auch Bühnenarbeiter. Aber die Bühne und auch der Riesen-Zuschauerraum fordern auf Dauer ihren Tribut. Es wirkt alles wie aufgeblasen: die opulenten Kostüme, die großen Gesten, das ausgestellte, natürlich Mikroport-unterstützte Sprechen.

Die Polly der Sonja Beißwenger gerät mit ihren Korkenzieherlocken und dem Rüschenlook zur Spieldosenfigur - das geht mit Nummern wie dem "Barbara-Song", in dem sie zu allen braven Männern 'Nein' sagt, bis der gefährliche Mackie Messer sie erobert, nicht zusammen, selbst wenn Beißwenger ihre Stimme von "naives Mädchen" auf "ordinäre Göre" umschaltet. Mackie Messer (Michael Rotschopf) ist aber auch gar nicht so gefährlich, sondern vor allem blass. Graham F. Valentine, der legendäre Marthaler-Schauspieler, gibt Pollys gestrengen Vater, den Bettlerchef Peachum, als Mischung aus Abraham Lincoln und expressionistischem Moses (und dass er einen leicht jiddischen Akzent hat, ist mindestens überflüssig).

Dass die Figurenzeichnung so flach ist wie die Pappausstattung, ist das eine Problem. Das andere Problem ist das Tempo. Schon bei Brecht dauert es verdammt lange, bis Polly und Mackie verheiratet sind, Pollys Eltern davon Wind kriegen, den Gangster bei der Polizei verpfeifen, er entwischt, weil der Polizeichef sein Freund ist, noch mal gefangen wird und der große Autor Brecht ihm wundersam doch noch den Kopf aus der Galgenschlinge zieht.

Die Salzburger Inszenierung nimmt sich gefühlt noch mehr Zeit als die tatsächlichen drei Stunden. Das Timing stimmt nicht, Gags verhallen. Das größte Problem des Abends aber ist die Musik: Der britische Musical-Experte Martin Lowe durfte, in Abstimmung mit den Erben des Komponisten Kurt Weill, das Werk neu orchestrieren. Statt neun sitzen nun 19 Musiker im eigens an die Bühne angebauten Orchestergraben - doch der opulente Sound glättet die doch eigentlich unverwüstlichen Songs auf seltsame Weise: Manchmal fühlt man sich wie in der Operette, öfter wie im Musical, etwa wenn die Huren zur "Zuhälterballade" mit ihren zusammengeklappten Bügelbrettern Tango tanzen. Die vermeintliche musikalische Aktualisierung nimmt der Dreigroschenoper den letzten Rest Widerständigkeit. Wenn das "Zweite Dreigroschenoper-Finale" mit E-Gitarre aufgemotzt wird, möchte man sich die Ohren zuhalten.

So entsteht ein großer optischer und akustischer Overkill, der aber in der Gegenwart ohne Resonanz bleibt. Die Dreigroschenoper verhallt im luftleeren Kunstraum.

Mackie Messer - eine Salzburger Dreigroschenoper. Salzburg, Felsenreitschule. Weitere Vorstellungen am 13., 14., 16., 20., 23., 25. und 27.8., www.salzburgerfestspiele.at

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1. War drin, konnte kaum die Augen offenhalten
Juv 12.08.2015
Einen derart zähen Brei habe ich noch nicht gesehen. Unterhaltung ohne Aktualität wollen sie bieten. Unterhaltung kommt dabei nicht heraus. Bin nach der Pause gegangen. Wie der Rezensent schon sagt: Tempo ist den Machern fremd. Gags zünden nicht. Darüberhinaus: man versteht vor lauter Sound die Lieder nicht. Tolles Bühnenbild: für diese Produktion war das verschwendetes Geld. Wenn Brecht jemals etwas sagen wollte: mit diesem Stück, heute, nicht.
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