Phänomen Sammelmagazine Dickdarm erst in Heft 75

Was bringt jemanden dazu, Woche für Woche "Krabbeltiere der Welt" zu sammeln? Oder einen kompletten T-Rex zu bauen und dabei Hunderte von Euro auszugeben? Die Nische der Gimmick-Sammelmagazine ist absurd - und lukrativ.

Insekten, Schädel, Star Trek, Globus: Vier Sammelmagazine, die gerade am Kiosk ausliegen
Markus Böhm

Insekten, Schädel, Star Trek, Globus: Vier Sammelmagazine, die gerade am Kiosk ausliegen

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Neulich habe ich mir ein Raumschiff und einen Skorpion gekauft. Ja, wirklich. Beide waren Gimmicks in überdimensionaler Verpackung, in der sich als Anstandsbeilage jeweils ein Magazin versteckte. Ein Paket heißt "Star Trek - Die offizielle Raumschiffsammlung", das andere "Echte Insekten - Krabbeltiere der Welt". 4,99 Euro hat das "Star Trek"-Set gekostet, 1,99 Euro der rund ums Dschungelcamp im Fernsehen beworbene "Goldene China-Skorpion". Der ist konserviert, aber echt - und das Begleitheft klärt darüber auf, wo bei dem Tier eigentlich Herz und Hoden sitzen.

Die zu Raumschiff und Skorpion gehörenden Zeitschriften sind gerade gestartet und stehen für ein Konzept, das Zuschauern von Privat-TV-Spartenkanälen durch Werbeclips in heavy rotation ein Begriff sein sollte, das aber am Kiosk ein Schattendasein führt: die sogenannten Sammelmagazine. Das Prinzip dieser Hefte, die oft hinter der Theke stehen: Dem Leser wird Lust gemacht, eine Sammlung von irgendetwas aufzubauen - samt passender Begleitmagazine.

Skorpion-Extra aus "Echte Insekten": Abonnenten bekommen eine tote Vogelspinne!
Markus Böhm

Skorpion-Extra aus "Echte Insekten": Abonnenten bekommen eine tote Vogelspinne!

Jede Woche, alle zwei oder im Monatsrhythmus erscheint zu diesem Zweck eine neue Ausgabe. Während das Einstiegsheft stets unfassbar günstig ist, wird es oft schon ab der zweiten Ausgabe teuer und nervig. Aber wie bei jeder Sammlung gilt halt: Unvollständig ist nur halb so toll - oder komplett sinnlos.

Das habe ich glücklicherweise schon als Kind begriffen, als ich mich zum ersten und letzten Mal auf ein Sammelheft einließ - bis jetzt, zum Probekauf des Raumschiffs und des "China-Skorpions". Anfang der Neunziger kaufte ich regelmäßig ein Magazin namens "Dinosaurier", dem stets ein Teil eines T-Rex-Skeletts beilag. Auf den ersten Blick cool, auf Dauer anstrengend.

Einerseits weil das Skelett im Dunkeln leuchtete und deshalb nachts abgedeckt werden musste. Anderseits weil es ewig dauerte, bis das Gerippe überhaupt irgendwie interessant aussah - mit jeder neuen Ausgabe kamen nur ein paar Knochen. Als das Skelett komplett war, hatte ich jedenfalls genug. Auf die T-Rex-Außenhülle, die in den kommenden Wochen nach und nach geliefert werden sollte, verzichtete ich. Mein Dino blieb nackt.

Auch heute erscheinen Hefte, deren Beigaben für sich genommen nutzlos sind. Wöchentlich erscheint "Mein 3D-Globus" - mit einem Startpreis von 1,50 Euro und einem beeindruckenden Auftakt-Gimmick: dem Europa-Teil eines Globus. "So funktioniert dein Körper", ebenfalls 1,50 Euro, bietet zum Start den Schädel eines 1,10 Meter hohen Körpermodells.

Erster Teil des 3D-Globus: Wer ihn komplett haben will, muss ein paar gefühlte Erdzeitalter warten
Markus Böhm

Erster Teil des 3D-Globus: Wer ihn komplett haben will, muss ein paar gefühlte Erdzeitalter warten

Wie kundenfeindlich das Konzept dahinter ist, zeigen die Zahlen: Wer einen kompletten Globus samt allen Tieren und Wahrzeichen haben will, muss hundert aufeinanderfolgende Ausgaben des Magazins kaufen. Und die zweite Ausgabe von "Mein 3D-Globus" kostet schon 3,99 Euro, alle danach 6,99 Euro. Für einen mittelbeeindruckenden Plastikglobus investiert ein interessierter Heimgeograf so rund 700 Euro - und wegen des wöchentlichen Erscheinungsrhythmus fast zwei Jahre Wartezeit.

Bei "So funktioniert dein Körper" braucht man 34 Ausgaben, bis das Skelett vollständig ist. Heft 2 liefert bereits die linke Gehirnhälfte, erst Heft 75 erfreut dann aber mit dem Dickdarm. Nach 80 Heften hat man alle Muskeln und das Verdauungssystem beisammen. Die Startausgabe kostet 1,50 Euro, die folgenden Hefte 6,99 Euro. Für das vollständige Modell muss man also über 550 Euro ausgeben. Konsequent weist das Magazin auf die vermeintliche Wertigkeit hin: "Kein billiger Miniaturbausatz".

Eine Handvoll Verlage sind auf die in der Regel anzeigenfreien Sammelhefte spezialisiert: Am bekanntesten dürfte De Agostini sein, eine Verlagsgruppe mit Hauptsitz in Mailand, deren Werke wie "Faszination Traktor-Legenden" und die "Bud Spencer & Terence Hill - Die große DVD-Collection" laut Eigenwerbung in 46 Ländern erscheinen.

Harte Auflagenzahlen sind kaum bekannt. Von De Agostini heißt es auf Anfrage, in Deutschland sei zuletzt "Torten dekorieren" das meistverkaufte Sammelwerk des Verlags gewesen - bei der ersten Ausgabe habe die Druckauflage 400.000 Exemplare betragen. Der französische Verlag Hachette Collections schreibt, die Startauflage deutscher Sammlungen liege in der Regel im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Die hierzulande erfolgreichste Reihe sei "Bau die Bismarck" gewesen.

Raumschiff aus dem "Star Trek"-Set: Für 4,99 Euro günstig - doch nach der Startausgabe wird's teuer
Markus Böhm

Raumschiff aus dem "Star Trek"-Set: Für 4,99 Euro günstig - doch nach der Startausgabe wird's teuer

Mein "Star Trek"- und das Insekten-Set sind im Grunde genommen noch dankbare Vertreter des Sammelmagazins: Weil die Extras nicht aufeinander aufbauen, ist es weniger schlimm, wenn eine Ausgabe vergriffen ist oder das Heft eingestellt wird.

Teuer wird es allerdings auch für Raumschiff-Fans: Ab dem zweiten "Star Trek"-Heft fallen für jedes Modell samt 20-seitigem Magazin 14,99 Euro an. Etwas günstiger pro Heft kommen Hobby-Entomologen davon. Für das nächste Heft von "Echte Insekten", das einen Japanischen Rosenkäfer und einen Präsentationskasten mitbringt, werden 8,99 Euro verlangt.

Bis 2016 sollen 85 Insekten-Hefte erscheinen, mit denen man sich etwa eine Großschabe und eine Riesenbaumwanze nach Hause holen kann. Zur Herkunft der Insekten heißt es: "Alle Insekten und Spinnentiere dieser Sammlung wurden in speziell hierfür eingerichteten Farmen gezüchtet." Auch stehe keins der Insekten unter Artenschutz oder sei vom Aussterben bedroht. Im Netz kursiert übrigens trotzdem eine Petition, die fordert, dass "Echte Insekten" vom Markt genommen wird. "Tiere sind keine Ware und kein Spielzeug!", heißt es darin.

Ich für meinen Teil werde keines der Hefte noch mal kaufen - und abonnieren sowieso nicht. Bei "Echte Insekten" schreckt mich schon die Prämie ab. Mit der dritten Lieferung bekommen Abonnenten eine konservierte Riesenvogelspinne, als "große Ergänzung für deine Sammlung" - was durchaus wörtlich gemeint ist: Die Spinne soll 14 Zentimeter lang und elf Zentimeter breit sein. Ich habe erst letztens meine XXL-Urzeitkrebse aus dem "Yps"-Heft verschenkt. Mit angeblich bis zu acht Zentimetern Körpergröße zu gigantisch.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
ColynCF 30.01.2015
1.
Danke. War mir ja schon klar, dass hinter diesen Zeitschriften Abzocke steckt und das komplette Modell am Ende viel zu teuer bezahlt ist. Wieviel das komplette dann insgesamt kostet, wusste ich aber nicht. Gekauft habe ich es noch nie und werde es auch nicht. Wenn ich irgend ein Modell haben will, dann hole ich mir einen fertigen Bausatz, z.b. von Revell oder so.
markus_wienken 30.01.2015
2.
Den Skorpion habe ich mir auch gekauft, als Erinnerung an meinen letzten China Urlaub wo ich so einen frittiert gegessen habe. Evtl. werde ich mir noch das eine oder andere Insekt als Deko zulegen, komplett werde ich es nicht benötigen. Bei dem Globus oder dem Menschen/Skelett gibt es preiswertere Alternativen und man hat nicht das Risko (wie es auch der Autor erwähnt), dass ein Magazin auch mal eingestellt werden kann und man mit einem teuren halbfertigen Produkt sitzen bleibt. Aber der Sammeltrieb ist bei vielen Menschen stark ausgeprägt, insofern eine "pfiffige" Idee...
random_walker 30.01.2015
3.
"Dinosaurier" hab ich mir als Kind auch gekauft - bis einschließlich Außenhülle, bin mir allerdings nicht sicher ob die am Ende vollständig war. Hat sich langfristig aber eher wegen der Hefte als wegen des T-Rex gelohnt, da ich doch ziemlich viel drin gelesen hab - Mangels Wikipedia war das damals sicher eine gute Informationsquelle :)
gott777 30.01.2015
4. Interessant
Wieviel Geld da so in eine "Sammlung" fließen kann... Ich hatte übrigens auch den Tyrannosaurus Rex, sogar mit Außenhülle, die allerdings extrem instabil war bzw. die Verbindungsstifte schnell abbrachen... Ich glaube, er steht noch heute in meinem alten Kinderzimmer bei meinen Eltern rum. Hach ja, und die coole 3D-Brille dazu für die zweifarben-Bilder, also ich hab's gemocht :-)
mchenryarts 30.01.2015
5. 3D-Drucker
In UK gibt es einen 3D-Drucker in Form eines solchen Sammelmagazine. 2 Jahren und 800€ später kann man dann (endlich) 3D drucken. :-)
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