Festspielpremiere Der "Würgeengel" macht Salzburg selig

Aus Luis Bunuels Filmklassiker "Der Würgeengel" eine Oper machen? Gewagt. Doch das Werk vom Briten Thomas Adès steckt voller Provokation und Ideen.

Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

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Gefangen! Im eigenen Haus, im bestbürgerlichen Ambiente, zwischen Klavier, Häppchen, Dienstboten, teuren Möbeln und hohen Wänden. Das geht an die Substanz der High Society, die sich nach einer Opernpremiere in den vier Wänden von Edmundo und Lucia de Nobile versammelt. Zunächst verläuft die After-Show-Party nach Plan, bis die Gesellschaft bemerkt, dass aus unerklärlichen Gründen niemand aus dem Zimmer hinaus- noch hineingelangen kann. Das war die Grundsituation in Luis Bunuels Filmklassiker "Der Würgeengel" ("El angel exterminador") von 1962, der zu den bekanntesten Werken des Regisseurs zählt. Daraus eine Oper machen? Gewagt. Aber offenbar nicht für den britischen Komponisten Thomas Adès, der die Auftragsarbeit von den Salzburger Festspielen angenommen hatte. Jetzt feierte sein Werk Premiere - und das Publikum bot begeistert Standing Ovations. Die Salzburger Festspiele hoben im "Haus für Mozart" erfolgreich ab.

"The Exterminating Angel" ist erst die dritte Oper von Thomas Adès, doch das Thema beschäftigte den erfolgreichen Komponisten schon geraume Zeit. Bereits vor seiner Shakespeare-Oper "The Tempest" aus dem Jahre 2004 dachte Adès über eine musikalische Bearbeitung des Bunuel-Stoffes nach. Große Herausforderungen sind für den Briten - 1971 in London geboren - nichts Ungewöhnliches, kann er doch stets mit originärer Herangehensweise und einer Überfülle an musikalischen Ideen punkten. Heute gehört Thomas Adès mit seinem vielseitigen Werk zu den erfolgreichsten Komponisten Europas und lieferte oft den Beweis, dass zeitgenössische Konzertmusik durchaus ein breites Publikum erreichen kann. Sei es mit Orchesterwerken, Solistenkonzerten oder Kammermusik. Und eben mit der Oper: Schon jetzt kann man sicher sein, dass "Der Würgeengel" keine Bühnen-Eintagsfliege für esoterische Freak-Zirkel bleiben wird.

Überfülle musikalischer Ideen

Voraussetzung: Man benötigt zunächst ein exquisites Sänger-Ensemble. Thomas Adès dirigierte selbst das fabelhafte ORF-Radio-Symphonieorchester Wien für diese Produktion, die demnächst auch in Covent Garden London sowie an der New Yorker Met laufen soll. Am besten alles komplett einpacken: So durchgängig brillant, wie in Salzburg die Uraufführung besetzt war, wird es sich nicht immer realisieren lassen. Jede einzelne Rolle gewann nahezu in Rekordzeit Profil, die pointiert gezeichneten Charaktere der dekadenten bürgerlichen Gesellschaft, ihre Begierden, peinlichen Fehltritte, brutalen Rückfälle in vorzivilisatorische Urzeit, aber auch tapferes Auflehnen gegen Brutalität und Barbarei, das bedarf schon einer topmotivierten Truppe von Stimmvirtuosen, die obendrein auch noch überzeugend schauspielern können.

Thomas Adès deckte seine Vokalisten von Beginn an mit differenziert auskomponierten Ensembles ein, Quartette, Quintette, Sextette und mehr setzen von Beginn an einen Intensitätsstandard, der die bedrohliche Situation schnell an den Rand des Chaos bringt. Die Erkenntnis, dass niemand mehr aus diesem Gefängnis der vermeintlich kultivierten Umgebung herauskommt, setzt sich erschreckend schnell durch.

Bedrohliche Situationen am Rand des Chaos

Adès kennt keine Hemmungen, die unterschiedlichsten stilistischen Elemente miteinander zu verknüpfen. Vollsaftige, fast spätromantische Orchester-Breitseiten stehen unvermittelt intimen kammermusikalischen Sequenzen gegenüber. Wiener Walzer trifft auf Zwölftonmusik. Plötzlich spielt die Pianistin Blanca (Christine Rice) solo Piano, die Sängerin Leticia (Audrey Luna) setzt fast parodistische Akzente, und die wunderbare Anne Sofie von Otter ist als todkranke Leonora für die herbernsten Zwischentöne verantwortlich. Es ist beinahe unfair, einzelne Sängerinnen oder Sänger aus diesem qualitativen dicht besetzten Ensemble hervorzuheben, denn das Gesamtwerk bezieht seine Faszination aus der hohen Homogenität der Truppe.

Enorm kurzweilig reiht Adès die musikalischen Bilder und zwischenmenschlichen Eruptionen aneinander, man hat Sex, prügelt sich, ein Mann stirbt im Koma und wird im Schrank verstaut, auch der anwesende Doktor Conde (seriös und kultiviert von John Tomlinson gegeben) kann ihn nicht retten. Und inmitten all des brutalen Abstieges in die Anarchie blitzt immer wieder Thomas Adès Fähigkeit zur Ironie auf, dazu sein subtiler Witz, der blendend zum ätzend schwarzen Humor von Luis Bunuels Vorlage passt.

Ironie in der Anarchie

Gibt es so etwas wie musikalischen Humor? Ja, wenn man es so eklektisch angeht wie Thomas Adès. Er ist kein stilistischer Revolutionär, kein Zertrümmerer, er nimmt, was er findet, modelt es um, montiert die Teile neu. Mit Tom Cairns fand er einen Regisseur, dessen führender Hand man anmerkt, dass er viel fürs Theater (Bühnenbild), aber auch in Film und Fernsehen Regie geführt hat. Cairns' spannende Personenregie ordnet die vielen Darsteller/Sänger stets perfekt und logisch, lässt das Personal nie im Stich. Selbst als Schafe und Lämmer zur Linderung des Hungers geschlachtet werden müssen und ein Bär auftaucht, meistert er mit Witz und Video-Ideen diese surrealistischen Überhöhungen. Was im Film einfach ist, kann auf der Opernbühne leicht behäbig wirken. Hier gelingt der Balanceakt.

Standing Ovations für die Avantgarde

Erheblichen Anteil an der hypnotischen Wirkung des Geschehens hatte die einfache, die effiziente Bühnengestaltung von Hildegard Bechtler (auch für die Kostüme zuständig), die durch Beweglichkeit und Offenheit die Räume vergrößerte und den Inhalt stets miterzählte.

Zum Schluss nahm das Ensemble samt einer quirligen Statistenschar den überwältigenden Beifall des Premierenpublikums entgegen. Vor allem Thomas Adès, der das souverän aufspielende ORF-Radio-Symphonieorchester Wien optimal leitete, freute sich über die berauschende Resonanz. Standing Ovations für eine uraufgeführte, experimentelle Oper, das gibt es nun wahrlich nicht alle Tage.



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